Der liebe Tubus…

Da lag sie nun, Frau Schneider. Zarte 88 Jahre alt und mit einem massiven Schlaganfall. Man hatte mich hinzugerufen, weil der Radiologe heroisch die A.carotis interna rekanalisieren wollte. Ich sollte für die passenden Bedingungen sorgen. Bei meinem Eintreffen in der Notaufnahme schon bekam ich den ersten Hyperventilationsanfall.
“Was ist das?”, fragte ich entsetzt und zeigte auf das Ding, das der Patientin aus dem Mund ragte.
“Larynxtubus.”, erwiderte der zuständige Kollege lapidar. “Der Notarzt konnte sie nicht intubieren, also hat er das Teil da reingesteckt.”
“Raus!”, krächzte ich noch, während ich nach Luft rang.
“Jaja, musste umintubieren…” Damit war der Kollege auch schon verschwunden. Meine momentane Unpässlichkeit ausnutzend schlich sich ein Internist an mich heran. “Muss intubiert werden, ja?”, fragte er scheinheilig.
“Ja. Das ist ja kein sicherer Atemweg.”, gab ich zurück.
“Nun…”, er legte mir verschwörerisch den Amrum die Schulter. “Unsere Kollegin Dr. Seit-drei-Wochen-Hier hat noch nie intubiert… und sie würde doch so gerne mal… Wir könnten das auch mit Videolaryngoskop machen…”
Schnell schob ich seinen Arm zur Seite.
“Die Patientin ist nicht nüchtern!”, konstatierte ich (sehr nüchtern). Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Dr. Seit-drei-Wochen-Hier sehr enttäuscht dreinschaute.
Der Internist seufzte. “Internistische Patienten sind aber nie nüchtern! Und sie muss es doch auch mal üben!”
Reflektorisch hatte ich ein schlechtes Gewissen. Natürlich hatte der Kollege recht, sie muss es üben und sie wird es nur selten mit kontrollierten Bedingungen zu tun haben. Aber muss das sein bei einer Patientin, die so ein hohes Aspirationsrisiko hat? Und die der Notarzt schon nicht intubieren konnte? Ist das jetzt ein gutes Übungsobjekt?  Und wie erklärlich meinem Chef, dass ich jemand völlig Unerfahrenes an dieser Patientin habe üben lassen,wenn dann was schief geht?”
“Nein.”, sagte ich.”Ich mache es selbst.”

Und natürlich fühlte ich mich den Rest des Abends über unglaublich unkollegial. Trotzdem, wenn sie üben wollen, sollen sie in den OP kommen. Da zeige ich das jedem gerne unter kontrollierten Bedingungen.

Die Patientin war übrigens ganz leicht zu intubieren – in der Klinik mit Relaxanz und hinter der Patientin stehend (anstatt draußen auf dem Boden liegend) sieht das oft völlig anders aus.Daher würde ich mich immer davor hüten, über den Notarzt zu lästern, der “das nicht intubieren konnte!”. Trotzdem – eine Notfallsituation ist nichts für den Berufsanfänger.

Oder?

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Mit dir fahre ich nie wieder! (2)

