Der Anfang vom Ende

Vielen erschien unser Rückzug von Shantis Erleuchtungstruppe als etwas übereilt. Ich muss sagen, er kam genau zum richtigen Zeitpunkt. So hatten wir keine Gelegenheit, der wilden Orgie, die sich dann gerüchteweise abgespielt hat, beizuwohnen, was sich für mein seelisches Gleichgewicht sicher als vorteilhaft erwiesen hat. Offen gestanden glaube ich die Gerüchte sogar. Es kam nämlich zu keiner Anklage gegen Shanti, was dieser mit dem Besitz einiger interessanter Fotos begründete. Ich weiß das, weil Shanti seit neustem regelmäßiger Gast auf meiner Couch ist. Er scheint Gefallen an Ivan gefunden zu haben – oder an mir, und ich bin einfach zu höflich, ihn rauszuschmeißen, und so sitzt er etwa drei Mal pro Woche da und philosophiert vor sich hin. Dabei erzählt er mir regelmäßig, dass er, obwohl erleuchtet, noch immer auf der Suche nach sich selbst sei. Ich empfahl ihm, sich mal zu googlen, da findet man ja so ziemlich alles, vielleicht auch sich selbst. Er fand das irgendwie nicht so witzig, aber es hält ihn auch nicht davon ab, weiterhin auf meiner Couch Platz zu nehmen. Ich denke mir dann oft, wäre ich mal Psychiater geworden, dann könnte ich für Shantis Selbstfindungstrips auch noch Geld nehmen. Aber egal, um Shanti soll es eigentlich auch gar nicht gehen. Erwähnenswert ist auch, dass trotz Wachtmeister Mosers ernsthaften Bestrebungen niemand wegen der Ketanest-Geschichte verhaftet wurde. Muss auch was mit den Fotos zu tun haben, die Shanti mir partout nicht zeigen möchte. Er verriet mir nur, Herr Wachtmeister habe jetzt ein paar neue Piercings an diskreter Stelle. Ich wollte es gar nicht genauer wissen, aber Indira hat wohl mal in so einem Studio gearbeitet und verfügt somit über einschlägige Erfahrung. Naja. Jetzt wisst Ihr, warum ich im Rettungsdienst immer so erpicht darauf bin, den Ort des Geschehens schnellstmöglich wieder zu verlassen. Man muss nicht alles sehen.
Willi haben wir in der Klinik abgeliefert. Nicht in unserer, weil ich meinen sozialen Tag hatte. Der hat sich da ausgeschlafen und wird wahrscheinlich nie wieder Ketanest anfassen. Ich hatte gehofft, dass irgendwer den Ungut mal aus dem Verkehr zieht, aber das ist jetzt ja leider nicht der Fall. Wenigstens habe ich nun ein gutes Druckmittel gegen ihn, und ich bin mir sicher, es wird sich demnächst mal eine Gelegenheit ergeben, wo sich mein Wissen um seinen laxen Umgang mit Betäubungsmitteln als nützlich erweisen wird.

Die Geschichte hätte ich im Großen und Ganzen also schnell vergessen können, würden ihre Protagonisten nicht permanent in meinem Leben aufkreuzen. Aber mein Leben geht ja trotzdem weiter. Am Mittwoch beispielsweise stand ich nichtsahnend im OP. Machte Narkose, wie immer eben. Da kam Oberarzt Gashahn herein und sagte: “Anna, wir haben einen neuen PJler. Könnten Sie sich seiner annehmen?”
“Ja, ja, ja!” rief ich. Ich liebe Studenten. Sie lassen sich stundenlang zutexten und müssen dabei immer höflich bleiben. Und man kann sie mit unnützen Dingen quälen, die sie nicht ablehnen dürfen (“Mach eine BGA und bring mir auf dem Rückweg was zu Trinken mit. Und was zu Essen. Ich hätte gerne eine Milchschnitte, sieh zu, wo du eine auftreibst. Intubieren darfst du erst, wenn ich sehe, dass du adäquat mit dem Getränkeautomat umgehen kannst.” usw…)
“Super.” sagte  der Gashahn. “Ich hole ihn mal. Seien Sie bitte nett zu ihm, er ist ein Neffe vom Dr. Ungut.”

Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass das bad news bedeuten würde. Ich sollte Recht behalten.

