Der Anfang vom Ende

Vielen erschien unser Rückzug von Shantis Erleuchtungstruppe als etwas übereilt. Ich muss sagen, er kam genau zum richtigen Zeitpunkt. So hatten wir keine Gelegenheit, der wilden Orgie, die sich dann gerüchteweise abgespielt hat, beizuwohnen, was sich für mein seelisches Gleichgewicht sicher als vorteilhaft erwiesen hat. Offen gestanden glaube ich die Gerüchte sogar. Es kam nämlich zu keiner Anklage gegen Shanti, was dieser mit dem Besitz einiger interessanter Fotos begründete. Ich weiß das, weil Shanti seit neustem regelmäßiger Gast auf meiner Couch ist. Er scheint Gefallen an Ivan gefunden zu haben – oder an mir, und ich bin einfach zu höflich, ihn rauszuschmeißen, und so sitzt er etwa drei Mal pro Woche da und philosophiert vor sich hin. Dabei erzählt er mir regelmäßig, dass er, obwohl erleuchtet, noch immer auf der Suche nach sich selbst sei. Ich empfahl ihm, sich mal zu googlen, da findet man ja so ziemlich alles, vielleicht auch sich selbst. Er fand das irgendwie nicht so witzig, aber es hält ihn auch nicht davon ab, weiterhin auf meiner Couch Platz zu nehmen. Ich denke mir dann oft, wäre ich mal Psychiater geworden, dann könnte ich für Shantis Selbstfindungstrips auch noch Geld nehmen. Aber egal, um Shanti soll es eigentlich auch gar nicht gehen. Erwähnenswert ist auch, dass trotz Wachtmeister Mosers ernsthaften Bestrebungen niemand wegen der Ketanest-Geschichte verhaftet wurde. Muss auch was mit den Fotos zu tun haben, die Shanti mir partout nicht zeigen möchte. Er verriet mir nur, Herr Wachtmeister habe jetzt ein paar neue Piercings an diskreter Stelle. Ich wollte es gar nicht genauer wissen, aber Indira hat wohl mal in so einem Studio gearbeitet und verfügt somit über einschlägige Erfahrung. Naja. Jetzt wisst Ihr, warum ich im Rettungsdienst immer so erpicht darauf bin, den Ort des Geschehens schnellstmöglich wieder zu verlassen. Man muss nicht alles sehen.
Willi haben wir in der Klinik abgeliefert. Nicht in unserer, weil ich meinen sozialen Tag hatte. Der hat sich da ausgeschlafen und wird wahrscheinlich nie wieder Ketanest anfassen. Ich hatte gehofft, dass irgendwer den Ungut mal aus dem Verkehr zieht, aber das ist jetzt ja leider nicht der Fall. Wenigstens habe ich nun ein gutes Druckmittel gegen ihn, und ich bin mir sicher, es wird sich demnächst mal eine Gelegenheit ergeben, wo sich mein Wissen um seinen laxen Umgang mit Betäubungsmitteln als nützlich erweisen wird.

Die Geschichte hätte ich im Großen und Ganzen also schnell vergessen können, würden ihre Protagonisten nicht permanent in meinem Leben aufkreuzen. Aber mein Leben geht ja trotzdem weiter. Am Mittwoch beispielsweise stand ich nichtsahnend im OP. Machte Narkose, wie immer eben. Da kam Oberarzt Gashahn herein und sagte: “Anna, wir haben einen neuen PJler. Könnten Sie sich seiner annehmen?”
“Ja, ja, ja!” rief ich. Ich liebe Studenten. Sie lassen sich stundenlang zutexten und müssen dabei immer höflich bleiben. Und man kann sie mit unnützen Dingen quälen, die sie nicht ablehnen dürfen (“Mach eine BGA und bring mir auf dem Rückweg was zu Trinken mit. Und was zu Essen. Ich hätte gerne eine Milchschnitte, sieh zu, wo du eine auftreibst. Intubieren darfst du erst, wenn ich sehe, dass du adäquat mit dem Getränkeautomat umgehen kannst.” usw…)
“Super.” sagte  der Gashahn. “Ich hole ihn mal. Seien Sie bitte nett zu ihm, er ist ein Neffe vom Dr. Ungut.”

Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass das bad news bedeuten würde. Ich sollte Recht behalten.

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Auf dem Weg zur Erleuchtung (Teil 5) – Finale