“Ja, und nu?”, fragte ich verärgert, während ich im ersten Stock auf einem wackligen Baugerüst stand und versuchte, die Klappe zum zweiten Stock zu öffnen. Dies wurde ungleich dadurch erschwert, dass der Patient auf derselbigen zu liegen gekommen war. Ein dezent bläulicher Arm zuckte mir bei den hoffnungslosen Versuchen, die Klappe zu öffnen, vor der Nase herum.
“Hm. Weiß auch nicht.” Elias war eine große Hilfe.
“Also, ich klettere nicht außen rum.”,  sagte ich bestimmt, während ich mich wieder zu Elias drehte. Das Gerüste schwankte schon verdächtig. “Ich auch nicht.” Gut, dann hätten wir das ja mal geklärt.
Über unseren Köpfen tauchte plötzlich Andreas auf, der Rettungsassistent vom RTW. “Kommt Ihr jetzt rauf, oder was?”
“Häh?”, erwiderten wir unisono. “Wie biste denn da raufgekommen?” Andreas rollte mit den Augen. Durch das Haus und über das Fenster, ihr minderbemittelten Kreaturen.” Das war mir jetzt schon ein wenig peinlich.
“Ja, dann kommen wir mal…” Ich schob Elias vor mir her, so dass der fast vom Gerüst fiel. “Währenddessen könnt Ihr ja schon mal was machen. So, was Medizinisches, meine ich…”
Bis Elias und ich vom Gerüst runter und durch das Haus in den zweiten Stock gelaufen waren, hatte das RTW-Team den Patienten schon auf eine Schaufeltrage bugsiert und zerrten ihn gerade durch das Fenster auf den staubigen Dachboden. Ich sah mich um. Der Raum war fast leer und sicher jahrelang schon nicht in Gebrauch gewesen. Ein Weihnachtsbaum aus Plastik gab der Szene Mitten im Hochsommer einen interessanten Touch. Unter demselben kam der Patient auch zu liegen. Er war etwa Mitte 50, trug einen Rauschebart, der mich beatmungstechnisch nichts Gutes ahnen ließ und krampfte noch immer.
“Maske, Sauerstoff, Pulsoxy und Zugang bitte.” Mit wurde ein Teil des Equipment in die Hand gedrückt. Ich legte den Zugang, während ich nervös auf die Pulsoxymetrie sah. “Frequenz 38 und fallend, Sättigung weit unter vierzig Prozent.”, sagte Elias nüchtern. Mist, dachte ich, der Patient war so hypoxisch (wenig Sauerstoff), dass die Herzfrequenz schon langsam wurde. Als nächstes würden wir reanimieren dürfen. Die umständliche Rettungsaktion hatte sicherlich auch nicht zur Verbesserung der Kreislaufsituation beigetragen, aber so war das nun mal. Nicht jeder fällt direkt neben der Rettungswache um. “SAUERSTOFF!!!”, keuchte ich.
“Bin doch schon dabei…” Elias setzte dem Patienten eine Maske auf und fing an, ihn zu beatmen. Ich versuchte, medikamentös den Krampfanfall zu durchbrechen, was überhaupt gar nicht gelang. Keiner kannte den Patienten, keiner wusste etwas über Vorerkrankungen, nichts war bekannt. Unter Elias Bemühungen wurde der Patient zumindest wieder etwas rosiger und die Herzfrequenz stabilisierte sich.
“Hubschrauber?”, fragte Andreas schließlich.
“Bitte. Neuro, Intensiv und CT.  Mir völlig egal, wo das hingeht.” Hauptsache, mit Hubschrauber. Nach dieser Entscheidung war allerdings auch klar, dass das nicht ohne Intubation abgehen würde. Elias richtete hektisch alles für die Intubation. Wenigstens hörte unter suffizienter Narkose der Krampfanfall auf. Ein Blick in die Augen des Mannes ließen nichts Gutes vermuten – eine Pupille war weiter als die andere. Ich warf mich auf den staubigen Boden, nahm das Laryngoskop, setzte an und sah: nichts. Keine Stimmbänder, nur eine Mischung aus rosa, Bart und Erbrochenem. Laut fluchend fuchtelte ich abwechselnd mit Absaugung und Tubus in absteigenden Größen und Führungsstäben herum – erfolglos. Zwischendurch musste der Patient immer wieder bebeutelt werden, da er ja jetzt gar nicht mehr atmete.
“Larynxtubus?” fragte Elias. Falsche Frage. Ich hasse Larynxtubus. Ich habe schon Menschen gesehen, die in der Notaufnahme am Larynxtubus verstorben sind. Weil er eben doch nicht idiotensicher ist, und weil man damit eben doch einfach nur den Magen aufpumpen kann. Daher ist Larynxtubus für mich ein rotes Tuch, was ich Elias auch gleich kundtat.
“Bei mir kommt kein Larynxtubus in den Patienten, verstehst du?”, zeterte ich.
“Ja, was soll ich sagen, Anna, mit der konventionellen Intubation bist du ja auch nicht sonderlich erfolgreich.”, erdreistete er sich zu sagen. Ich schlug ihn mit dem Laryngoskop. Nicht wirklich, aber ich dachte zumindest daran.
“GIB DAS HER!” Ich riss ihm den nächstkleineren Tubus aus der Hand. In der Ferne hörte ich schon den Hubschrauber. Ich stellte mir vor, wie der Hubschraubernotarzt diese Aktion wohl finden würde. Elias und ich streiten wie die Kesselflicker und am Patienten ist noch nichts geschehen, außer, dass er hektisch bebeutelt wird. Mit einem beherzten Tritt schob ich den Weihnachtsbaum zur Seite, der mich die ganze Zeit mit seinem Lametta im Nacken kitzelte. Dieser fiel um und landete auf einem alten Strohballen, welcher sich in seiner Gänze und mit viel Staub auf Elias verteilte. Sein Fluchen nahm ich nur am Rande zur Kenntnis. Konzentriert setzte ich wieder das Laryngoskop an – und endlich sah ich etwas mehr als nur den harten Gaumen. Zügig war der Tubus in der Luftröhre versenkt. In diesem Moment hörte ich auch schon Schritte auf der Treppe. Das Team des Hubschraubers war im Anmarsch. Elias, Andreas und ich schafften es gerade noch, den Tubus zu fixieren und das Beatmungsgerät einzustellen.
“Was ist denn hier los?”, fragte der Kollege vom Hubschrauber beim Anblick vom staubigen Elias und meiner Wenigkeit, die ich mir hektisch etwas Lametta aus den Haaren zupfte. Ich überging den Kommentar und übergab den Patienten, der jetzt glücklicherweise so versorgt war, wie man es von uns erwartet hatte.

Zwei Stunden später rief ich in der Klinik an. Unsere Bemühungen waren von Anfang an vergebens gewesen. Der Patient hatte eine große Blutung im Hirn. Er war nicht mehr zu retten. Ich musste Elias versprechen, bei der Anfahrt nie wieder den Satz zu sagen: “Hier willste aber auch nicht tot überm Zaun hängen.” Wir sind eben abergläubisch.

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