Liebe Notfallpatienten…

Analog zu dem Brief an die Patienten in der Ambulanz musste ich aus gegebenen Anlass einen Brief für alle Notfallpatienten aufsetzen. Er soll jedem Patienten, der die Notfallnummer wählt, noch vor dem Eintreffen des Notarztes nach Hause gefaxt werden. Ich denke, das wird sich in Kürze im Rettungswesen durchsetzen, da es unsere Arbeit ungeheuer erleichtern wird.

 

Liebe Patienten,

vielen Dank, dass Sie unseren Notfallservice in Anspruch nehmen. Wir freuen uns außerordentlich, Ihnen heute dienen zu dürfen. Bitte beherzigen Sie folgenden Punkte, die einen reibungslosen Ablauf Ihrer Rettung gewährleisten sollen.

  • Bitte halten Sie Ihre Versicherungskarte bereit. Auch wenn Sie schon tot sind und auf Wiederbelebung warten, sollten Sie unbedingt Ihre Versicherungskarte vorher noch schnell bereitlegen. Wir brauchen Sie dringend und müssen sonst ihre ganze Wohnung durchsuchen. Wenn Sie auf Reanimation warten, legen Sie bitte auch Ihren Ausweis bereit, dann lässt sich der Totenschein schneller ausfüllen, falls unser Service unglücklicherweise nicht zu Ihrer Zufriedenheit erfolgt sein sollte.
  • Bitte gucken Sie nicht so überrascht, wenn wir Sie mit in die Klinik nehmen möchten. Selbstverständlich sind wir sehr bemüht, Diagnostik, Therapie und Rehabilitationsmaßnahmen innerhalb von nur drei Minuten  in ihrem Wohnzimmer durchzuführen (Privatpatienten: zwei Minuten), um Ihnen die Unannehmlichkeit zu ersparen, mit in die Klinik fahren zu müssen, aber leider gelingt es uns nicht immer. Sie müssen uns diese Nachlässigkeit nachsehen. Wir arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung des portablen CTs und des Kitteltaschen-Herzkatheters.
  • Natürlich nehmen wir auch ihre Katze mit. Sie kann vorne im Wagen mitfahren.
  • Gerne warten wir auch in ihrem Flur, während Sie noch ihre Tasche packen. Lassen Sie sich ruhig Zeit, wir haben schließlich nichts Besseres zu tun und andere Patienten warten sicherlich gerne, wenn sie wissen, dass Sie noch in Ruhe ihre Unterwäsche einpacken müssen. Gutes Aussehen ist schließlich auch in der Klinik wichtig. Vergessen Sie bitte Ihre Zahnbürste nicht, das wäre fatal!
  • Sie dürfen natürlich jederzeit das Rettungspersonal beschimpfen. Jegliche Regeln von Anstand und gutem Benehmen zählen nicht, wenn Sie sich in der Gegenwart von Menschen in rot-weißer Kleidung befinden. Wenn Sie endlich mal all ihrem Ärger Luft gemacht haben, fahren wir Sie auch gerne noch nach Hause. Ein Taxi zu rufen wäre Ihnen ja auch nicht zuzumuten.
  • Bitte entschuldigen Sie, wenn wir nachts um drei nicht freundlich lächeln, wenn wir ihre seit drei Wochen bestehenden Brustschmerzen begutachten sollen. Das ist wirklich völlig unentschuldbar. Sie zahlen so viele Beiträge an die Krankenversicherung, da ist es doch das mindeste, dass wir sie unverzüglich und freundlich lächelnd in die Klinik fahren. Noch fünf Stunden auf das Öffnen der Praxis ihres Hausarztes zu warten, ist Ihnen nicht zuzumuten.
  • Sollten Sie privat versichert sein, so sagen Sie dies bitte schon beim Anruf bei der Leitstelle. Dann kommen wir mit dem goldenen Rettungswagen und der Sänfte.

Wir freuen uns schon, in wenigen Minuten bei Ihnen einzutreffen und Ihnen dienen zu dürfen!