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Auf dem Weg zur Erleuchtung (Teil 5) – Finale

Ich erhielt von Marek die Info, dass Maurice auf der Wache war. Ich rief ihn an und hatte Glück, er meldete sich schon beim zweiten Klingeln. Ich ließ mir von ihm noch einmal dezidiert die Ereignisse schildern, die nach meinem Rückzug von Dr. Ungut und Willi im Haus der alten Dame vorgefallen waren. Es stellte sich heraus. dass Maurice dem Ungut das Succinylcholin aus der Hand gerissen hatte, bevor dieser auf dumme Gedanken kam. Sie hätten dann Willi gut zugeredet und nach ein paar Minuten war der Spuk auch vorbei. Ungut hatte insistiert, Willi mit auf die Wache zu nehmen, wo er, nachdem er seinen Rausch vollständig auskuriert hatte, mit Ungut für den Rest der Nacht auf dem NEF mitgefahren war. Ich schlug Maurice vor, mal seine Ketanest-Bestände zu überprüfen, und was soll ich sagen? Bingo, es fehlten genau die Ampullen, die wir in Willis Rucksack gefunden hatten. Ich dankte Maurice für diese Information und überlegte, was ich jetzt damit anfangen sollte. Dabei wurde ich leider der Tatsache gewahr, dass alle mich anstarrten.
“Ähh….” sagte ich. Willi kam mir zum Glück zu Hilfe, noch etwas benommen meldete er sich zu Wort: “Wo ist denn der Rest von dem geilen Zeug? Ich will mehr davon.” Ich bekam einen Hustenanfall, aber zu spät, Herr Moser stürzte sich sogleich auf Willi.
“Ich muss sie wohl festnehmen, Herr Willi. Wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.” Willi sah ihn entsetzt an.
“Wegen so was nimmt man doch nicht gleich einen fest, oder?” fragte ich irritiert. “Außerdem ist er auch gar nicht in der Lage, irgendwo hin mitgenommen zu werden, von der Klinik mal abgesehen.” Herr Moser sah mich verärgert an.
“Sie geben ihn also nicht frei?”
“Freigeben? Von mir aus können Sie den mitnehmen und sich zu Hause ins Wohnzimmer stellen, aber nicht heute!” Ich wusste auch nicht, warum ich Willi half, aber irgendwie fühlte ich mich dann doch ein wenig schuldig wegen der Aktion mit dem Ungut. Das brachte mich allerdings noch auf eine Idee… ich schloss messerscharf, dass Willi sich wahrscheinlich nicht allein am Medikamentenscharnk bedient haben konnte…
“Herr Moser…” fing ich mit einem diabolischen Grinsen an. “Wäre es für sie nicht viel interessanter an die… sagen wir mal… Hintermänner des Geschehens zu kommen?” Herr Moser ließ von Willi ab und sah mich interessiert an. Ich sprach weiter: “Ja… also, der Willi hat ja gar keinen Zugang zu solchen Mengen an Ketanest… ich kann Ihnen aber sagen, wer es ihm besorgt hat… und gegen diesen Herren ist sowieso noch ein Strafverfahren anhängig, in Mexiko, wissen Sie… hat bestimmt auch was mit Drogen zu tun.” Herr Mosers Augen leuchteten. Er bedeutete mir aufgeregt, weiter zu sprechen. Er witterte den großen Coup. Den sollte er haben. “Der Herr heißt Dr. Ungut. Sie finden ihn heute auf der 4er Wache. Und entziehen Sie ihm bei der Gelegenheit auch gleich die Approbation. Obwohl…” fügte ich in einem verschwörerischen Ton hinzu. “Wer weiß, ob die überhaupt echt ist… Sie wissen schon… Urkundenfälschung.”
Herr Moser hob begierig den Kopf. “Ahhh… Sie meinen… Herr Willi! Können Sie die Aussage von Frau Dr. Anna bestätigen?” fragte Herr Moser Willi geschäftsmäßig. Herr Willi sah aus, als hätte er gerade drei Gin Tonic auf ex getrunken und war sicher nicht in der Lage, irgendwas zu bestätigen, aber das brauchte ich Herrn Moser ja nicht extra zu sagen. Sicherheitshalber trat ich Willi aber nochmals unauffällig in die Seite. “Aua! Ja, natürlich kann ich das… äh, bestätigen? Der Ungut war’s. Habt Ihr auch das Morphin gefunden?” Ich trat ihn noch mal.
“Sie meinen Heroin?” fragte Herr Moser. seine Augen leuchteten.
“Nein, Morphin, hat er doch gesagt.”  entgegnete Tim, der gerade nochmals Willis Rucksack inspizierte. In der Seitentasche wurde er fündig. “Ach, guck mal.” sagte er. “Die Großpackung!” Herr Moser riss ihm die Ampulle hektisch aus der Hand. “Das ist Beweismaterial, Sie Flegel, damit geht man nicht so um.” Dann warf er die Ampulle zusammen mit dem Ketanest in eine kleine Plastiktüte. Er war sichtlich zufrieden. “Äh, Mayer, schicken Sie mal eine Streife zu dieser Wache da und lassen Sie diesen Herrn Ungut auf die Dienststelle bringen. Mir scheint es, als wären wir hier einem größeren Kartell auf der Spur…” Er rieb sich die Hände. In diesem Moment kam Shanti, der den Raum kurz zuvor verlassen hatte, wieder zur Tür herein. Auf seinem Arm trug er ein altmodisches Tablett, worauf eine Menge Kekse lagen.
“Plätzchen?” rief er laut. “Es ist schließlich bald Weihnachten.” Begeistert scharten sich die Leinenfreunde um ihn. “Jeder nur eins, Kinder. Sie auch, Herr Wachtmeister?” fragte er zuckersüß.
“Ach… wo doch Weihnachten ist… und nach DEM Fahndungserfolg!” Freudig nahm er sich einen Keks. Die anderen Beamten hielten sich dezent im Hintergrund. Willi war auch schon erstaunlich flink auf die Beine gekommen, und stürmte auf Shanti zu. Ich packte ihn am Kragen, so dass es ihn einmal um die eigene Achse drehte. Dann griff ich Shanti an seinen Dreadlocks und drehte sein Ohr so weit zu mir, dass hinein flüstern konnte. “Ey, das ist doch nicht etwa das, was ich denke…?” Er sagte nichts, sondern grinste nur breit.
“Du Idiot.” fauchte ich. “Ich besuch dich dann im Knast.”
Ich griff auch noch Marek und Tim, die sich gerade auf den Weg zu den Plätzchen machen wollten. “Wir gehen.” sagte ich entschieden. Beide sahen enttäuscht aus. Ich hatte Willi noch immer am Kragen gepackt und schleifte ihn hinter mir her. Und dann machte ich das, was ich in solchen Situationen immer mache.

