Satz mit X…

…Das war wohl nix.

So kann man auch das Erlebnis beschreiben, welches ich neulich hatte (und das ich Anlehnung an den Blogpost Ein ethisches Dilemma gerne mit Euch teile). Außerdem möchte ich mir ja nicht nachsagen lassen, in erster Linie Patienten-Bashing zu betreiben ;-)

Ein Notarzteinsatz am frühen Abend. Die Wirkstätte liegt fünf Minuten Fahrtzeit von der eigenen Klinik entfernt. Der Kunde ist seit dem Morgen (!) komatös, allerdings hat er eine lange Latte an Vorerkrankungen, von denen zwar keine unmittelbar tödlich ist, in der Summe aber an ein baldiges Ableben denken lassen. Einige dieser Vorerkrankungen lassen auch Spekulationen über die Art des Komas zu, aber es könnte genauso gut ein Schlaganfall, eine Blutung oder sonst was sein. Also wird der Herr zügig in den RTW verladen und aufgrund der Gesamtsituation (wahrscheinlich präfinal) und der Nähe zum eigenen Haus (höchstens fünf Minuten) ohne Tubus abtransportiert. Wir bekommen grünes Licht fürs eigene Haus und fahren los – um 90 Sekunden später wieder anzuhalten. Die Leitstelle bittet uns zu parken, man könne jetzt doch nicht das eigene Haus anfahren.

So stehen wir da und warten… und warten… und warten… Ich sehe mir dabei den Patienten nochmals an. GCS von höchstens 5, und röchelt er nicht irgendwie auch komisch? War die initiale Sättigung ohne Sauerstoff nicht nur knapp über 80%? Was, wenn die Leitstelle uns jetzt ans andere Ende der Stadt schickt und wir noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns haben? Was, wenn er jetzt aspiriert? Mir ging auch die noch immer andauernde Diskussion zu Ein ethisches Dilemma durch den Kopf. Ich dachte an die Worte derjenigen, die die Intubation in einer solchen Situation vehement befürworten. Und dann sagte ich zum RA: “Komm,wir intubieren den jetzt lieber…”

Gesagt, getan. Tubus drinnen – da meldet sich die Leitstelle: bitte doch ins eigene Haus fahren. Ich mache es kurz: Beim Ausladen noch Druck von 120, drinnen dann drucklos (Medikamente zu Intubation sei Dank), nur mit Katecholaminen zu stabilisieren, die man so schnell wohl nicht mehr rausbekommen würde, Patient völlig dekompensiert und steht kurz vor der Reanimation, dazu der Schnorchel im Hals, also ein 1a-Kunde für die Intensivstation. Der Kollege in der Notaufnahme war zwar sehr beherrscht, ich sah ihm jedoch an, dass er mich für komplett durchgeknallt hielt.  Später las ich mir die Konsile zu dem Kunden durch, in denen sinngemäß stand: Welcher Volliditot hat denn diesen Patienten intubiert (Grunderkrankung, etc., wie kann man nur), macht das sofort wieder rückgängig, sonst stirbt er ja noch schneller. Zu allem Überfluss landete er auch noch auf der eigenen Intensivstation, wo ich dieses Debakel dann abermals erklären durfte. Zum Glück war Wochenende, so bestand noch die Hoffnung, dass der Schaden bis Montag behoben und mein Ruf nicht über alle Abteilungsgrenzen hinweg komplett ruiniert sein würde.

Also, ich bleibe dabei, Leitlinien hin oder her, ich mach das in Zukunft wieder sehr restriktiv.