Ihr Rettungsteam

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Hinter feindlichen Linien (Teil 4)

Ich musste gähnen. Es war ja schließlich mitten in der Nacht. Die Heiligen in der Ecke hatten sich auf leise Gesänge verlegt, die wohl irgendwie unterstützend wirken sollten. Herr Kleinschmitt trat unruhig von einem Bein aufs andere. Sein Kanarienvogel schien im sehr am Herzen zu liegen. Ein paar Mal hörten wir Geräusche, als würde jemand ein Fenster öffnen und wieder schließen, was mich in Zusammenhang mit einem Kanarienvogel nicht gerade hoffnungsfroh stimmte. Ich überlegte gerade, ob ich es mir auf der Couch bequem machen sollte, da ging die Tür wieder auf. Heraus kam Herr Moselbach, der ein wenig zerzaust aussah. Auf seinem Arm trug er – eine schwarze Katze.
“Nein!” rief ich. Mit Katzen hatte ich in letzter Zeit eindeutig schon zu viel zu tun gehabt.
“Doch!” rief Herr Moselbach enthusiastisch.
“Nein!” rief auch Herr Kleinschmitt. “Das ist nicht mein Hansi. Das ist eine Katze.”
“Zweifelsohne.” bemerkte einer der Polizisten trocken. Der Gesangsverein schwieg dankenswerterweise und sah Herrn Moselbach erwartungsvoll an. Dieser reckte die Arme und damit auch die Katze, welche sich verzweifelt gegen seinen Griff zur Wehr setzte, in den Himmel und rief: “Oh seht! Der Herr hat ein Wunder vollbracht! Aus einem Kanarienvogel hat er eine Katze gemacht!”
“Sollen wir ihn einweisen?” fragte ich Maurice. Dieser starrte gebannt auf die Hände des selbsternannten Propheten und antwortete mir gar nicht.
“Das ist nicht mein Hansi.” sagte Herr Kleinschmitt wieder.
“Doch, das ist Hansi!” rief Herr Moselbach nachdrücklich. “Er hat die nächste Entwicklungsstufe erklommen und lebt nun als Katze!”
Ich konnte nicht recht glauben, was ich da hörte. “Meinst du, er könnte auch was anderes verspeisen? Den Ungut vielleicht, dann nimmt der auch endlich die nächste Entwicklungsstufe!” fragte ich Maurice. Jetzt sah er mich endlich an.
“Der Typ hat voll den Hau. Den sollten wir in der Psychiatrie abliefern!” zischte er mir zu.
“Ach was.” Ich war verärgert. Und eigentlich hatte ich auch keinen Bock, Herrn Moselbach in die Psychiatrie zu begleiten.
“Kann der neue Hansi auch fliegen?” fragte Herr Kleinschmitt skeptisch.
“Natürlich nicht, er ist jetzt ja eine Katze.” blaffte Herr Moselbach ihn an. Herr Kleinschmitt sah enttäuscht aus. Dann trat er ein wenig näher an den neugeborenen Hansi heran.
“Den kenne ich. Das ist Moritz. Der Kater vom Erwin, der wohnt zwei Häuser weiter!” rief er schließlich aus. “Das ist definitiv nicht Hansi!”
“Nein, also wie ein Kanarienvogel sieht er echt nicht aus.” bemerkte Maurice.
“Das ist der Moritz, ganz sicher! Der hat da so einen weißen Fleck an der Hinterpfote!” rief Herr Kleinschmitt empört. Herr Moselbach versuchte hektisch, die besagte Hinterpfote zu bedecken. Hansi alias Moritz nutze die Gelegenheit, sich aus dem Griff von Herrn Moselbach zu befreien und sprang mit einem lauten Miau aus dessen Amen und verschwand  im Nebenzimmer.
“Also, fassen wir einmal zusammen.” erbarmte sich schließlich einer der Polizisten. “Der Kanarienvogel ist verspeist worden und der Kater gehört einem Nachbarn. Herr Kleinschmitt, sie können den Herrn Moselbach anzeigen, wegen der Tötung Ihres Kanarienvogels.” begeistertes Nicken von Herrn Kleinschmitt. “Aber das machen wir dann bitte schön morgen Früh auf der Dienststelle und nicht jetzt.” Dann drehte er sich zu Herrn Moselbach. “Und Sie, Herr Moselbach. Brauchen Sie nach dem Genuss des Vogels einen Arzt?”
“Aber ich habe…” protestierte Herr Moselbach. Der Polizist unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
“Ja oder nein?” fragte er in einem scharfen Tonfall. Es war offensichtlich, dass er keine Lust mehr auf diese absurde Szenerie hatte.
“Nein.” gab Herr Moselbach kleinlaut bei.
“Gut, dann können wir ja eigentlich alle gehen.” stellte der Polizist zufrieden fest. Dankbar für dieses Stichwort griffen wir unsere Ausrüstung und marschierten wort- und grußlos zur Tür. Moritz folgte uns und rannte schnell auf die dunkle Straße hinaus.