Ganz schnell und unauffällig rückwärts durch die Tür verschwinden.

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Auf dem Weg zur Erleuchtung (Teil 4)

Ich fand die ganze Situation ein wenig unbefriedigend. Wir waren seit mindestens 20 Minuten an der Einsatzstelle, aber bislang hatten wir nur zwei kämpfenden Katzen getrennt, die Wetteinnahmen verteilt (ich bekam auch was, da Ivan ja meine Katze war), und mit Shanti über Tantra diskutiert. Ich fand, dass es langsam mal an der Zeit war, sich Willi zuzuwenden. Der hatte mittlerweile eine Maske auf und das Pulsoxy zeigte 100%. Auf Fußtritte reagierte er mit einem Grunzen.
“Na bitte, wird doch.” sagte ich zu Phillip. Der sagte etwas Unverständliches,  aber ich glaube nicht, dass es was Freundliches war. Ich sah Shanti auffodernd an. “Also, Fritz Shanti, jetzt mal Klartext. Wo hattest Du das Ketanest her? Und wie wurde es appliziert?”
“Weiß ich doch nicht!” Shanti war vom Beanbag aufgesprungen und lief jetzt aufgeregt auf und ab. “Im Ernst, er hat es mitgebracht!”
“In seiner Tasche hat er noch ein paar weitere Ampullen!” mischte sich jemand von den Leinenfreunden ein. Shanti trat nervös von einem Bein aufs andere. Tim griff sich schnell Willis Rucksack und leerte Inhalt auf dem Boden aus. Wir zählten noch vier weitere Ampullen Ketanest S. “Ich geh dann mal telefonieren..” sagte Tim. Ich nickte stumm.
“Er ist doch Arzt, der darf das!” rief Shanti aufgeregt.
“Ist er nicht. Er ist Student. Der darf das ganz bestimmt nicht… und auch mit Approbation würde ich nicht mit so viel Ketanest in der Tasche herumlaufen… das könnte komisch aussehen… ungefähr so wie hier.” Shanti sah jetzt ernsthaft irritiert aus und sehr hyperventilationsgefährdet. Willi gab noch mehr Grunzlaute von sich und fing an, sich zu bewegen. Ich entschied, dass er jetzt auch kein Midazolam mehr brauchte. Ich hob nochmals die leere Ampulle Ketanest auf und inspizierte sie. Dann pfiff ich durch die Zähne. “Respekt, 100 mg.” sagte ich zu Phillip. Der untersuchte Willi gerade.
“Ich sehe keine Einstiche, er muss es also geschluckt haben.”
“Ich würde das noch immer als sportlich bezeichnen, auch oral.” Ich ließ die Ampulle wieder sinken. “Wenigstens rührt er sich jetzt wieder. Sollte langsam auch mal abklingen.”
Shanti hatte sich währenddessen auf den Boden geworfen und fing an, herumzuturnen.
“Was machst du da?” fragte ich irritiert. Ich überlegte, ob er wohl auch an dem Ketanest genascht hatte, so wie er sich jetzt aufbäumte.
“Ich mache Yoga.” gab er schnaufend zurück. “Das entspannt mich.” Ich sah ihn zweifelnd an.
“Hör mal, Hase, ich weiß ja nicht, wo du dein Yoga gelernt hast, aber keine der Yogaarten, die ich kenne, macht so einen abgefahrenen Sonnengruß. Und deine Technik ist miserabel.” Ich entledigte mich meiner Jacke, krempelte die Ärmel meines Pullovers hoch und stellte mich neben ihn. “Dann wollen wir mal…” Shanti machte gerade einen etwas ungelenken nach-unten-schauenden-Hund. Ich drückte ihm die Hand zwischen die Schulterblätter und drehte seine Oberarme etwas aus. “So muss das aussehen.” Er keuchte. “Ich krieg keine Luft!”
“Du kriegst jetzt schon keine Luft? Das ist eine Entspannungshaltung, Mann!” Ich schüttelte den Kopf. “So, jetzt komm nach vorne, schiefe Ebene, Körper wie ein Brett.” Ich drückte seine Hüften nach unten, er wackelte beträchtlich und fing jetzt schon an zu zittern. Ich schüttelte erneut den Kopf. “Knie, Brust und Kinn zum Boden.” Ich half seinen Bemühungen mit meinem Fuß ein wenig nach. “Jetzt durchschlängeln, kleine Kobra.”
“Was?” fragte er röchelnd.
“Ich denke, du kannst das? Das ist ein Standard-Sonnengruß.” Entnervt zerrte ich ich ihn wieder in den nach-unten-schauenden-Hund. “So wird das nichts. Mach jetzt wenigstens einmal schön Chatturanga Dandasana, Liegestütz.”
“Anna…” tadelte mich Phillip mal wieder von der Seite. Ich ignorierte ihn. Ich drückte lieber Shanti nach unten. “Triceps, Triceps, verdammt!” schrie ich ihn an und zerrte und schob an ihm, um die gewünschte Position zu erreichen. Shanti standen einige Schweißperlen auf der Stirn, die Leinenfreunde sahen interessiert zu, Marek und Tim sammelten schon wieder Geld ein und Willi wachte langsam auf und sah sich um, als die Tür aufging und die Herren in Grün im Zimmer standen. Ich ließ reflexartig Shanti los, der mit einem lautem Knall auf dem Parkett landete. Ich erntete einen tadelnden Blick, diesmal nicht von Phillip, sondern von einem großen Herren Ende Vierzig, der sehr energisch wirkte und seine Hand nervös an sein Holster führte. “Guten Tag. Mein Name ist Moser, Polizei. Wer, bitte, wenn Sie mir das freundlicherweise mal erklären könnten, ist hier Patient, wer ist Helfer, und wen sollen wir verhaften?” fragte er mit lauter Stimme.