Share Button

Mit den besten Genesungswünschen an die Gattin…

Lieber Herr Müller-Meyer-Huber,

vielen Dank, dass Sie unseren Dienst kürzlich in Anspruch genommen haben. Ich hoffe, Ihrer Frau geht es mittlerweile schon ein wenig besser, obwohl das ja nicht sehr wahrscheinlich ist.
Ich hätte da nur eine Frage, die ich mich nicht zu stellen traute, als wir neulich bei Ihnen in JWD, wo ich nicht tot überm Zaun hängen möchte,  im Wohnzimmer standen.
WAS UM ALLES IN DER WELT STIMMT BITTE MIT IHREM KOPF NICHT???
Ja, ich meine Ihren Kopf und nicht den Ihrer bemitleidenswerten Frau, deren erster Fehler schon mal war, dass sie SIE geheiratet hat (entschuldigen Sie bitte meine Wortwahl. Es geht mich ja wirklich nichts an, ob Ihre Frau Sie oder jemand anderes geheiratet hat, aber ich bin mir sicher, wäre ihre Wahl nicht auf Sie gefallen, so hätte sie gute Chancen gehabt, ihrem weiteren Schicksal zu entgehen).
Wissen Sie, ich bin ja eigentlich in der Stadtrettung tätig und es daher gewohnt, dass man wegen banaler Befindlichkeitsstörungen den Notarzt (oder in meinem Fall: die Notärztin) ruft. Ich weiß auch, dass die Landbevölkerung etwas tougher ist und man für gewöhnlich nicht wegen eines eingewachsenen Zehennagels gerufen wird. Aber Sie haben echt den Vogel abgeschossen.
Um 20 Uhr fanden Sie Ihre Frau bewusstlos auf dem Sofa vor. Sie haben mehrfach versucht, sie zu wecken, aber sie hat nicht reagiert. Daraufhin haben Sie entspannt den Tatort oder was auch immer geguckt und sind schließlich ins Bett gegangen. Am nächsten Tag fehlte Ihnen Ihre Frau bei der Arbeit im Stall. Das war sehr ärgerlich, denn jetzt mussten Sie die Kühe und Hühner (oder was da so bei Ihnen rumrennt) ja selbst versorgen und Frühstück hat Ihnen auch keiner gemacht. Wirklich ärgerlich. Ihre Frau hat noch immer nicht großartig auf Ihre Frage nach Frühstück reagiert (ich unterstelle jetzt mal, das Sie sie nach Ihrem Frühstück gefragt haben. Vielleicht wollten Sie auch nur wissen, warum sie nicht im Kuhstall steht, das kann ich jetzt nicht beurteilen, vielleicht klären Sie mich auf). Da ging Ihnen dann – etwa zwölf Stunden später – ein Licht auf. Nur ein sehr kleines, augenscheinlich, denn Sie riefen jetzt erstmal den Hausarzt. Diesem kam die Sache schon mal recht komisch vor, so dass er umgehend seine Sprechstunde verließ, um zu Ihnen zu kommen. Das würde ich ihm an Ihrer Stelle mal hoch anrechnen, obwohl es wahrscheinlich auch schon egal war. Als er Ihre Frau sah, bekam er fast einen Herzinfarkt. Jedenfalls sah er so aus, als ich mit ihm sprach, und ich denke, dass er nicht so leicht zu erschüttern ist. Nachdem er Ihre Frau untersucht hatte, ließ er umgehend meine Wenigkeit holen, damit ich mich um den Weitertransport Ihrer Frau kümmere. Mittlerweile hatte sich Ihre Frau mehrfach übergeben, zudem konnte man wieder ein wenig mit ihr in Kontakt treten, wenn auch nur mit viel Mühe und gutem Zureden. So gab sie an, dass sie nichts mehr sehen könne, was bei den meisten Menschen doch einige Alarmglocken läuten lässt. Wir brachten Ihre Frau umgehend in die nächste Klinik mit CT und entgegen meiner üblichen Gepflogenheiten wartete ich sogar noch die Bildgebung ab. Daher weiß ich auch, dass der Radiologe völlig entsetzt war, als er dieses CT in Augenschein nahm. Der Neurologe war genauso begeistert. Ihre Frau hatte eine Basilaristhrombose. Das wird Ihnen nicht viel sagen, ich erkläre es Ihnen mal mit einfachen Worten: ein RIESIGER Schlaganfall. Mit DEMARKIERTEN INFARKTAREALEN. Das heißt, das Gefäß ist schon so lange zu, dass man im CT sieht, dass das Hirngewebe kaputt ist. Ist dieser Ausprägung sicher seit mehr als sechs Stunden. Als wir anboten, die Patientin zur Rekanalisation in ein anderes Zentrum zu fahren (pure Verzweiflung!) lachte man uns aus. Denn dafür war es VIEL ZU SPÄT.

Herr Müller-Meyer-Huber, was genau war denn jetzt das Problem? Gucken Sie nicht genügend Arztserien? Sind all die Aufklärungskampagnen zum Schlaganfall und das Stichwort “Time is Brain” komplett an Ihnen vorbeigegangen? Mögen Sie Ihre Frau nicht besonders? Kam es Ihnen nicht irgendwie komisch vor, dass Ihre Frau stundenlang komatös auf dem Sofa lag? Ich erwarte ja nicht, dass Sie die Diagnose einer Basilaristhrombose selbst stellen, aber wäre es nicht möglich gewesen, etwa 12 Stunden früher den Rettungsdienst zu rufen? Oder meinetwegen auch den Tierarzt, den Metzger oder den Elektriker – irgendwen, der Ihnen sagt, Du, Frau und Koma ist eigentlich nicht normal?

Ihr Frühstück werden Sie jetzt sicherlich immer selbst machen dürfen. Und das Ihrer Frau gleich mit. Füttern inklusive.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Genesungswünschen an Ihre Gattin,

Dr. Anna

Share Button