Vermarktungsstrategien (3)

Maurice und ich stolperten hektisch in eine Wohnung in einem gut situierten Vorort. Das Meldebild war “bewusstlose Person”, der Rest der Rettungsmannschaft war schon vorort. “Was ist denn los?” fragte ich außer Atem. Zu reanimieren gab es jedenfalls nichts, das sahen wir schon auf den zweiten Blick. Eine junge Frau saß auf dem Sofa, der dazu passende Typ in rosa Poloshirt hing halb auf ihr und tätschelte ihr den Arm.
“Synkope.” Einer der Rettungsassistenten zuckte mit den Schultern. “Nix weiter. Ist ja auch heiß.”
“Wie lange waren Sie denn bewusstlos?” fragte ich die Frau.  Sie sah mich mit großen Augen an. Ich fühlte mich schlagartig an Blondie erinnert.
“Bewusstlos?” Ich war mir nicht sicher, ob sie das Wort überhaupt  verstand. “Ich war gar nicht bewusstlos.”
“Nein?” Ich wurde langsam ungeduldig. “Was dann?”
“Ihr war total schlecht und schwindelig!” rief das rosa Poloshirt. “Dann hat sie sich hinlegen müssen!”
“Aha. und jetzt?” fragte ich ungerührt.
“Jetzt ist wieder gut.” sagte das rosa Poloshirt.
“Sie können jetzt wieder gehen. Danke.” fügte das blonde Ding noch hinzu.
“Sind Sie privat versichert?” fragte ich mit wachsender Begeisterung.
“Natürlich.” entgegnete sie.
“Super.” sagte ich. “Das gibt eine saftige Rechnung.” Dann dachte ich nochmals kurz nach und griff in meine Jackentasche. Dort holte ich das berühmte Buch heraus. “Das habe Sie übrigens auch gerade gekauft. Ich schreib’s auf die Rechnung.” Damit ließ ich Gottes Geschenk an den Literaturbetrieb auf das Sofa fallen. Das blonde Ding hob es mit zwei Fingern auf und machte ein Gesicht, als habe sie gerade einen drei Wochen alten Kadaver anfassen müssen. Dann betrachtete sie die Rückseite.
“So einen Mist lese ich doch nicht!” Mit diesen Worten schmiss sie es achtlos auf den Boden. Ich hob es schnell auf und steckte es wieder ein.
“Fünffacher Satz, mindestens.” sagte ich im Rausgehen zu Maurice, gerade so laut, dass die beiden es noch hören konnten.

Langsam muss sich mal was ändern an der Vermarktung… Hat irgendjemand eine Idee???

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Oh nee… (Teil 4)

“Jaaaaaa?” fragte ich Martin auffordernd. Ich war jetzt wirklich interessiert daran zu erfahren, was das “Problem” war, weswegen wir des Nachts um drei in dieser Einrichtung aufgeschlagen waren.
“Also, der Adrian… der Adrian hat mir erzählt, dass nach dem letzten Schuss gewisse Dinge nicht mehr so gut funktionieren.” Adrian sank bei Martins Worten noch etwas tiefer ins Sofa. “Also, genau genommen hat seine Freundin, die Michelle, mir das gesagt.”
“Bitte?” fragte Maurice.
“Ja, genau. Sie wissen schon…”
“Wir haben hier einen Notarzteinsatz nachts um drei wegen einer erektilen Dysfunktion?” vergewisserte sich Maurice erneut.
“Nun…” Martin räusperte sich. Das ist echt nicht gut für den Adrian. Der hat schon genug Probleme. Sich noch mit sowas zu belasten… Da habe ich gesagt, Adrian, habe ich da gesagt, da muss sofort Hilfe her.”