Wir sahen uns alle etwas unsicher um. Jeder zeigte auf jemand anderes. Ich hatte da allerdings einen Verdacht und eine Idee, wie wir Licht in die Sache bringen könnten.
“Äh, ich muss da mal telefonieren.” sagte ich während ich mein Handy aus der Tasche zog. “Marek, wo hat denn Maurice heute Dienst? Ich hätte da mal eine Frage an ihn…”

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Willi, der Schrecken aller Notärzte (Teil 3) – Sky High

Ich musste dann am Freitag doch nicht weiter schreiben. Ich konnte die beiden Herren recht schnell aus meiner Wohnung komplimentieren. Erzdaemon hatte nach dem Kampf mit Ivan erstmal genug und wollte schnell irgendwo hin, wo man sich um seine Wunden kümmern konnte und Paul war nach dem Katzenfutter etwas übel. Ich empfahl das nächste Klinikum.

Jetzt möchte ich Euch aber nicht länger auf die Folter spannen. Ich rekapituliere daher noch einmal kurz die Situation, in der ich mich zuletzt befand: Die Patientin lag beatmet auf dem Boden. Willi war gerade kollabiert und hatte sein anverdautes Mittagessen über den meisten Anwesenden verteilt. Marek kümmerte sich etwas halbherzig um Willi und mit Phillip war eh nichts anzufangen, weil der mit der Reinigung seiner Kleidung beschäftigt war (was gab es da eigentlich in der Kantine zum Mittagessen? Ich hätte jetzt auf irgendwas mit rote Grütze getippt, jedenfalls der Farbe nach zu urteilen). Der zweite RA war rausgerannt, um einen Notarzt nachzufordern. Ich wies daher den First Responder an, mir zum einen das Beatmungsgerät zu bringen und zum anderen die Patientin zu säubern, denn auch die war von Willis Attacke nicht verschont geblieben. Der First Responder lamentierte eine Weile herum, gab aber schließlich nach und kümmerte sich lieblos um die ihm aufgetragenen Dinge. In diesem Moment hörte ich schon draußen ein Rumpeln. Schwungvoll ging die Tür auf und dort stand – Notarzt Nummer 2. Natürlich der Ungut, ich meine, wieso sollte das Schicksal es gut mit mir meinen? Ich weiß, dass ich Euch noch die Story aus San Diego schuldig bin, aber wie ich schon mal andeutete… es könnte da rechtliche Implikationen geben… ich will es mal so sagen: Von San Diego aus kann man mit der Straßenbahn direkt bis zur mexikanischen Grenzen fahren. Oder jemanden fahren lassen, wenn der etwas wehrlos ist. Mit dem nötigen Kleingeld bekommt man so jemanden auch über die Grenze, und das Entledigen der Kleidung und die Abnahme von Pass, Geld und anderen Annehmlichkeiten erledigt sich dann von ganz allein durch sorgsame mexikanische Mitbürger. Irgendwo gibt es dann auch in Mexiko eine deutsche Botschaft, und die kümmern sich auch gerne um nackte, mittellose Deutsche im Ausland. Es dauert nur ein wenig. Aber es scheint, dass Dr. Ungut nach einem Monat auch wieder den Weg zurück gefunden hat. Jedenfalls stand er jetzt im Wohnzimmer unserer Patientin und wechselte die Gesichtsfarbe zügig von blass auf rot, als er mich sah.
“Du…!” schrie er. Danach folgten noch ein paar andere Worte, mit denen er mich bezeichnete, und die ich so unangemessen fand, dass ich sie hier nicht zu Papier bringen möchte. Ich tat das, was ich am besten konnte und verlegte mich mal wieder aufs Beatmen, so eine differenzierte Einstellung des Gerätes kann schon mal meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Aus dem Augenwinkel sah ich jedoch, wie ein größeres Objekt sich meiner näherte. Ich duckte mich schnell und das Objekt landete mitten im Gesicht von Willi, der kurz stöhnte und dann wieder ins Reich der Träume abdriftete. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das Objekt als Unguts rechter Schuh – warum haben die Leute immer das Verlangen, etwas nach mir zu werfen? Schuhe vornehmlich? Oder Katzen? Das war ja auch nicht irgendein Schuh, das war immerhin ein Haix, und die sind ja bekanntermaßen nicht gerade zart und haben Stahlkappen. Nun gut, mich hat es ja diesmal nicht getroffen. Die ganze Aktion lenkte allerdings Unguts Blick auf Willi, der noch immer hinter mir auf dem Boden lag.
“Willi!” rief er aus.
“Du kennst den?” fragte Phillip, der soeben aus dem Bad gekommen war und die vorgehende Aktion mit gerunzelter Stirn beobachtet hatte.