“Mit dir fahre ich nie wieder.” sagte Maurice, als wir endlich im Auto saßen. “Hörst du? Nie wieder. Die sollen mich nie wieder mit dir einteilen!”
“Ich dich doch auch.” sagte ich und tätschelte ihm beruhigend den Arm, während wir langsam wieder in unser Wachgebiet zurückfuhren.

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Intermission

Ich wollte gerade zum Yoga. Freudig trat ich aus der Haustür, da standen sie vor mir: Erzdaemon und Paul. Trotz der Kälte hatten sie vor der Tür ausgeharrt, um mich abzupassen. Sie schoben mich rückwärts wieder durch die Tür, nahmen mir meine Yogamatte ab und drohten, sie zu zerschneiden, wenn ich nicht sofort erzähle, wie es mit Willi weitergegangen ist. Dann setzten sie mich vor mein Laptop und machten es sich in der Wohnung bequem. Hier sitze ich nun und fühle mich ein wenig wie Paul Sheldon in Stephen Kings “Misery”.

Erzdaemon hat gerade einen folgenschweren Fehler begangen. Er hat sich auf meine Couch gesetzt. Ja, Erzdaemon, da sitzt normalerweise Ivan, und nein, er mag es gar nicht, wenn man ihm seine Wärmflasche wegnimmt. Ich weiß auch nicht, was das für eine Sache ist mit Erzdaemon, seinen Haaren und Katzen, aber die Tiere stehen irgendwie drauf. Jetzt schreit er die ganze Zeit rum, ich kann mich echt nicht konzentrieren.

Paul inspiziert gerade meinen Kühlschrank und beschwert sich, dass es bei mir weder Kaffee noch echte Milch gibt. Ich weiß nicht, wie er meine beachtliche Sammlung an Kräutertees einfach so ignorieren kann. Er meint, er habe Hunger und bedient sich einfach am Schrank. Und Paul, der “komische Geschmack” des Müslis ist nicht nur auf die Sojamilch zurückzuführen. Hättest Du genau hingesehen, dann wäre dir aufgefallen, dass auf der Frischhaltedose nicht nur “Müsli” steht, sondern dass da noch jemand “Ivans” davor geschrieben hat. Das Tier muss ja auch irgendwas essen. Ich sag jetzt mal nichts dazu, ist ja nicht giftig das Zeug.

Ich weiß nicht, ob ich unter diesen Bedingungen in der Lage sein werde, heute noch die Geschichte zu Ende zu schreiben…

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Öfter mal was Neues: Cardia 1 (Teil 2)

