Und Sie machen hier… was eigentlich?

Landrettung. Meldebild ist Atemnot, irgendwo in der Pampa. Dr. Anna findet einen blitzeblauen Mittfünfziger, der schnappend auf dem Bett liegt. Die Angehörigen berichten, der Patient sei Epileptiker und hatte gerade eine Absence (also einen Anfall, bei dem jemand kurz geistig abwesend ist, aber nicht wild zuckt). Seitdem sei das mit der Atmung so komisch. Außerdem habe er seit zwei Wochen einen Infekt der oberen Atemwege, der sich nicht so richtig bessere.
Blickdiagnose: Asthmaanfall, warum auch immer. Ob wegen der Absence, oder ob die Absence wegen des Anfalls… wer weiß das schon so genau, die Antwort auf diese Frage ist eher akademisch.
Pulsoxymetrisch ist die Sättigung mau, sicher unter 70. Bei den durch die Zentralisierung eiskalten Fingern kann man das eh bestenfalls nur schätzen. Es gibt also eine Maske mit Sauerstoff und dann wird inhaliert – Salbutamol und dann Adrenalin. Das Übliche eben. Er bekommt noch Prednisolon zur Therapie des Asthmaanfalls. Davor noch einen Zugang legen, auf geht’s in die Klinik. Ich rufe dort vorher an, Arzt zu Arzt-Gespräch und kündige den Problempatienten schon mal an.
Nach dem epileptischen Anfall ist der Patient noch immer nicht richtig wach. Ich frage mich, ob er vielleicht weiter oder wieder krampft, aber es ist in dieser Situation auch nicht relevant, denn Benzos würde ich ihm im Auto eh nicht geben (um nicht den Atemantrieb zu reduzieren) und mit viel Inhalieren und Maske ist die Sättigung wieder über 90 angelangt, so dass ich schon langsam die Sauerstoffzufuhr reduzieren kann. Der Transport in die Klinik dauert etwa 20 Minuten.

In der Klinik wird ein rosiger, aber noch sehr abwesender Patient präsentiert. Der Asthmaanfall ist noch nicht durchbrochen, aber hey, man kann nicht alles haben.
Auftritt Kollegin Dr. Superretter, die just in diesem Moment zum Dienst erscheint.
“Aber der Patient schnappt ja nach Luft!”, schreit sie und funkelt mich böse an.
“Durchaus korrekt.”, sage ich noch relativ gelassen. “Aber er ist schweinchenrosa. Ziel erreicht.”
“Er hat einen Asthmaanfall!”
“Diese Einschätzung kann ich durchaus teilen, Frau Kollegin Superretter.”
“Er schnappt!”
“Ich schnapp gleich nach Ihnen!” Ok, das habe ich nicht gesagt.

Liebe Kollegin Superretter,

wahrscheinlich beschränkt sich Ihre notfallmedizinische Kompetenz auf die Notaufnahme, denn wenn Sie schon ein Mal in einem Rettungswagen gesessen hätten, dann wüssten Sie, dass es nicht mein Job ist, die Patienten zu heilen. Dafür sind Sie zuständig. Ich stelle eine Verdachtsdiagnose (z.B. Asthmaanfall), stabilisiere (z.B. Inhalation), manchmal leite ich auch die Therapie ein (z.B. Prednisolon), aber in jedem Fall schaffe ich die Patienten schnellstmöglich in die Klinik. Wenn Sie es aber wünschen, so werde ich das nächste Mal überlegen, den NAW zehn Meter vor der Auffahrt zur Notaufnahme zu stoppen und dann so lange herumhantieren, bis ich Ihnen einen gesunden Patienten präsentieren kann. Oder einen toten. The choice is yours.

Ihre
Dr. Anna

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Satz mit X…

…Das war wohl nix.