“Natürlich! Das ist doch der Willi! Unser Student! Er ist brilliant! So witzig und intelligent und so ganz anders als ihr Volltrottel!” erklärte er mit einer Handbewegung in unsere Runde.
“Wenn du jetzt auch noch behauptest, dass er gut aussieht, dann zweifle ich echt an deinem Urteilsvermögen.”  sagte Phillip ungläubig. Ungut funkelte ihn böse an. Dann schob er mich grob zur Seite, so dass ich unsere Patientin dabei fast extubiert hätte und beugte sich über Willi. Marek ließ sich dazu herab, ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
“Habt Ihr denn schon die Vitalparameter überprüft?” fragte Ungut.
“Nö, wir finden den ja eh doof.” erklärte ich ihm. Phillip sah mich böse an, dem Ungut fiel fast der Unterkiefer runter.
“Kannst du dich nicht ein Mal zusammenreißen?” herrschte mich Phillip an. “Natürlich haben wir das. Wahrscheinlich orthostatischer Kollaps mit Kotzerei. Vielleicht hat er dabei auch aspiriert, jedenfalls ist er nur leidlich zugänglich. Druck ist jedenfalls 70 und er öffnet die Augen, wenn man ihn schlägt oder Stiefel ins Gesicht wirft. Ob er auch noch aspiriert hat, weiß ich nicht. Sättigung ist allerdings gut.” Phillip war irgendwie wütend, auf uns alle und insbesondere auf Willi und irgendwie auch auf mich. Mittlerweile war auch der zweite RTW eingetroffen und die Mannschaft stand etwas irritiert im Wohnzimmer herum.
“Zugang legen!” brüllte Ungut.
“Mach doch selbst.” sagte Marek und warf ihm eine Nadel vor die Füße.
Ich erkannt diesen Moment als eine gute Gelegenheit, die Patientin in Sicherheit zu bringen, mich von Ungut zu verabschieden und gleichzeitig Willi loszuwerden, der zunehmend wieder munterer wurde.
“Können wir abtransportieren?” Dankbar machte sich mein RTW-Team an die Arbeit und lagerte die Patientin um und schob sie dann aus der Tür in den wartenden RTW. Auch Phillip packte unsere Sachen. Nebenbei beobachtete ich eine heiße Diskussion zwischen Ungut und Maurice, seinem NEF-Fahrer.
“Was ist denn los?” fragte ich leicht genervt, als ich sah, dass Ungut Maurice eine Ampulle aus der Hand riss.
“Er will ihm Ketanest geben!”  rief Maurice aufgeregt.
“Wieso denn das, du Totalversager im Rettungsdienst?” Konnte ich mir nicht verkneifen.
“Ketanest, liebe Kollegin, wirkt zum einen blutdrucksteigernd und außerdem bronchodilatatorisch. Beides können wir hier gut gebrauchen.” Maurice sah mich verzweifelt an, ich zuckte nur mit den Achseln. Währenddessen hatte Ungut eine nicht identifizierbare Menge an Ketanest gespritzt (ich muss allerdings sagen, dass Willi zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht so aussah, als ob er noch irgendwelche Hilfe benötigen würde, außer vielleicht die von einem Stylisten, einem Ernährungsberater und einem Friseur, aber das nur mal am Rande). Ich bemerkte mit einem hämischen Grinsen, dass er wohl die Midazolamgabe zum Ketanest vergessen hatte und äußerte das in Richtung Maurice. Jetzt zuckte dieser mit den Achseln. In diesem Moment entwickelte Willi plötzlich ungeahnte Kräfte und sprang auf. “Wo kommen denn all diese Lichter her? Ist denn schon Weihnachten?” rief er verzückt. Ich sah Maurice zweifelnd an, dieser ging schon mal vorsichtig hinter der Couch in Deckung. Willi brabbelte weiter irgendwas von Weihnachten, Engeln und Dämonen und sprang etwas ungelenk im Zimmer herum. Ich zog mich langsam in Richtung Tür zurück. “Lass mich nicht allein mit diesen zwei Spinnern!” rief Maurice von hinter der Couch.
“Sorry, Maurice, aber ich möchte nicht Zeuge dieser Aktion sein!” sagte ich, während ich rückwärts aus der Tür schlich. Und zu Dr. Ungut sagte ich noch: “Weißt du, wenn man schon Ketanest gibt, dann sollte man die Dosis hoch genug wählen, so dass der Patient sich nicht mehr rührt, und man sollte IMMER Midazolam dazu geben. Nur so als Tipp.” In diesem Moment fiel Willi der Tochter der Patientin um den Hals und drückte sie aufs Sofa. Sie schrie, Willi heulte wie ein kleines Kind. Der Ungut stand noch immer paralysiert daneben. “Ungut, du Volltrottel, tu endlich was!” rief ich ihm noch zu.