Ok, es war vielleicht nicht so schwer zu erraten, wer da in der Ecke saß… Es war tatsächlich Blondie. Als sie mich sah, hörte sie schlagartig auf zu heulen.
“Blondie!” rief ich überrascht.
“Ihr kennt Euch?” fragte Phillip.
“Natürlich, sie hat mir meine Katze geklaut!” Das Rettungsteam sog hörbar die Luft ein und sah Blondie entsetzt an.
Jetzt heulte Blondie wieder. “Hab ich gar nicht!”
“Hast du wohl!”
“Du hast ihm die Pfoten gebrochen!” Jetzt sogen wieder alle hörbar die Luft ein und starrte mich an.
“Ich habe ihm überhaupt nichts gebrochen!” rief ich echauffiert. “Dein blöder Freund hat vom Balkon aus mit MEINEM Kater nach MIR geworfen! Dabei hat er sich die Pfoten gebrochen!”
Jetzt sog Herr Schmidt, den ich, nur mal so nebenbei bemerkt, auf Ende 50 schätzte, hörbar die Luft ein. “Dein WAS?” schrie er in Blondies Richtung. Das Ganze fing langsam an, mir Spaß zu machen.
“Und dann hat sie auch noch Lösegeld von mit erpresst!” setzte ich noch einen drauf. “Und überhaupt, was sagt eigentlich DEIN FREUND zu diesem Auftritt hier? Hast du mir nicht so vor ein paar Tagen noch was von großer Liebe und so erzählt?” Ich war voll in meinem Element. Blondie funkelte mich böse an. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich an dieser Stelle mindestens einen Herzinfarkt erleiden müssen. Aber das Theaterstück ging auch ohne mein zutun weiter.
“Ich dachte, du lebst bei deiner Mutter?” fragte Herr Schmidt ungläubig.
“Nur, wenn ihre Mutter professionelles Bodybuilding macht und verdammt viele Haare im Gesicht hat!” mischte ich mich wieder ein. Rache ist süß.
“Äh, Anna, dafür sind wir aber nicht hier…” Phillip stupste mich von hinten an. Ich ignorierte ihn.
“Und was ist das da eigentlich?” Ich zeigte auf ein kleine schwarzes Fellknäuel, das gerade vor mir über den Boden lief, und verdammte Ähnlichkeit mit Ivan hatte.
“Das Vieh hat sie hier angeschleppt, weil ihre Mutter angeblich eine Katzenallergie hat!” rief Herr Schmidt.
“Ihre Mutter heißt Rambo und hat wahrscheinlich gegen überhaupt gar nichts Allergien, außer vielleicht Typen wie dich!” schrie ich Herrn Schmidt an. “Das Teil übernehme ich dann nicht, das sag ich dir jetzt schon!” schrie ich jetzt an Blondie gewandt. Blondie heulte, die Katze floh unter die Couch und Herr Schmidt griff sich an die Brust.
“Mein Herz!” rief er aus.
“Simulier nicht!” schrie ich ihn an, allerdings bemerkte ich etwas kalten Schweiß auf seiner Stirn, und jetzt sah er auch ein wenig blass aus…
“Ich simulier nicht, mein Herz!” Er sank auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Stuhl…

Sorry, ich muss jetzt “auf Arbeit”, daher kann ich leider nicht erzählen, wie es weiter ging. Aber lasst Euch gesagt sein, es ging leider noch sehr wild her…

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Ungute Zeiten

Er lauerte mir schon am Flughafen auf. Dr. Ungut. Er trug ein Hawai-Hemd, auf Kniehöhe abgeschnittene Jeans und Sandalen. Mit weißen Socken drin. Dazu ein Basecap mit dem Schirm nach hinten (würg) und eine bunt verspiegelte Sonnenbrille. Von dem Goldkettchen, das ihn wie einen erfolglosen Zuhälter aussehen ließ, mal ganz zu schweigen. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber als ich eincheckte, drängte er sich neben mich. Dann erklärte er der Dame am Check-in, ich sei seine Freundin, und wir würden es nicht aushalten, wenn wir nicht zusammen sitzen können. Ich wollte mich an dieser Stelle bereits übergeben. Meinen Protest überging er, indem er mir den Arm um die Schulter legte und sagte: “Ach, Hasibär, sei doch nicht so schüchtern.” 17 Stunden lang quälte er mich auf dem Flug mit akustischem Dauerbeschall. Der Höhepunkt kam dann bei unserer Ankunft in San Diego. Stellt sich raus, Dr. Ungut hatte kein Zimmer gebucht! Was sagt man dazu. Er argumentierte, es wäre auch ökonomisch viel sinnvoller, wenn wir uns ein Zimmer teilten. Hier hatte ich aber langsam meine Contenance wiedergewonnen. Ich erklärte ihm, er könne meinetwegen auch unter der Brücke verrecken, das wäre mir gänzlich egal, aber in MEIN Hotelzimmer setzt er mit Sicherheit keinen Fuß.

