Hypochondrie inkognito

Es ergab sich an einem schönen Wochenende, dass ich von einem akuten Anfall von Hypochondrie befallen wurde. Eine Schwellung am Bein, die mit Sicherheit mindestens eine tiefe Beinvenenthrombose darstellte, machte mir das Leben schwer. Da ich mich auch gerade im Frei befand, konnte ich nicht so einfach bei mir in der Klinik diskret Labor abnehmen und einen vertrauensvollen Kollegen mal ganz schnell Dopplern lassen – also fühlte ich mich bemüßigt, in die Notaufnahme eines Großkrankenhauses am anderen Ende der Stadt zu fahren – weit weg, damit mich bloß keiner kennt. Ich entschied mich für die inkognito-Variante, um mich hemmungslos in meinen hypochondrischen Anwandlungen wälzen zu können, ohne, dass ich von den Kollegen dort gefragt würde, ob das jetzt WIRKLICH MEIN ERNST sei – so als Mediziner und so.
Ich schaffte es auch tatsächlich inkognito in den Untersuchungsraum und hatte das erste Gespräch mit einer sehr freundlichen Internistin hinter mich gebracht, in dem ich einfach nur brav bei allem nickte, was sie mir erklärte. Während sie mir gerade Blut abnehmen wollte, öffnete sich die Tür und eine Schwester kam herein. Sie musterte mich eine Weile.
“Ich kenne Sie doch!”, sagte sie schließlich.
“Ausgeschlossen.” erwiderte ich.
“Doch, doch… warten Sie mal… waren Sie schon mal hier?”
“Noch nie!” Mir rannte bereits der Schweiß von der Stirn.
“Warten Sie… ich kenne Sie aus dem Klinikum xyz!” Na toll, xyz ist das Krankenhaus, in dem ich tätig bin, auch das noch. Zum allem Überfluss musste ich mir eingestehen, dass die Dame mir auch verdächtig bekannt vorkam. “Ja! Da war ich bis vor ein paar Wochen noch in der Notaufnahme tätig!”, rief sie aus und überlegte angestrengt weiter. “Arbeiten Sie vielleicht im Klinikum xyz?”
“Äh…”, sagte ich und überlegte krampfhaft, wie man am besten NEIN sagt, ohne NEIN zu sagen.
“Na klar! Jetzt weiß ich’s! Sie arbeiten auch als Notärztin, richtig? Daher kenne ich Sie!” Ich wurde puterrot.
“Möglicherweise habe ich das ein oder andere Mal…”
“Ach, Sie sind Kollegin?” mischte sich die Internistin in die Debatte ein. “Welche Fachrichtung denn?”
“Anästhesie…”, nuschelte ich so leise, dass ich hoffte, sie würde es vielleicht nicht hören.
“Sie sind Anästhesistin? Und dann ist dieser Mückenstich hier WIRKLICH IHR ERNST?”

Ja… das war wohl nichts.

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Das Aufklärungsgespräch

Und hier wieder eine Folge von “Wieso ich eigentlich Medizin studiert habe”…

Die befreundete chirurgische Fachabteilung hatte schon gefühlte hundert Mal angerufen. Wann ich denn endlich käme… dieser GAAAANZ wichtige Patient solle am Montag operiert werden. Jetzt, am Samstag, müsse er ganz schnell für die Narkose aufgeklärt werden. Und zwar von mir. Wann ich denn käme? Ich seufzte. Wenn ich hier im OP fertig bin, erklärte ich. Drei weitere Anrufe später schlurfte ich endlich auf Station, um mir diese Notfallaufklärung mal anzusehen. Recht schnell stellte ich fest, dass der ganz wichtige Patient unserer Sprache leider nicht mächtig war. Und ich nicht seiner. Das macht sich immer schlecht im Aufklärungsgespräch. Wenn man sich nicht unterhalten kann. Ich seufzte mal wieder. Nach einigem Suchen hatte ich einen Kollegen der befreundeten Fachabteilung gefunden und beschwerte mich ein wenig darüber, dass man mich hierher zitierte, und dann kann ich nicht mal mit dem Patienten reden. Man solle mir bitte einen Übersetzer organisieren – und zwar pronto. Zerknirscht sicherte man mir einen solchen zu. Ich solle um 19 Uhr wiederkommen. Gesagt – getan. Punkt 19 Uhr stehe ich wieder auf dem Stationsflur. Eine mitleidige Schwester schüttelte nur stumm den Kopf. Ich war mal wieder verärgert. Die Schwester sicherte mir zu, sie würde mich anrufen, wenn der Übersetzer da sei. Gegen 21 Uhr meldete sie sich tatsächlich. Ich stand wieder im OP. Er müsse dann eben warten, sagte ich. Die Schwester druckste ein wenig herum… das mit dem Übersetzer… also, er spreche ja die Sprache des Patienten, aber auch kein Deutsch. Ich müsste das auf Englisch machen. Ich seufzte ERNEUT. Eigentlich mache ich keine Aufklärungen über drei Sprachen, aber wenn es nicht anders ginge… um diese Uhrzeit war ich langsam zu Kompromissen bereit. Ich stiefelte nach getaner Arbeit erneut auf Station. Wortlos nahm ich mir die Akte des Patienten und arbeitete sie durch. Dann ging ich zu Patient und Übersetzer und stellte mich vor. Ich ging mit dem Übersetzer die lange Liste der Vorerkrankungen durch. Ich redete und redete, der Übersetzer, der, wie man sich denken kann, kein professioneller Dolmetscher war (war ja schließlich Wochenende), sondern vielmehr ein Verwandter des Patienten, sagte immer “ja”, bzw. “yes”. Nach etwa 15 Minuten war ich damit fertig und fing an, Fragen zu stellen. Ich wollte da etwas zu den Medikamenten wissen. Der Übersetzer sah mich an wie ein Mondauto. Mich beschlich eine leise Ahnung.
“Verstehen Sie eigentlich ein Wort von dem, was ich zu Ihnen sage?” fragte ich. Wieder dieser unverständige Blick.
Schließlich sagte er in gebrochenem Englisch: “Können wir das vielleicht morgen machen… mit Dolmetscher?”

Ich seufzte. Und ging.

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Intermission: Wieder was gelernt

Es war ein typischer Notarzteinsatz. Nachts um halb drei, das blutende Polytrauma stellte sich als kleine Kopfplatzwunde heraus. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit war meine Übergabe an die Schwester in der Notaufnahme auch eher dürftig. Ich zeigte auf den Patienten und sagte: “Hmpf” und nuschelte dann sowas wie “Kopfplatzwunde, stabil, orientiert, nix weiter”. Dann blieb ich brav stehen und wartete, bis sich die Schwester den Patienten angesehen hatte.
“Sie sind wohl Anästhesistin?” stellte sie nach ihrer ausführlichen Untersuchung des Patienten fest.
“Ja, wieso?” fragte ich, jetzt wieder etwas wacher.
“Nun, das ist ganz einfach. Wären Sie Chirurgin, dann hätte der Patient jetzt irgendwas geschient oder verbunden. Wären Sie Internistin, dann hätten Sie mir zuerst was über den Auskultationsbefund von Lunge und Herz gesagt. Da der Patient aber keine Schienen oder Verbände hat, Sie mir nichts über seine inneren Organe verraten und er außerdem angibt, schmerzfrei zu sein, können Sie eigentlich nur aus der Anästhesie kommen.”

Ich war verblüfft und hatte wieder was gelernt.

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