Dann drehte ich mich um und ging einfach. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie er eine Ampulle Succinylcholin aus dem Medikamentenkoffer holte. Ich glaube, ich will gar nicht wissen, was er damit gemacht hat.

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Ivan stürzt ab

Ich wollte ja nicht mehr über Ivan berichten. Aber was soll ich machen, er ist ja so präsent. Und jetzt sitzt er hier neben mir und sieht mich mit seinen großen Katzenaugen an, seine Vorderpfoten sind eingegipst, um seinen Kopf trägt er einen weißen Verband.  Laufen kann er jetzt eigentlich gar nicht mehr, ich muss ihn dauernd herumtragen, was ich äußerst lästig finde. Aber wenigstens kann er jetzt nicht mehr an den Möbeln kratzen, ist ja auch mal was. Er maunzt immer zwei Mal für “trag mich aufs Klo” und drei Mal für “hol mich wieder ab”.

Aber wie kam es jetzt denn eigentlich dazu? Nun, Ivan hatte sich hier schnell eigelebt, Mit Vorliebe liegt er auf MEINEM Platz auf der Couch, und wenn ich ins Bett will, liegt er auf MEINEM Kopfkissen (das gewöhne ich ihm gerade ab). Wenn ich ihn dann aus dem Schlafzimmer schmeiße, legt er sich im Bad auf MEINE Klamotten, die ich dort immer schon für den nächsten Tag zurecht lege.