Ich erhielt von Marek die Info, dass Maurice auf der Wache war. Ich rief ihn an und hatte Glück, er meldete sich schon beim zweiten Klingeln. Ich ließ mir von ihm noch einmal dezidiert die Ereignisse schildern, die nach meinem Rückzug von Dr. Ungut und Willi im Haus der alten Dame vorgefallen waren. Es stellte sich heraus. dass Maurice dem Ungut das Succinylcholin aus der Hand gerissen hatte, bevor dieser auf dumme Gedanken kam. Sie hätten dann Willi gut zugeredet und nach ein paar Minuten war der Spuk auch vorbei. Ungut hatte insistiert, Willi mit auf die Wache zu nehmen, wo er, nachdem er seinen Rausch vollständig auskuriert hatte, mit Ungut für den Rest der Nacht auf dem NEF mitgefahren war. Ich schlug Maurice vor, mal seine Ketanest-Bestände zu überprüfen, und was soll ich sagen? Bingo, es fehlten genau die Ampullen, die wir in Willis Rucksack gefunden hatten. Ich dankte Maurice für diese Information und überlegte, was ich jetzt damit anfangen sollte. Dabei wurde ich leider der Tatsache gewahr, dass alle mich anstarrten.
“Ähh….” sagte ich. Willi kam mir zum Glück zu Hilfe, noch etwas benommen meldete er sich zu Wort: “Wo ist denn der Rest von dem geilen Zeug? Ich will mehr davon.” Ich bekam einen Hustenanfall, aber zu spät, Herr Moser stürzte sich sogleich auf Willi.
“Ich muss sie wohl festnehmen, Herr Willi. Wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.” Willi sah ihn entsetzt an.
“Wegen so was nimmt man doch nicht gleich einen fest, oder?” fragte ich irritiert. “Außerdem ist er auch gar nicht in der Lage, irgendwo hin mitgenommen zu werden, von der Klinik mal abgesehen.” Herr Moser sah mich verärgert an.
“Sie geben ihn also nicht frei?”
“Freigeben? Von mir aus können Sie den mitnehmen und sich zu Hause ins Wohnzimmer stellen, aber nicht heute!” Ich wusste auch nicht, warum ich Willi half, aber irgendwie fühlte ich mich dann doch ein wenig schuldig wegen der Aktion mit dem Ungut. Das brachte mich allerdings noch auf eine Idee… ich schloss messerscharf, dass Willi sich wahrscheinlich nicht allein am Medikamentenscharnk bedient haben konnte…
“Herr Moser…” fing ich mit einem diabolischen Grinsen an. “Wäre es für sie nicht viel interessanter an die… sagen wir mal… Hintermänner des Geschehens zu kommen?” Herr Moser ließ von Willi ab und sah mich interessiert an. Ich sprach weiter: “Ja… also, der Willi hat ja gar keinen Zugang zu solchen Mengen an Ketanest… ich kann Ihnen aber sagen, wer es ihm besorgt hat… und gegen diesen Herren ist sowieso noch ein Strafverfahren anhängig, in Mexiko, wissen Sie… hat bestimmt auch was mit Drogen zu tun.” Herr Mosers Augen leuchteten. Er bedeutete mir aufgeregt, weiter zu sprechen. Er witterte den großen Coup. Den sollte er haben. “Der Herr heißt Dr. Ungut. Sie finden ihn heute auf der 4er Wache. Und entziehen Sie ihm bei der Gelegenheit auch gleich die Approbation. Obwohl…” fügte ich in einem verschwörerischen Ton hinzu. “Wer weiß, ob die überhaupt echt ist… Sie wissen schon… Urkundenfälschung.”
Herr Moser hob begierig den Kopf. “Ahhh… Sie meinen… Herr Willi! Können Sie die Aussage von Frau Dr. Anna bestätigen?” fragte Herr Moser Willi geschäftsmäßig. Herr Willi sah aus, als hätte er gerade drei Gin Tonic auf ex getrunken und war sicher nicht in der Lage, irgendwas zu bestätigen, aber das brauchte ich Herrn Moser ja nicht extra zu sagen. Sicherheitshalber trat ich Willi aber nochmals unauffällig in die Seite. “Aua! Ja, natürlich kann ich das… äh, bestätigen? Der Ungut war’s. Habt Ihr auch das Morphin gefunden?” Ich trat ihn noch mal.
“Sie meinen Heroin?” fragte Herr Moser. seine Augen leuchteten.
“Nein, Morphin, hat er doch gesagt.”  entgegnete Tim, der gerade nochmals Willis Rucksack inspizierte. In der Seitentasche wurde er fündig. “Ach, guck mal.” sagte er. “Die Großpackung!” Herr Moser riss ihm die Ampulle hektisch aus der Hand. “Das ist Beweismaterial, Sie Flegel, damit geht man nicht so um.” Dann warf er die Ampulle zusammen mit dem Ketanest in eine kleine Plastiktüte. Er war sichtlich zufrieden. “Äh, Mayer, schicken Sie mal eine Streife zu dieser Wache da und lassen Sie diesen Herrn Ungut auf die Dienststelle bringen. Mir scheint es, als wären wir hier einem größeren Kartell auf der Spur…” Er rieb sich die Hände. In diesem Moment kam Shanti, der den Raum kurz zuvor verlassen hatte, wieder zur Tür herein. Auf seinem Arm trug er ein altmodisches Tablett, worauf eine Menge Kekse lagen.
“Plätzchen?” rief er laut. “Es ist schließlich bald Weihnachten.” Begeistert scharten sich die Leinenfreunde um ihn. “Jeder nur eins, Kinder. Sie auch, Herr Wachtmeister?” fragte er zuckersüß.
“Ach… wo doch Weihnachten ist… und nach DEM Fahndungserfolg!” Freudig nahm er sich einen Keks. Die anderen Beamten hielten sich dezent im Hintergrund. Willi war auch schon erstaunlich flink auf die Beine gekommen, und stürmte auf Shanti zu. Ich packte ihn am Kragen, so dass es ihn einmal um die eigene Achse drehte. Dann griff ich Shanti an seinen Dreadlocks und drehte sein Ohr so weit zu mir, dass hinein flüstern konnte. “Ey, das ist doch nicht etwa das, was ich denke…?” Er sagte nichts, sondern grinste nur breit.
“Du Idiot.” fauchte ich. “Ich besuch dich dann im Knast.”
Ich griff auch noch Marek und Tim, die sich gerade auf den Weg zu den Plätzchen machen wollten. “Wir gehen.” sagte ich entschieden. Beide sahen enttäuscht aus. Ich hatte Willi noch immer am Kragen gepackt und schleifte ihn hinter mir her. Und dann machte ich das, was ich in solchen Situationen immer mache.

Ganz schnell und unauffällig rückwärts durch die Tür verschwinden.

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