So kann man auch das Erlebnis beschreiben, welches ich neulich hatte (und das ich Anlehnung an den Blogpost Ein ethisches Dilemma gerne mit Euch teile). Außerdem möchte ich mir ja nicht nachsagen lassen, in erster Linie Patienten-Bashing zu betreiben ;-)

Ein Notarzteinsatz am frühen Abend. Die Wirkstätte liegt fünf Minuten Fahrtzeit von der eigenen Klinik entfernt. Der Kunde ist seit dem Morgen (!) komatös, allerdings hat er eine lange Latte an Vorerkrankungen, von denen zwar keine unmittelbar tödlich ist, in der Summe aber an ein baldiges Ableben denken lassen. Einige dieser Vorerkrankungen lassen auch Spekulationen über die Art des Komas zu, aber es könnte genauso gut ein Schlaganfall, eine Blutung oder sonst was sein. Also wird der Herr zügig in den RTW verladen und aufgrund der Gesamtsituation (wahrscheinlich präfinal) und der Nähe zum eigenen Haus (höchstens fünf Minuten) ohne Tubus abtransportiert. Wir bekommen grünes Licht fürs eigene Haus und fahren los – um 90 Sekunden später wieder anzuhalten. Die Leitstelle bittet uns zu parken, man könne jetzt doch nicht das eigene Haus anfahren.

So stehen wir da und warten… und warten… und warten… Ich sehe mir dabei den Patienten nochmals an. GCS von höchstens 5, und röchelt er nicht irgendwie auch komisch? War die initiale Sättigung ohne Sauerstoff nicht nur knapp über 80%? Was, wenn die Leitstelle uns jetzt ans andere Ende der Stadt schickt und wir noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns haben? Was, wenn er jetzt aspiriert? Mir ging auch die noch immer andauernde Diskussion zu Ein ethisches Dilemma durch den Kopf. Ich dachte an die Worte derjenigen, die die Intubation in einer solchen Situation vehement befürworten. Und dann sagte ich zum RA: “Komm,wir intubieren den jetzt lieber…”

Gesagt, getan. Tubus drinnen – da meldet sich die Leitstelle: bitte doch ins eigene Haus fahren. Ich mache es kurz: Beim Ausladen noch Druck von 120, drinnen dann drucklos (Medikamente zu Intubation sei Dank), nur mit Katecholaminen zu stabilisieren, die man so schnell wohl nicht mehr rausbekommen würde, Patient völlig dekompensiert und steht kurz vor der Reanimation, dazu der Schnorchel im Hals, also ein 1a-Kunde für die Intensivstation. Der Kollege in der Notaufnahme war zwar sehr beherrscht, ich sah ihm jedoch an, dass er mich für komplett durchgeknallt hielt.  Später las ich mir die Konsile zu dem Kunden durch, in denen sinngemäß stand: Welcher Volliditot hat denn diesen Patienten intubiert (Grunderkrankung, etc., wie kann man nur), macht das sofort wieder rückgängig, sonst stirbt er ja noch schneller. Zu allem Überfluss landete er auch noch auf der eigenen Intensivstation, wo ich dieses Debakel dann abermals erklären durfte. Zum Glück war Wochenende, so bestand noch die Hoffnung, dass der Schaden bis Montag behoben und mein Ruf nicht über alle Abteilungsgrenzen hinweg komplett ruiniert sein würde.

Also, ich bleibe dabei, Leitlinien hin oder her, ich mach das in Zukunft wieder sehr restriktiv.

