Herz vs. Verstand – wie würdet Ihr entscheiden?

Ok, ok, es war jetzt mal wieder eine verdammt lange Pause. Mea culpa. Es liegt, daran, weil ich nicht so recht wusste, wie ich Euch die Nachricht überbringen sollte, dass ich mein angestammtes Metier aus OP und Intensivstation verlassen habe und mich schon vor einer ganzen Weile in die Palliativmedizin begeben habe. Keine Sorge, Notarzt fahre ich weiterhin, also wird es da auch in Zukunft mehr oder weniger Interessantes zu berichten geben.

Für die, die mit dem Begriff Palliativmedizin nichts anfangen können: hier geht es um Menschen, die an einer nicht mehr heilbaren Erkrankung leiden. Ich bin zwar an einer Klinik angestellt, allerdings in der ambulanten Palliativmedizin tätig, dass heißt, ich kümmere mich eine einem Team aus Ärzten und Pflegekräften um Menschen, die auch nicht mehr in die Klinik möchten, sondern in letzter Konsequenz zu Hause versterben (wollen). Das Zauberwort heißt “Symptomkontrolle”, es geht also nicht mehr um Lebensverlängerung oder Heilung, sondern um Lebensqualität und Leidenslinderung. Als Anästhesist ist man da nicht ganz so weit weg von vertrauten Gebieten, denn man hantiert auch mit verschiedenen Opiaten und Benzos, die zum Teil über Schmerzpumpen etc. zugeführt werden und macht sogar so Sachen wie Aszites- oder Pleurapunktion – notfalls am Küchentisch. Geht alles.

Jedenfalls mangelt es hier nicht an spannenden Fällen, und da möchte ich Euch gleich mal einen aus dem Spannungsfeld Notarzt – Palliativmediziner vorstellen.

Herr Schiller litt an einem weit fortgeschrittenen Tumor der Leber. Er hatte sämtliche Therapien hinter sich, aber es hat nichts genützt, der Tumor breitete sich weiter aus und es ging ihm auch nicht mehr sonderlich gut. Sein Wunsch war es, zu Hause bleiben zu können und nicht mehr in die Klinik zu müssen. Er rief selbst beim Palliativ-Team an, hatte sich bereits umfassend informiert und wünschte, palliativ zu Hause betreut zu werden. Er rief in einer dieser Zeiten an, in denen das Telefon nicht stillstehen wollte und die Termine dicht an dicht standen. Ich konnte ihm nur einen Termin fünf Tage nach unserem Telefonat anbieten. Er sagte, dass es ihm bislang nicht so schlecht ginge, dass er das nicht abwarten könne. Er versprach mir, sich zu melden, wenn es doch nicht ginge.
Drei Tage später rief Herr Schiller wieder an. Es ginge ihm jetzt nicht gut. Er habe Schmerzen und bekomme schlecht Luft. Ob ich nicht doch früher kommen könne? Ich verschob ein paar Termine und fuhr wenige Stunden später zu ihm.
Herr Schiller war ein angenehmer und sehr gebildeter Mann, der mit seiner Frau ein Reihenhaus in bester Stadtlage bewohnte. Er war erst Anfang 60, aber von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet. Er erzählte, dass er bislang zu Hause ganz gut zurecht gekommen sei. Er könne zwar nicht mehr aus dem Haus gehen, weil ihm dazu die Kraft fehle und der Weg in den ersten Stock, wo das Schlafzimmer war, mache ihm große Mühe. Relevante Medikamente nehme er, von etwas Metamizol mal abgesehen, allerdings nicht. Seit der letzten Nacht jedoch sei es viel schlimmer. Er habe Schmerzen hinter dem Brustbein, ein schreckliches Brennen. Die Luftnot habe zudem nochmal zugenommen. Außerdem sei ihm übel. Um mich überhaupt vernünftig mit ihm unterhalten zu können, gab ich ihm erstmal etwas Morphin, was sofort die Thoraxschmerzen und die offensichtliche Luftnot besserte.
“Herr Schiller….”, sagte ich schließlich. “Nach allem, was sie mir gerade erzählt haben, nehme ich an dass sie einen Herzinfarkt haben.” Natürlich kann ich sowas nicht wissen. Ich kann kein Blut abnehmen und kein EKG schreiben, das gehört nicht zur Standardausrüstung eines Palliativ-Teams. “Wenn Sie eine weitere Diagnostik und Therapie wünschen, müssen Sie in die Klinik.”
Herr Schiller überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. “Ich habe meinen Vater an dem gleichen Tumor elendig zugrunde gehen sehen, ich wünsche mir das nicht. Ich sterbe lieber an einem Herzinfarkt als an den Folgen des Tumors.”