“Hilfe?” fragte ich. “Hilfe? Soll ich strippen, oder was habt Ihr Euch da vorgestellt?” meine Stimme überschlug sich fast.
“Ich dachte da eher an… Viagra?”
Maurcie bekam einen Hustenanfall.
“Und Sie glauben allen Ernstes, dass wir das hier in unserem Notarztkoffer haben?”
“Ja… darüber habe ich nicht nachgedacht… aber ich dachte…”
Ich hob die Hand und bedeutete ihm zu schweigen. “Pass mal auf, Sherlock. Dass da nicht alles so im Lot ist, wenn man sich so ein Zeug in die Venen spritzt, das sollte sich ja vielleicht auch bis zu Euch beiden Hübschen rumgesprochen haben. Hier stehen jetzt zu dieser unchristlichen Stunde…” ich zählte kurz durch, “… fünf Leute, die extra aufgestanden sind, um hier Leben zu retten. LEBEN RETTEN! Nicht POTENZSTÖRUNGEN BEHANDELN.”
Martin blickte etwas pikiert drein. “Aber wo ihr schon mal da seid… könntet Ihr vielleicht ein Rezept…?”
“Nein!” brüllten fünf Menschen unisono.

Damit packten wir unsere Koffer wieder und gingen. Ganz, ganz schnell.

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Öfter mal was Neues: Cardia 1

Phillip und ich spielten mal wieder zu zweit Skat, als der Alarm losging. Etwas unbegeistert rannte ich zum Auto, schließlich war ich gerade am Gewinnen, und der Einsatz war das Frühstück nach Schichtende. Es war so gegen 20 Uhr, eigentlich hatte ich mein Soll für den Tag schon erfüllt. Das Fax der Leitstelle sagte nur “Cardia 1″. Die Adresse war irgendwo in der besten Gegend der Stadt. Ich seufzte. Phillip seufzte. Wir fuhren los. Nach vier Minuten Fahrt kamen wir noch vor dem RTW an einem stattlichen Altbau an. Ich überschlug mal kurz, was wohl die Miete hier kosten würde und beschloss, dass ich darin wahrscheinlich ein halbes Zimmer beziehen könnte. Wie die Packesel beladen machten wir uns auf in den dritten Stock zu “Schmidt”. Herr Schmidt öffnete die Tür und begrüßte uns etwas genervt: “Da sind Sie ja endlich!” rief er aus. Phillip und ich sahen uns an. Dann sahen wir Herrn Schmidt an, dann sahen wir auf unsere Uhren. Dann sagten wir einfach mal nichts. “Kommen Sie rein!” wies und Herr Schmidt unwirsch an. Die Wohnung war groß und geschmacklos eingerichtet. Ich erspare Euch die Details. Im Flur auf dem Weg ins Wohnzimmer hielt er Schmidt plötzlich an.
“Wissen Sie, meine Freundin ist sehr aufgeregt. Sie nimmt das alles ziemlich mit.” Im Hintergrund hörte ich ein Schluchzen, das mir irgendwie bekannt vorkam. “Das Problem ist, dass ich schon den ganzen Tag das Gefühl habe, dass ich einen Herzinfarkt bekommen werde!” sagte er nicht ohne Stolz.
“Wie bitte, was?” fragte ich, meinen Ohren nicht ganz trauend.
“Ich denke, dass ich einen Herzinfarkt bekommen werde.”
Ich sah Phillip an.
“Er denkt, dass er einen Herzinfarkt bekommen wird.”  wiederholte ich.
“Tatsächlich?” fragte Phillip.
Herr Schmidt setzte unbeirrt seinen Weg ins Wohnzimmer fort. Wir folgten und stellten dort erst einmal unser Equipment ab. Da hörte ich es hinter uns Poltern. Die RTW-Mannschaft war da. Zu dritt. Noch mehr Equipment. Den einen kannte ich, er hieß Tim.
“So, Herzinfarkt oder was?” fragte Tim laut und sah sich im Raum nach dem vermeintlichen Opfer um. Ich zeigte auf Herrn Schmidt. “Er glaubt, dass er noch einen Herzinfarkt bekommen wird.”
“Deshalb hat er uns vorsorglich schon mal gerufen.” Die drei RTW-Jungs sahen Herrn Schmidt ungläubig an.
“Ich krieg auch gleich nen Herzinfarkt. Fährt mich jemand zurück auf die Wache?” fragte Tim.
Ein lautes Heulen riss uns aus unserer Bewegungsstarre. Wir blickten zur anderen Seite des Raumes und sahen dort auf dem Sofa… Wen wohl?

Fortsetzung folgt…

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