Am Freitag öffnete ich die Tür zur Dachterrasse, wollte mal etwas lüften. Aus dem Augenwinkel sah ich kurze Zeit darauf Ivan auf dem Geländer balancieren. Mit einem lauten Schrei rannte ich nach draußen, was muss ich da sehen? Ivan setzt zum Sprung an und ist verschwunden. Panisch lief zum Geländer und sah ihn vor meinem geistigen Auge schon mit zerschmettertem Schädel auf dem Asphalt liegen, aber so weit war er gar nicht gekommen. Er war genau eine Etage tiefer – auf Rambos Balkon. Auf diesem befand sich auch gerade Rambo und rauchte – neben ihm: sein komischer Hund. Und jetzt kommt’s… also, man könnte postulieren, dass sich Ivan und das Vieh seinerzeit nicht gut verstanden haben, denn Ivan krallte sich aktuell an des Hundes Fell fest und schlug auf ihn ein. Der Hund drehte sich wild im Kreis und Rambo schrie und zerrte an Ivan. Ich schrie auch, aber mehr aus Freude über diesen Anblick. Irgendwann hatte Rambo Ivan am Genick gepackt und von dem Hund losgerissen (ich konnte auch keine größeren Verletzungen an dem Tier ausmachen). Dann blickte er nach oben und sah mich über das Geländer gelehnt.
“Wenn das scheiß-Vieh sich noch ein Mal bei mir blicken lässt, dann…” Ich weiß nicht, was passiert, wenn Ivan sich noch ein Mal bei Rambo blicken lässt, denn Rambo beendete den Satz nicht sondern schleuderte Ivan mit einer ausholenden Handbewegung in meine Richtung. Ivan miaute, der Hund bellte, Rambo fluchte und ich schrie, diesmal vor Überraschung. Glücklicherweise zielte Rambo recht gut, so dass ich Ivan quasi auf mir landete, und mir dabei ein weiteres Desigual-Teil mit seinen Krallen ruinierte. Ich brachte Rambo bei dieser Gelegenheit ein paar neue Worte bei, die dieser sofort in seinen aktiven Wortschatz aufnahm und mit Nachdruck in meine Richtung rezitierte. Ivan nahm meinen Körper als Trittleiter und flüchtete über meinen Kopf – aufs Dach! Das war jetzt ungünstig, da er von da irgendwie nicht mehr runterkam, oder kommen wollte, jedenfalls saß er eine Stunde später noch immer da und miaute ganz kläglich. Irgendwann beschloss ich, dass das jetzt auch nicht so weitergehen kann, und rief Phillip an, um zu fragen, ob er und seine Kumpels mal kurz die Drehleiter ausleihen könnten. Als ich die Worte Ivan und Dach erwähnte, lachte er hämisch und dann war die Leitung tot. In seinem Interesse nehme ich jetzt mal an, dass sein Akku einfach alle war. Allerdings kam auch niemand mit einer Drehleiter, so dass ich selbst handeln musst. Nachdem Ivan zwei Stunden au dem Dach gesessen hatte, und es langsam kalt wurde (zumal wenn man kein Fell hat), entschloss ich mich, zu handeln. Ich nahm einen Stuhl, stellte darauf noch einen Stuhl (ja, sorry, Leiter habe ich keine) und kletterte über diese Konstruktion zu Ivan hoch, wobei ich mich vorsichtig über die Regenrinne nach oben zog. Mit einem Bein hing ich also noch auf der Stuhlkonstruktion, das andere Bein schwebte in der Luft, eine Hand griff Ivan, die andere Hand griff: nichts. Durch diese unerwartete Gewichtsverlagerung gaben beide Stühle nach und ich sah den Betonboden mit atemberaubender Geschwindigkeit näher kommen. Reflexartig riss ich die Arme nach vorne, um meinen Sturz abzufangen. Dabei konnte ich auf Ivan, den ich noch immer mit meiner rechten Hand gegriffen hielt, leider keine Rücksicht nehmen, und so kam er etwas unglücklich unter mir zu liegen. Ich kann berichten, dass ich mir außer ein paar Schürfwunden zum Glück nichts getan habe, aber Ivan sah irgendwie nicht gut aus. Mann, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ivan jaulte. Wirklich, er jaulte. Seine Vorderpfoten sahen deformiert aus, und am Kopf hatte er eine Platzwunde. Ich trug ihn schnell in die Küche und machte ihm eine Wärmflasche, was Besseres fiel mir nicht ein. Traurig, ich weiß, als Anästhesistin und so, aber ich stand völlig unter Schock. Ich rief wieder Phillip an, der seinen Akku anscheinend in der Zwischenzeit wieder geladen hatte. Der riet mir, mit Ivan zum Tierarzt zu fahren (selber vorbeikommen wollte er irgendwie nicht, das Rettungsdienstpersonal ist auch nicht mehr das, was es mal war…). Nun hatte ich aber nichts zum Ivan-Transport, und in seinem Katzenklo wollte ich ihn auch nicht zum Tierarzt tragen. Da fiel mir die Geschichte von Patrick und seiner Katze ein, und ich hatte eine Idee. Ich spritzte ihm mal wieder eine Mischung aus Ketanest und Midazolam, diesmal schlug ich aber vorher die katzenübliche Dosierung nach. Damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe – Ivan war schmerzfrei und er bewegte sich nicht mehr, so dass ich ihn problemlos auf der Wärmflasche liegend transportieren konnte. In die U-Bahn. Gut, meine Mitbürger haben schon etwas seltsam geguckt, aber als ich laut erklärte, dieses Tier leide an einer sehr seltenen und ansteckenden Krankheit hatte ich schnell ein Abteil für mich und war vor lästigen Blicken und Anfeindungen geschützt.

Beim Tierarzt ließ man mich auch recht schnell vor. Der Tierarzt war ein älterer Herr mit grauem Bart, was mir das Gefühl einer gewissen Kompetenz vermittelte.
“Was ist das?” er zeigte auf Ivan, der noch immer auf der Wärmflasche schlief.
“Das ist eine Katze.” er sah mich verärgert an.
“Das sehe ich, ich habe schließlich Tiermedizin studiert und weiß daher, wie Katzen aussehen. In diesem Fall ist es allerdings wohl ein Kater. Und er liegt auf einer Wärmflasche. Und er schläft. Und er hat zwei gebrochene Vorderpfoten. Und eine Kopfplatzwunde.” Ich dachte, toll, wenn er das alles auf einen Blick sieht, dann spar mich mir das Geld für eine Röntgenaufnahme (war aber ein Trugschluss). Ich erklärte Dr. Dolittle, wie Ivan und ich in diese missliche Situation geraten waren. Als ich zu dem Teil mit dem Ketanest kam, runzelte er die Stirn. Er wies mich darauf hin, dass man eine Transportbox für gewöhnlich nicht durch Ketanest und eine Wärmflasche substituiert, wobei ich ihm Recht geben musste. Ich fragte ihn noch, wie alt Ivan wohl sei. Er musterte ihn eine Weile.
“Zwei Jahre, schätze ich.” sagte er.
“Waaaaas? Dann lebt der ja noch ewig!”  Dr. Dolittle sah mich kritisch an. “Ich meine, super. Dann habe ich ja noch richtig lange was von ihm… wenn er jetzt nicht ne Fettembolie kriegt oder so…” Dr. Dolittle seufzte und wies seine Helferin an, eine Reihe von Untersuchungen mit ihm durchzuführen. Röntgen etc. Die Kopfplatzwunde wollte er nähen, impfen wollte er ihn auch noch (gegen WAS denn bitte? Tetanus?) gipsen und was weiß ich noch alles. Ich rechnete im Kopf schon mal zusammen, was das mich eigentlich kosten würde. Am Ende gab er ihm tatsächlich noch eine Antibiose und trug mir auf, ihn in drei Tagen wieder vorzustellen. Ich fragte ihn, ob er das über meine Versicherungskarte abrechnen könnte, was er mit einem heiseren Lachen quittierte. Dann drückte er mir eine Transportbox in die Hand und meinte, die würde er dann auch auf die Rechnung schreiben.