Jetzt seid Ihr dran – was tun? Auf das Grundproblem hatte ich ja schon hingewiesen. Als Notarzt hätte ich ihn mit sanfter Gewalt ins Auto gedrängt. Aber ich war ja nicht in der Rolle als Notarzt da. Und an meine Blaulicht-Freunde: die Möglichkeit – unterschreiben Sie hier, dass sie nicht mitwollen und auf wiedersehen – existiert hier natürlich nicht. Die Frage ist also eher rechtlicher, moralischer und ethischer Natur.
Darf Herr Schiller in dieser Situation zu Hause bleiben? Muss ich versuchen, ihn zu überreden, in die Klinik zu gehen? Und darf ich ihn zu Hause symptomatisch behandeln (also nur die Symptome Luftnot, Schmerzen, Übelkeit) ohne die eigentliche Ursache zu bekämpfen, wohl wissend, dass er wahrscheinlich an dem Herzinfarkt versterben wird? Was hättet Ihr Herrn Schiller geraten?

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Auf dem Weg zur Erleuchtung (Teil 5) – Finale

Ich erhielt von Marek die Info, dass Maurice auf der Wache war. Ich rief ihn an und hatte Glück, er meldete sich schon beim zweiten Klingeln. Ich ließ mir von ihm noch einmal dezidiert die Ereignisse schildern, die nach meinem Rückzug von Dr. Ungut und Willi im Haus der alten Dame vorgefallen waren. Es stellte sich heraus. dass Maurice dem Ungut das Succinylcholin aus der Hand gerissen hatte, bevor dieser auf dumme Gedanken kam. Sie hätten dann Willi gut zugeredet und nach ein paar Minuten war der Spuk auch vorbei. Ungut hatte insistiert, Willi mit auf die Wache zu nehmen, wo er, nachdem er seinen Rausch vollständig auskuriert hatte, mit Ungut für den Rest der Nacht auf dem NEF mitgefahren war. Ich schlug Maurice vor, mal seine Ketanest-Bestände zu überprüfen, und was soll ich sagen? Bingo, es fehlten genau die Ampullen, die wir in Willis Rucksack gefunden hatten. Ich dankte Maurice für diese Information und überlegte, was ich jetzt damit anfangen sollte. Dabei wurde ich leider der Tatsache gewahr, dass alle mich anstarrten.
“Ähh….” sagte ich. Willi kam mir zum Glück zu Hilfe, noch etwas benommen meldete er sich zu Wort: “Wo ist denn der Rest von dem geilen Zeug? Ich will mehr davon.” Ich bekam einen Hustenanfall, aber zu spät, Herr Moser stürzte sich sogleich auf Willi.
“Ich muss sie wohl festnehmen, Herr Willi. Wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.” Willi sah ihn entsetzt an.
“Wegen so was nimmt man doch nicht gleich einen fest, oder?” fragte ich irritiert. “Außerdem ist er auch gar nicht in der Lage, irgendwo hin mitgenommen zu werden, von der Klinik mal abgesehen.” Herr Moser sah mich verärgert an.
“Sie geben ihn also nicht frei?”
“Freigeben? Von mir aus können Sie den mitnehmen und sich zu Hause ins Wohnzimmer stellen, aber nicht heute!” Ich wusste auch nicht, warum ich Willi half, aber irgendwie fühlte ich mich dann doch ein wenig schuldig wegen der Aktion mit dem Ungut. Das brachte mich allerdings noch auf eine Idee… ich schloss messerscharf, dass Willi sich wahrscheinlich nicht allein am Medikamentenscharnk bedient haben konnte…
