“Gerüchte über meinen Tod sind stark übertrieben”

Frei nach Mark Twain kommt hier eine etwas ungewöhnliche Geschichte.

Normalerweise können Angehörige es oft nicht fassen, wenn einer Ihrer Verwandten plötzlich von Ihnen geht. Gerade, wenn es in Bereiche der Hirntodfeststellung geht, ist das für nahestehende Personen für gewöhnlich nur schwer zu begreifen und der Tod wird eher negiert. Dass es auch anders geht, beweist folgender Fall:
Die 80Knick Jahre alte Frau Schultze erlitt einen beobachteten Kreislaufkollaps. Der sofort hinzugezogene Notarzt und das Rettungsteam konnten das Kammerflimmern unterbinden und Frau Schultze erfolgreich reanimieren. Sie wurde in die Klinik gebracht und lag intubiert und beatmet auf der Intensivstation. Routinemäßig wurde die Hausärztin der Patientin angerufen um zu fragen, wie Frau Schultze denn bislang so beieinander war.
“Wie?” sagte die Hausärztin. “Frau Schultze liegt bei Ihnen? Heute morgen rief mich der Ehemann von Frau Schultze an und berichtete, Frau Schultze sei leider verstorben.”
Äh… naja, das ist jetzt möglicherweise ein wenig übertrieben…

Bei genauem Ansehen der Angehörigen fiel auf, dass diese keineswegs in böser Absicht schon mal Mudderns Ableben beschworen hatten, sondern dass sie schlicht nicht verstanden, dass Frau Schultze zwar intubiert und beatmet war, aber nicht tot. Auch nicht hirntot. Eigentlich war Frau Schultze sogar noch sehr lebendig. Aber erklär das mal einer Familie Schultze.

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Das Schicksal herausgefordert

Ich glaube ja nicht an das Schicksal. Das heißt, manchmal schon, aber meistens eigentlich nicht. Nach einem Ereignis, das sich so vor einiger Zeit zutrug, glaube ich aber, dass man das Schicksal nicht unnötig herausfordern sollte. Es begab sich nämlich Folgendes…

Es war ein Notarztdienst weit außer halb meines eigentlichen Standortes, wo ich mich nur etwa ein Mal alle zwei Monate blicken lassen. Beim Schichtwechsel am Abend forderte ich das Schicksal zum ersten Mal heraus. Ich sagte zu einem der Rettungsassistenten, als er durch die Tür trat: “Immer wenn wir beide zusammen fahren gibt es Tote.” Dies war eigentlich nur die rein objektive Feststellung eines Sachverhalts, aber vielleicht hätte ich es nicht laut aussprechen dürfen. Dann verkündete ich laut, dass ja den ganzen Tag über nichts los war, und ich eigentlich nichts gegen etwas Arbeit hätte, aber bitte nicht um 20.15 Uhr, weil da eine Dokumentation läuft, die ich gerne ansehen würde. Nächster Fehler. Das Schicksal rüstete sich gerade im Hintergrund. Als nächstes sagte ich den verhängnisvollen Satz: “Im Ort Niemandsland darf man aber auch nicht tot umfallen. Da braucht ja jedes Rettungsmittel mindestens 15 Minuten hin, und das auch nur, wenn die Verhältnisse optimal sind.”

Was soll ich sagen. Ihr könnte es Euch fast schon denken. Das Schicksal hatte aber auch noch eine kleine perfide Extragemeinheit für uns parat. Der RTW wurde um 19 Uhr zu einem Einsatz ohne Notarzt gerufen. Um 20 Uhr gab es den Einsatz für uns (Doku verpasst). Alarmschreiben: “laufende Rea in Niemandsland!” (yeah!) und als extra Leckerli durften wir uns dort auch noch 10 Minuten zu zweit rumschlagen, weil der RTW 20 km entfernt gerade einen Patienten abgeliefert hatte. Und das Endresultat? Patient war trotz umfangreicher Bemühungen leider nicht wiederzubeleben (vielleicht haben der RA und ich zusammen einfach eine schlechte Aura?).

