Hallo McFly, jemand zu Hause???

Es tut mir ja wirklich leid, dass man so gaaaar nichts von mir gehört hat in den letzten Wochen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass ich gerade an einem anderen Projekt arbeite, das sehr viel meiner Freizeit frisst – wer es genauer wissen möchte, ich schreibe etwas für einen kleinen Verlag – Ende des Jahres muss ich das Manuskript abgeben… daher ist das Bloggen in letzter Zeit ein wenig zu kurz gekommen. Allerdings habe ich einige Storys gesammelt, so dass ich dann, wenn die Zeit es zulässt, auch wieder gut was zu berichten habe… Hier ein kurzer Teaser aus der Rubrik “Prämedikationswahnsinn”, in ähnlicher Form schon mal berichtet, aber es passiert einfach zu häufig, als dass ich es jedes Mal unerwähnt lassen kann:

Er, Mitte 70, sieht aus als würde er kurz vor einem Herzinfarkt stehen.
“Herr Müller, wie schön, sie haben auf ihrem Bogen angegeben, dass sie völlig gesund sind! Keine Krankheiten, keine Medikamente – und das in ihrem Alter! Herzlichen Glückwunsch!”
Guckt mich an, Marke “Mondauto”.  Ich: “Oder nehmen sie etwa Medikamente ein?” Zuckt mit den Schultern. Nickt. Zeigt auf die Akte. “Da drin!” Ah, es spricht. Ich öffne die Akte und lese mit zunehmendem Grauen die lange Liste an Medikamenten durch.
“Herr Müller… Sie nehmen (unter anderem) ASS und Clopidogrel ein…” Mondauto. “Ist das richtig?”
“Weiß nicht.”
“Steht hier aber.”
“Weiß nicht.” Mondauto mit Mondkalb auf dem Vordersitz.
ASS plus Clopidogrel, zwei Blutverdünner, bedeutet zu 90%, der Kunde hat mindestens einen Stent im Herzen, was wiederum zu 100% bedeutet, dass der Kunde NICHT völlig gesund ist. Und es bedeutet zu 150% dass der elektive Ersatz des Kniegelenks in nächster Zeit nicht stattfindet, außer…
“Herr Müller…  wäre es denkbar, dass sie das Clopidogrel nicht mehr einnehmen?”
“Weiß nicht.” Mondkalb tanzt gerade auf dem Mondauto.
“Herr Müller, hatten Sie mal einen Herzinfarkt?”
“Ja. Letztes Jahr war das.” Es hat fast zwei Sätze gesagt. Hammer.
“Und da hat man Ihnen Stents eingesetzt?”
“Weiß nicht. Haben da irgendwas gemacht.”
“Ja, Stents, daher auch das ASS und das Clopidogrel!”
“Weiß nicht.”
“Herr Müller, ich fasse jetzt mal zusammen. Sie wissen nicht, was man mit Ihrem Herzen gemacht hat und Sie wissen auch nicht, was Sie da für Medikamente einnehmen. Sie wissen weder wofür die Medikamente sind noch ob sie diese aktuell nehmen. Was wissen Sie überhaupt über Ihren Körper?” Hallo McFly, jemand zu Hause???

Den letzten Satz sagte ich natürlich nur in meinem Kopf. Dies ist dann allerdings der Punkt, an dem ich aufgebe und nach Aktenlage prämediziere, damit ich mir nicht mehrfach den Kugelschreiber ins Auge ramme, so könnte ich mich dann aufregen. Aber es bringt ja nichts…

 