“Herr Moser…” fing ich mit einem diabolischen Grinsen an. “Wäre es für sie nicht viel interessanter an die… sagen wir mal… Hintermänner des Geschehens zu kommen?” Herr Moser ließ von Willi ab und sah mich interessiert an. Ich sprach weiter: “Ja… also, der Willi hat ja gar keinen Zugang zu solchen Mengen an Ketanest… ich kann Ihnen aber sagen, wer es ihm besorgt hat… und gegen diesen Herren ist sowieso noch ein Strafverfahren anhängig, in Mexiko, wissen Sie… hat bestimmt auch was mit Drogen zu tun.” Herr Mosers Augen leuchteten. Er bedeutete mir aufgeregt, weiter zu sprechen. Er witterte den großen Coup. Den sollte er haben. “Der Herr heißt Dr. Ungut. Sie finden ihn heute auf der 4er Wache. Und entziehen Sie ihm bei der Gelegenheit auch gleich die Approbation. Obwohl…” fügte ich in einem verschwörerischen Ton hinzu. “Wer weiß, ob die überhaupt echt ist… Sie wissen schon… Urkundenfälschung.”
Herr Moser hob begierig den Kopf. “Ahhh… Sie meinen… Herr Willi! Können Sie die Aussage von Frau Dr. Anna bestätigen?” fragte Herr Moser Willi geschäftsmäßig. Herr Willi sah aus, als hätte er gerade drei Gin Tonic auf ex getrunken und war sicher nicht in der Lage, irgendwas zu bestätigen, aber das brauchte ich Herrn Moser ja nicht extra zu sagen. Sicherheitshalber trat ich Willi aber nochmals unauffällig in die Seite. “Aua! Ja, natürlich kann ich das… äh, bestätigen? Der Ungut war’s. Habt Ihr auch das Morphin gefunden?” Ich trat ihn noch mal.
“Sie meinen Heroin?” fragte Herr Moser. seine Augen leuchteten.
“Nein, Morphin, hat er doch gesagt.”  entgegnete Tim, der gerade nochmals Willis Rucksack inspizierte. In der Seitentasche wurde er fündig. “Ach, guck mal.” sagte er. “Die Großpackung!” Herr Moser riss ihm die Ampulle hektisch aus der Hand. “Das ist Beweismaterial, Sie Flegel, damit geht man nicht so um.” Dann warf er die Ampulle zusammen mit dem Ketanest in eine kleine Plastiktüte. Er war sichtlich zufrieden. “Äh, Mayer, schicken Sie mal eine Streife zu dieser Wache da und lassen Sie diesen Herrn Ungut auf die Dienststelle bringen. Mir scheint es, als wären wir hier einem größeren Kartell auf der Spur…” Er rieb sich die Hände. In diesem Moment kam Shanti, der den Raum kurz zuvor verlassen hatte, wieder zur Tür herein. Auf seinem Arm trug er ein altmodisches Tablett, worauf eine Menge Kekse lagen.
“Plätzchen?” rief er laut. “Es ist schließlich bald Weihnachten.” Begeistert scharten sich die Leinenfreunde um ihn. “Jeder nur eins, Kinder. Sie auch, Herr Wachtmeister?” fragte er zuckersüß.
“Ach… wo doch Weihnachten ist… und nach DEM Fahndungserfolg!” Freudig nahm er sich einen Keks. Die anderen Beamten hielten sich dezent im Hintergrund. Willi war auch schon erstaunlich flink auf die Beine gekommen, und stürmte auf Shanti zu. Ich packte ihn am Kragen, so dass es ihn einmal um die eigene Achse drehte. Dann griff ich Shanti an seinen Dreadlocks und drehte sein Ohr so weit zu mir, dass hinein flüstern konnte. “Ey, das ist doch nicht etwa das, was ich denke…?” Er sagte nichts, sondern grinste nur breit.
“Du Idiot.” fauchte ich. “Ich besuch dich dann im Knast.”
Ich griff auch noch Marek und Tim, die sich gerade auf den Weg zu den Plätzchen machen wollten. “Wir gehen.” sagte ich entschieden. Beide sahen enttäuscht aus. Ich hatte Willi noch immer am Kragen gepackt und schleifte ihn hinter mir her. Und dann machte ich das, was ich in solchen Situationen immer mache.

Ganz schnell und unauffällig rückwärts durch die Tür verschwinden.

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