Ich fand das irgendwie gemein. Und in Zukunft werde ich sicherheitshalber einfach mal meine Klappe halten. Man weiß ja nie.

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von Trottelburg galore – Alarm, Alarm! (Teil 2)

Missmutig stand ich neben dem Gashahn in der Einleitung. Während er noch ein wenig lamentierte, richtete ich mir den Monitor so ein, dass er mir das gleiche Bild zeigte wie der Monitor im Saal. So konnte ich wenigstens die grundsätzlichen Kreislaufparameter im Auge behalten.
“Also… wissen Sie…” fing der Gashahn an. “Der Herr von Teutelsburg…  das der Neffe vom Dr. Ungut…”
“Ich begann ungeduldig auf und ab zu wippen. “So weit waren wir schon, Herr Oberarzt.” sagte ich.
“Jaa… also unser geschätzter Kollege Dr. Ungut hat ihn uns besonders ans Herz gelegt… zumal auch Elards Vater, also der Schwager von Dr. Ungut, mit unserem Klinikdirektor Golf spielt…”
Aha. Daher wehte also der Wind. Ich blickte kurz auf den Monitor. Herzfrequenz 62, Druck 110/56, Sättigung 98%. Alles im grünen Bereich.
“Herr Gashahn, ich verstehe noch immer nicht, was das alles mit mir zu tun hat…”
“Nun…” Der Gashahn räusperte sich. “Herr Ungut hat mir zu meiner großen Überraschung mitgeteilt, dass er denkt, dass Sie aufgrund ihrer fachlichen und didaktischen Qualitäten sicherlich ausgezeichnet geeignet wären, den jungen Kollegen auszubilden. Außerdem… nun, es stehen größere Investitionen an… und es liegt in unser aller Interesse, wenn der Klinikdirektor auf dem Golfplatz nur das Beste von unserer Abteilung hört… vor allem, was den Umgang mit Studenten betrifft…” Ich schlug mir mit der Hand an den Kopf. Das darf doch nicht wahr sein. Was plante der Ungut denn jetzt schon wieder? Will er die ganze Abteilung ins Unglück stürzen und allen voran meine Wenigkeit? Der Gashahn sah mich nochmals flehentlich an. Ich erinnerte mich daran, dass er Ambitionen hatte, die bald frei werdende Stelle des leitenden Oberarztes zu übernehmen. Ein beträchtlicher Gehaltssprung by the way.
“Schon gut.” murmelte ich. “Ich sehe mal, was ich tu kann. Einfach ist der aber nicht gerade.”
“Ich weiß.” gab der Gashahn seufzend zurück. “Aber da ist er ja bei Ihnen in guten Händen, nicht wahr?” Sein Blick sah eher sorgenvoll als aufmunternd aus. “Wenn Sie das gut hinkriegen, dann könnten wir über ein paar Annehmlichkeiten für Sie sprechen… vielleicht wollen Sie ja irgendeinen dieser abartigen teuren Kurse im Ausland besuchen, auf die Sie so stehen? Auf Klinikkosten versteht sich… Und vielleicht könnten wir ja auch noch einen Doktoranden für Ihre klinischen Studien organisieren…” Schlagt mich. Ich bin erpressbar.
“Geht klar!” hörte ich jemanden mit meiner eigenen Stimme rufen. Ich prostituiere mich gerne im Namen der Fortbildung. Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht merkte, wie der Gashahn eiligst die Einleitung verließ. Wo sollte ich hin? Australien? Canada? Südafrika? Hatte ich nicht neulich von einem Ultraschallkurs auf den Seychellen gelesen? In meinem Augenwinkel blinkte etwas. Der Monitor. Er blinkte. Er schrie förmlich. Mehrere Zahlen waren ROT, aus dem OP konnte ich durch die halb geschlossene Tür leise diverse Alarmzeichen hören. Erschrocken drehte ich mich um und rannte in den OP. Ich erfasste die Situation mit einem Blick. Elard saß auf einem Stuhl, die Füße hatte er am Narkosegerät abgestützt. Er wirkte sehr gelassen. Die OP hatte soeben begonnen. Die Patientin? Nun, sie war faktisch tot, denn die Herzfrequenz  hatte sich auf imposante 10 Schläge in der Minute verringert. Hinter mir hörte ich Lisa in den OP kommen und entsetzt aufschreien.
“Sofort OP STOPP, nehmen Sie Ihre Instrumente da raus!” schrie ich Dr. Schnitzer und Dr. Patzer an, die seelenruhig ihre Trokare in der Patientin platzierten. Die beiden guckten etwas irritiert, aber an meinem hektischen Gebaren konnten sie sehen, dass ich es ernst meinte. Eiligst entfernten sie ihre Instrumente, während ich nach dem Atropin griff, was als Notfallmedikament immer aufgezogen bereit liegt.
“Supra aufziehen!” japste ich, während ich das Atropin in der Patientin versenkte. “Und noch mal Atropin. Meine Herren, machen Sie sich bereit, gleich zu drücken.” Ich starrte gebannt auf den Monitor. Ein Abfall der Herzfrequenz beim Hautschnitt oder durch Zug am Bauchfell ist gar nicht so selten. Man sollte jedoch intervenieren, bevor das Herz aufgehört hat, zu schlagen. Elard guckte mir interessiert zu, noch immer die Hände hinter dem Kopf verschränkt und die Beine auf dem Narkosegerät. Ich spürte, wie mir kalter Schweiß den Nacken runterlief. Ich starrte gebannt auf den Monitor. Lisa reichte mir noch eine Ampulle Atropin. “Wo wenig hilft…” murmelte ich und schob auch diese Ampulle noch hinterher. Nach einer gefühlten Ewigkeit zeigte die Therapie Erfolg. Die Herzfrequenz stieg erst langsam und dann immer schneller auf mit dem Leben zu vereinbarende Werte. Auf der Blutdruck erholte sich und das Pulsoxy zeigte zumindest wieder eine Kurve.
“Weitermachen.” sagte ich zu Dr. Schnitzer und Dr. Patzer. Ohne größere Gemütsregung positionierten diese ihre Instrumente neu. Dann wandte ich mich Elard zu.
“Bist du jetzt völlig irre geworden?” fragte ich ihn.
Er grinste nur noch breiter. “Wieso? War doch spannend!”
“Wieso hast du mich nicht gerufen, als die Herzfrequenz fiel? Oder, Gott bewahre, sogar selbst Atropin gespritzt?” fragte ich ungläubig.
“Ach Anna. Du musst dich mal ein bisschen entspannen. Man muss nicht immer gleich eingreifen.”
Ich starrte ihn entsetzt an. Dann zeigte ich auf die Patientin. “Wir standen kurz vor der Reanimation! Worauf wolltest du warten? Dass sie Flügel bekommt und gen Himmel davon schwebt, oder was?” Meine Hand wollte nach dem 15er Skalpell greifen, dass die OP-Schwester da auf ihrem Tisch liegen hatte, und Elard mal ein wenig verzieren. Der Gedanke an die Seychellen hielt mich davon ab.
“Eigentlich bist du ja ganz niedlich, wenn du dich so aufregst. Was meinst du, treffen wir uns heute Abend au einen kleinen Absacker bei mir?” fragte Elard völlig emotionslos. Mir stand der Mund halb offen. Ich traute meinen Ohren kaum. Wortlos drehte ich mich um und ging wieder in die Einleitung.

Ein Telefonat mit Dr. Ungut war fällig.

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