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Hypochondrie inkognito

Es ergab sich an einem schönen Wochenende, dass ich von einem akuten Anfall von Hypochondrie befallen wurde. Eine Schwellung am Bein, die mit Sicherheit mindestens eine tiefe Beinvenenthrombose darstellte, machte mir das Leben schwer. Da ich mich auch gerade im Frei befand, konnte ich nicht so einfach bei mir in der Klinik diskret Labor abnehmen und einen vertrauensvollen Kollegen mal ganz schnell Dopplern lassen – also fühlte ich mich bemüßigt, in die Notaufnahme eines Großkrankenhauses am anderen Ende der Stadt zu fahren – weit weg, damit mich bloß keiner kennt. Ich entschied mich für die inkognito-Variante, um mich hemmungslos in meinen hypochondrischen Anwandlungen wälzen zu können, ohne, dass ich von den Kollegen dort gefragt würde, ob das jetzt WIRKLICH MEIN ERNST sei – so als Mediziner und so.
Ich schaffte es auch tatsächlich inkognito in den Untersuchungsraum und hatte das erste Gespräch mit einer sehr freundlichen Internistin hinter mich gebracht, in dem ich einfach nur brav bei allem nickte, was sie mir erklärte. Während sie mir gerade Blut abnehmen wollte, öffnete sich die Tür und eine Schwester kam herein. Sie musterte mich eine Weile.
“Ich kenne Sie doch!”, sagte sie schließlich.
“Ausgeschlossen.” erwiderte ich.
“Doch, doch… warten Sie mal… waren Sie schon mal hier?”
“Noch nie!” Mir rannte bereits der Schweiß von der Stirn.
“Warten Sie… ich kenne Sie aus dem Klinikum xyz!” Na toll, xyz ist das Krankenhaus, in dem ich tätig bin, auch das noch. Zum allem Überfluss musste ich mir eingestehen, dass die Dame mir auch verdächtig bekannt vorkam. “Ja! Da war ich bis vor ein paar Wochen noch in der Notaufnahme tätig!”, rief sie aus und überlegte angestrengt weiter. “Arbeiten Sie vielleicht im Klinikum xyz?”
“Äh…”, sagte ich und überlegte krampfhaft, wie man am besten NEIN sagt, ohne NEIN zu sagen.
“Na klar! Jetzt weiß ich’s! Sie arbeiten auch als Notärztin, richtig? Daher kenne ich Sie!” Ich wurde puterrot.
“Möglicherweise habe ich das ein oder andere Mal…”
“Ach, Sie sind Kollegin?” mischte sich die Internistin in die Debatte ein. “Welche Fachrichtung denn?”
“Anästhesie…”, nuschelte ich so leise, dass ich hoffte, sie würde es vielleicht nicht hören.
“Sie sind Anästhesistin? Und dann ist dieser Mückenstich hier WIRKLICH IHR ERNST?”

Ja… das war wohl nichts.

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Frauen haben es leichter?

Es war etwa halb elf. Nachts. Wir hatten gerade einen uns Schutzbefohlenen in einer Klinik abgeliefert, die nicht unsere eigene war. Ich war schwer bewaffnet mit Medikamentenkoffer und Büro und versuchte mich gerade verzweifelt zu erinnern, wo jetzt der Ausgang von dieser Notaufnahme war und wo wir geparkt hatten. Schwer bepackt hatte ich schließlich den Ausgang gefunden und schob mich durch die Tür auf den Parkplatz. Maurice hatte passenderweise irgendwo am anderen Ende geparkt und stand jetzt entspannt mit einem von der RTW-Besatzung mitten auf dem Hof und rauchte. Demonstrativ keuchend schob ich mich an den Herren vorbei in Richtung NEF. Etwas unschlüssig stand ich vor dem Kofferraum. Maurice war in sein Gespräch und seine Zigarette vertieft und machte keine Anstalten, mir zu helfen. Schlecht gelaunt öffnete ich den Kofferraum und versuchte, den Medikamentenkoffer wieder zu verstauen. Es ging nicht. Ich musste erst den blauen und den roten Koffer rausholen, den Medikamentenkoffer in der passenden Tasche verstauen und dann alle Einzelteile wieder in den Kofferraum schieben. Dabei machte ich einen Heidenlärm. Nur so zur Sicherheit. Maurice reagierte noch immer nicht. Beleidigt setzte ich mich ins Auto und wartete. Nach der dritten Zigarette kam Maurice auch endlich.
“Hast du die Medikamente auch aufgefüllt?” fragte er zu Begrüßung. Ich lief puterrot an und ließ ein paar Schimpftriaden los, dann sprang ich aus dem Auto, zerrte etwas Lasix aus dem Seitenschrank, holte wieder alle Koffer aus dem Auto, ersetzte die gebrauchte Medikamente, stopfte wieder alles hektisch zurück und setzte mich unter lautem Gefluche wieder ins Auto.
“Siehste, geht doch.” bemerkte Maurice nur.

Und da erzählen mir doch andauernd Frauen, die im Notarztdienst tätig sind, sie müssten NIE irgendwas tragen, machen, auffüllen oder sonst was tun. Irgendwas mache ich da wohl falsch. :-D

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