Si tacuisses… oder “Ich bin nicht süß!”

Ein Notarzteinsatz der üblichen Sorte (irgendwas mit Herz) in der üblichen Altbauwohnung (mindestens sieben Zimmer) um die übliche Uhrzeit (irgendwann am sehr späten Abend) an einem üblichen Tag (Wochenende) bei den üblichen Kunden (Mitte siebzig, sehr privat, nur mäßig krank). Nachdem ich dem Herren erklärt hatte, dass er jetzt bitte mal aus seinem Himmelbett steigen und sich in unseren bequemen Rettungwagen setzen solle, wollte dieser natürlich noch die Örtlichkeiten aufsuchen. Da er nicht selbst die heiligen Hallen aufsuchen konnte, reichte man ihm eine Flasche.
Bin ja gut erzogen, also drehte ich mich diskret weg und vergrub mich in der Dokumentation. Die Ehefrau des Kunden (teurer Bademantel, lange, graue, auf Lockenwickler gedrehte Haare und trotz der fortgeschrittenen Stunde noch perfektes Make-up) bemerkte das und kommentierte es mit einem verzückten Ausdruck auf dem Gesicht: “Ach, sind Sie SÜßßßß!”

Junge Frau, ich bin viel. Ich bin auch schon viel genannt worden. Sicherlich auch schon mal “süß”. Aber man hat mich das noch NIE auf der Arbeit genannt und das hat auch einen Grund. Ich komme als Notärztin in ihr Haus und kümmere mich um ihren nicht sonderlich kranken aber dennoch behandlungsbedürftigen Gatten. Sie können mich kompetent, inkompetent, freundlich, unhöflich, geschickt, gradlinig, unsicher oder unglaublich intelligent finden. Meinetwegen auch süß. Aber ganz im Ernst, dann behalten Sie es doch bitte für sich. Ich fand ihren Bademantel unmodisch, ihre Frisur daneben und ihren Auftritt gänzlich inakzeptabel, aber auch das habe ich für mich behalten. Aus Gründen!

Das musste jetzt einfach mal gesagt werden.

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Satz mit X…

…Das war wohl nix.

So kann man auch das Erlebnis beschreiben, welches ich neulich hatte (und das ich Anlehnung an den Blogpost Ein ethisches Dilemma gerne mit Euch teile). Außerdem möchte ich mir ja nicht nachsagen lassen, in erster Linie Patienten-Bashing zu betreiben ;-)

Ein Notarzteinsatz am frühen Abend. Die Wirkstätte liegt fünf Minuten Fahrtzeit von der eigenen Klinik entfernt. Der Kunde ist seit dem Morgen (!) komatös, allerdings hat er eine lange Latte an Vorerkrankungen, von denen zwar keine unmittelbar tödlich ist, in der Summe aber an ein baldiges Ableben denken lassen. Einige dieser Vorerkrankungen lassen auch Spekulationen über die Art des Komas zu, aber es könnte genauso gut ein Schlaganfall, eine Blutung oder sonst was sein. Also wird der Herr zügig in den RTW verladen und aufgrund der Gesamtsituation (wahrscheinlich präfinal) und der Nähe zum eigenen Haus (höchstens fünf Minuten) ohne Tubus abtransportiert. Wir bekommen grünes Licht fürs eigene Haus und fahren los – um 90 Sekunden später wieder anzuhalten. Die Leitstelle bittet uns zu parken, man könne jetzt doch nicht das eigene Haus anfahren.

So stehen wir da und warten… und warten… und warten… Ich sehe mir dabei den Patienten nochmals an. GCS von höchstens 5, und röchelt er nicht irgendwie auch komisch? War die initiale Sättigung ohne Sauerstoff nicht nur knapp über 80%? Was, wenn die Leitstelle uns jetzt ans andere Ende der Stadt schickt und wir noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns haben? Was, wenn er jetzt aspiriert? Mir ging auch die noch immer andauernde Diskussion zu Ein ethisches Dilemma durch den Kopf. Ich dachte an die Worte derjenigen, die die Intubation in einer solchen Situation vehement befürworten. Und dann sagte ich zum RA: “Komm,wir intubieren den jetzt lieber…”

Gesagt, getan. Tubus drinnen – da meldet sich die Leitstelle: bitte doch ins eigene Haus fahren. Ich mache es kurz: Beim Ausladen noch Druck von 120, drinnen dann drucklos (Medikamente zu Intubation sei Dank), nur mit Katecholaminen zu stabilisieren, die man so schnell wohl nicht mehr rausbekommen würde, Patient völlig dekompensiert und steht kurz vor der Reanimation, dazu der Schnorchel im Hals, also ein 1a-Kunde für die Intensivstation. Der Kollege in der Notaufnahme war zwar sehr beherrscht, ich sah ihm jedoch an, dass er mich für komplett durchgeknallt hielt.  Später las ich mir die Konsile zu dem Kunden durch, in denen sinngemäß stand: Welcher Volliditot hat denn diesen Patienten intubiert (Grunderkrankung, etc., wie kann man nur), macht das sofort wieder rückgängig, sonst stirbt er ja noch schneller. Zu allem Überfluss landete er auch noch auf der eigenen Intensivstation, wo ich dieses Debakel dann abermals erklären durfte. Zum Glück war Wochenende, so bestand noch die Hoffnung, dass der Schaden bis Montag behoben und mein Ruf nicht über alle Abteilungsgrenzen hinweg komplett ruiniert sein würde.

Also, ich bleibe dabei, Leitlinien hin oder her, ich mach das in Zukunft wieder sehr restriktiv.

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