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Der Nachbarjunge

Der Fall war eigentlich recht unspektakulär. Eine Frau höheren Alters mit Schmerzen auf der Brust. Interessant war das Drumherum. Ein etwa 16jähriger junger Mann wies uns ein und zeigte uns eifrig den Eingang zum Haus.
“Ich wohne nebenan.”, erklärte er uns. “Frau Meyer hat mich gerufen, als es ihr nicht gut ging, wissen Sie?” Ich nickte, während ich die Treppen hochstieg. Ein wenig wunderte ich mich ob der Uhrzeit, es war kurz nach Mitternacht, aber gut. Vielleicht lebte Frau Meyer allein und der junge Mann war ihr Enkelersatz. “Ich habe schon mal ihre Medikamente rausgelegt.”, plapperte der Schüler weiter. “Die liegen auf dem Tisch.”
“Sehr gut, danke!”, antwortete ich. Von einem 16jährigen Nachbarjungen hätte ich eine solche Initiative nicht erwartet und war ernsthaft beeindruckt. Wir betraten die Wohnung. Eine Dame Mitte 70 wartete auf der Couch auf uns. Das Team vom RTW war schon da und legten gerade einen Zugang. Ich wechselte ein paar Worte mit der Frau. Sie erzählte kurz, dass sie schon mal einen Herzinfarkt gehabt habe, vor ein paar Monaten hatte man ihr daher Stents implantiert. Mein Blick glitt über die Medikamente auf dem Tisch. Sie waren in Reih und Glied aufgestellt. Ich fand schnell, was ich suchte, ASS und Clopidogrel. Die Dame hatte also einen drug-eluting Stent bekommen, für mindestens sechs Monate wurde sie also doppelt in ihrer Thombozytenfunktion gehemmt mit eben diesen beiden Medikamenten, die dafür sorgen sollten, dass die Stents im Herzen nicht gleich wieder zugingen. Allerdings war dies jetzt möglicherweise doch der Fall, denn Frau Meyer beklagte Schmerzen hinter dem Brustbein. Während ich auf den EKG-Ausdruck wartete, sah ich mir die übrigen Medikamente an. Da trat der Nachbarjunge wieder neben mich.
“Also, das hier sind die Medikamente!” Er zeigte nachdrücklich darauf.
“Ja, danke!”, sagte ich erneute. Ich hatte jetzt auch den Rest der Medikation erfasst. Standardmittel für Herzpatienten: Blutdrucksenker, Betablocker, CSE-Hemmer etc. Der Junge nahm die Packung mit ASS und die mit Clopidogrel in die Hand.
“Also, diese beiden hier sind zur Blutverdünnung.”, erklärte er mir.
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Erklärte mir der junge Mann gerade tatsächlich, wofür diese Medikamente gut waren? Etwas amüsiert grinste ich und wollte gerade etwas Spöttisches sagen. Da besann ich mich eines Besseren. Irgendwie konnte ich diese Situation ja durchschauen. Der junge Mann war am Rettungswesen interessiert und wahrscheinlich in irgendeiner Schüler-Sani-Gruppe. Das erklärte, dass er wusste, dass wir nach Medikamenten fragen würden und vielleicht auch, warum die alte Frau Meyer ihn um diese nachtschlafende Zeit geweckt hatte. Er hatte seine Sache gut gemacht, er wollte jetzt ein wenig Anerkennung. Vielleicht hatte er auch gehofft, dass wir ihm ein wenig was erklären würden, da er ja augenscheinlich etwas Fachkenntnis besaß, und als das ausblieb (was nicht meinem prinzipiellen Unwillen, sondern vielmehr der späten Stunde geschuldet war), hatte er noch einmal nachgesetzt,was jetzt gehörig daneben gegangen war. Das schien ihm wahrscheinlich auch gerade aufzugehen. “Aber das wissen Sie ja sicher.”, schob er schnell nach.
“Ja, das weiß ich.”, sagte ich nur. Dann wandte ich mich wieder der Patientin zu.

Einer der Rettungsassistenten erbarmte sich schließlich seiner. Er durfte einen Koffer tragen. Das machte er dann auch ganz stolz. Und ebenso stolz schob er ganz selbstständig den Koffer in die dafür vorgesehene Stelle im RTW.
“Danke.” Ich nickte ihm freundlich zu. Ist doch schön, wenn man mit einfachen Dingen die Leute glücklich machen kann.  ;-)

 

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