Neben all den leicht spöttischen Posts, die ich sonst so gerne verfasse, möchte ich heute mal etwas Selbstkritisches anbringen. Das muss auch mal sein und möge uns alle daran erinnern, dass wir nicht perfekt sind.

Ein Sommertag – wie gemacht für Motorradfahrer. Dr. Anna ist mal wieder in der Landrettung unterwegs. Wir werden zu einem Motorradfahrer gerufen, der bei Tempo 120 aus der Kurve geflogen ist. Er hatte das komplette Schutzoutfit an und lag bei unserem Eintreffen in der Böschung in ein paar Dornensträuchern. Er war wach und ansprechbar, beklagte Schmerzen in der Clavicula (Schlüsselbein) und im rechten Sprunggelenk. Bei meinem Eintreffen war der Helm schon ab. Es wurde mir berichtete, dass die initiale Sättigung nur 90% betragen habe. Jetzt trug der Kunde eine Maske und die Sättigung war 100. Ich bemühte mich um einen groben Bodycheck, aber aufgrund der etwas ungünstigen Auffindesituation und der schweren Lederkluft war das eher schwierig. Er gab jedoch keine weiteren Schmerzen an. Wir zerrten ihn mittels Schaufeltrage auf die Vakuummatratze, nachdem ich ihn mit den üblichen Drogen ins Reich der Träume bugsiert hatte (ohne Intubation). Wir meldeten Schockraum und Intensivbett an, ich ließ ein Polytrauma mit Verdacht auf Clavicula- und Sprunggelenksfraktur sowie Lungenkontusionen anmelden. Im Auto sah ich ihn mir nochmal gründlich an und wir schnitten die Bekleidung auf. Mit uns reden konnte er nicht mehr. Ich suchte nach Prellmarken am Thorax und fand keine. Kardiozirkulatorisch war der Patient völlig stabil, Sättigung auf dem Transport 100%. Auf eine Auskultation verzichtete ich, da ich bei dem Lärm eh nichts meinte hören zu können.
Ich gab den Patienten im Schockraum ab und berichtete über das zu erwartende Verletzungsmuster und die initial eingeschränkte Sauerstoffsättigung. Man fragte mich noch, ob ich glaube, dass er was an der Wirbelsäule habe, ich sagte, er habe keine Schmerzen angegeben und der Bodycheck war ok, allerdings könne ich das bei dem Verletzungsmuster nicht ausschließen. Ich erwähnte meinen Verdacht auf Lungenkontusionen, fühlte mich dabei aber eigentlich nicht richtig wohl, denn auch ich habe schon genug Lungenkontusionen auf der Intensivstation gesehen und weiß daher, dass die eigentlich erst am nächsten Tag respiratorisch einbrechen.
So ging ich jedenfalls meines Weges.

Später hatten die Kollegen vom RTW noch einen Einsatz, der sie ins gleiche Klinikum führte und sie fragten dann nach, was aus dem Patienten geworden sei. Die Diagnostik hatte ergeben, das er eine Claviculafraktur hatte, eine Sprunggelenksfraktur und – einen Pneumothorax (keinen Spannungspneu, bevor einer fragt). Da wurde mir erstmal schlecht. Den Pneumothorax hatte ich komplett übersehen. Schlimmer noch – ich habe nicht mal dran gedacht. Nicht, dass ich bei einem Trauma nicht an einen Pneumothorax denke, aber in der Konstellation habe ich das einfach nicht auf dem Schirm gehabt. Ich dachte nur Lungenkontusionen und obwohl ich eigentlich wusste, dass das nicht passt, habe ich nicht weiter drüber nachgedacht. Der Höhepunkt des Schlamassels wurde dann dadurch erreicht, dass ich den Kunden noch nicht mal auskultiert habe!

Jetzt hätte es natürlich nichts an meinem Vorgehen geändert, wenn ich den Pneumothorax präklinisch diagnostiziert hätte (außer, dass die aufnehmende Klinik mich dann wahrscheinlich nicht für einen inkompetenten Trottel halten würde). Da die Sättigung 100% war und kardiozirkulatorisch kein Problem bestand, hätte ich da bei einem spontan atmenden Patienten im Rettungswagen keine Drainage reingebohrt, das legt sich immernoch besser unter kontrollierten Bedingungen und mit besserem Equipment in der Klinik. Trotzdem – an meinem Selbstwertgefühl wird dieser Fauxpas noch lange nagen…

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