Drei Stunden später machten der gegipste Ivan und ich uns dann wieder auf den Heimweg. Das habe ich jetzt davon. Vielleicht schicke ich Rambo die Rechnung. Ivan darf jetzt sogar im Schlafzimmer schlafen. Auf seinem eigenen Kissen auf dem Boden. Muss wohl sein, denn er kann ja nicht laufen, und ich muss bei jedem Gemaunze springen, ihn füttern, kraulen, unterhalten, rumtragen. Wie ein Baby. Und ganz ehrlich, ich habe den leisen Verdacht, er genießt es, mich so springen zu sehen und das schlechte Gewissen in meinen Augen… Ivan, der Schreckliche.

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Die Sache mit den Augenbrauen

Ich musste es einfach tun. Ich gebe es zu. Monatelang war ich darum herumgeschlichen, jetzt war es an der Zeit, es auszuprobieren. Die Brow Bar. Für die Unkundigen unter Euch: Das ist ein Ort, an dem man sich seine Augenbrauen in Form bringen lassen kann. Während die meisten Menschen von Natur aus sehr schöne Augenbrauen haben, gehöre ich zu der Gattung, die von Natur aus überhaupt keine schönen Augenbrauen hat. Deshalb zupfe ich sie auch schon seit ich etwa 15 Jahre alt bin mehr oder weniger erfolgreich in Form. Eher weniger erfolgreich, denn sie sehen immer noch aus wie ein paar gerupfte Hühnerbeine. Aber das sollte sich jetzt ja an der Brow Bar ein für alle Male ändern. Ich bekam problemlos einen Termin (auch als Walk-in). Man schob mich auf einen Hocker und zeigte mir erst ein Mal die Folterinstrumente. Da gab es eine unsägliche Menge an Pinzetten (die, was mein Medizinerherz auch gleich hat höher schlagen lassen, nur jeweils für einen Kunden genutzt wurden) und das Heißwachs. Meine Anspannung stieg leicht an. Die Augenbrauenfachfrau hieß Maja und seufzte erst ein Mal laut, als sie meine verschlimmbesserte Version von Augenbrauen ansah. “Hast du da in der Mitte was rausgezupft?” fragte sie mit strengem Blick. “Nö, ja… weiß nicht…” gab ich, leicht errötend zur Antwort. “Es sieht aber so aus.” Ich schwieg betreten. “Naja, wir lassen das mal so und du lässt das wieder nachwachsen.” Diese Konversation führten wir in ähnlicher Form noch öfter. Schließlich fing sie dann doch mit einem leicht mitleidigen Blick an, an mir zu arbeiten. Mit Heißwachs. HEIßwachs. Das ist HEIß! War aber noch nichts im Vergleich zu der Tortur, die das eigentliche epilieren bedeutete.  Wisst Ihr, wie sich Teeren und Federn anfühlt? Ich glaube, ich weiß das jetzt. Als sie einzelne Härchen dann mit der Pinzette entfernt hat, war das geradezu eine WOHLTAT. Das Ergebnis war allerdings ganz ansprechend. Es hatte jetzt keine Ähnlichkeit mehr mit irgendeinem struppigen Tier. War nur etwas rotumrandet, was sie mir großzügig weggeschminkt hat. Ich habe dann noch viel Geld in weitere Augenbrauenprodukte investiert (was es da alles gibt, Farbe, Wachs, sogar Gel) und fand mich wunderschön. So stell ich mir eine Geburt vor. Tut scheiße weh, aber hinterher ist alles vergessen.

Kann mich heute übrigens kaum rühren nach der Yoga-Aktion gestern. Frage mich die ganze Zeit, warum meine Rippen so weh tun. Multiple Frakturen? Der Gedanke an eine Kombination aus Midazolam, Ketanest und MO wird immer sympathischer. Dabei habe ich meine komplette rettungsmedizinische Umwelt schon instruiert: Wenn ich mal mit einem gebrochenen Wasauchimmer auf der Straße liege, möchte ich nichts dergleichen haben. Halluzinogene sind nichts für mich und von Opiaten wird mir kotzübel. Aber seine Einstellung kann man ja situationsangepasst ganz schnell ändern.

Zum Glück.

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