Ich versuchte dann, ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen, zumal ich dem Frieden auch nicht so recht traute und diese Clownsuniform mir auch nicht ganz geheuer war. Mit Recht, wie sich herausstellen sollte. Gestern hat er dann zum vernichtenden Schlag ausgeholt. Ich war auf dem Weg zu meiner Poster-Präsentation. Poster hübsch aufgerollt in einer Transportbox. Dr. Ungut passte mich am Eingang zur Präsentationsfläche ab, dressed to kill. Ein cremefarbener Anzug, wieder Goldkettchen, sein Hemd darunter war neongrün und mindestens drei Knöpfe zu weit aufgeknöpft. Dazu trug er cremefarbene Schuhe. Und weiße Socken. Ich wollte schon an dieser Stelle im Boden versinken. Zu meiner Freude nahm er mir meine Transportbox ab und legte joval seinen Arm um meine Schulter. Ich schüttelte ihn angewidert ab und versuchte so auszusehen, als würde ich ihn nicht kennen. So rannte ich vor ihm zu der mir zugewiesenen Stellwand und machte mich daran, mein Poster aus der Transportbox zu holen.
“Lass mich das machen.” mit ein paar groben Handgriffen hatte er mir das Poster aus der Hand gerissen und noch bevor ich protestieren konnte, hatte er mich zur Seite geschoben und befestigte das Poster an der Wand. Nur, was musste ich sehen?
Das war gar nicht mein Poster. Auf 180 x 120 cm sah ich die Überschrift:

“Intubation of a cat – how not to”

darunter eine Großaufnahme von mir, wie ich gerade dem armen Ivan den Schädel rasierte.

Ich starrte entsetzt auf das Bild, das sich da vor mir bot, und konnte erst reagieren, als sich bereits eine kleine Menschenmenge hinter mir angesammelt hatte und aufgeregt flüsterte. Mit einem Satz war ich dann neben dem Poster und riss es von der Stellwand. Dr. Ungut versuchte gar nicht erst, mich daran zu hindern.
“Hast du den Verstand verloren?” er lächelte selig. “Wo ist mein Poster?”
“Welches Poster?” fragte er unschuldig.
“Hör mal, du xxx (das Wort, das ich hier verwendete, kann ich nicht aufschreiben), wenn du nicht auf der Stelle mein Poster hier heranschaffst, dann klatscht es, und das ist kein Applaus!” (wollte ich schon immer mal sagen, hier bot sich nun endlich eine passende Gelegenheit). Er lächelte weiter dümmlich vor sich hin.
“Ich weiß nicht, wo dein Poster ist… oh, und ich habe dem Chef versprochen, dass ich dich neben dem Poster fotografiere, wenn du es also noch mal aufhängen könntest…” Ich knallte ihm eine. Im Ernst. Auf dem ASA. Vor allen Leuten. Er nahm’s gelassen. Ich sah auf meine Uhr. Ich hatte noch 20 Minuten bis zum Beginn der Präsentation. Ich stürzte nach draußen. Irgendwo hatte ich doch so ein “Business Center” gesehen. Ich bin zwar nicht sonderlich organisiert, aber für Notfälle habe ich immer wichtige Sachen online gespeichert. Ich rannte also an den Schalter, hielt dem Kerl dahinter mein iPhone hin und sagte:”Drucken. Jetzt. Sofort.” Klar, sagte er, kannste morgen abholen. Ich erklärte ihm, er hätte genau 15 Minuten. Und über Geld wollen wir hier gar nicht sprechen. Nach 13 Minuten hielt ich mein neues Poster in der Hand. Nicht auf Hochglanzpapier, aber es war annehmbar. Genau zwei Minuten vor Beginn der Präsentation hing es dann. Das Committee fand mich in einem desolaten Zustand vor. Japsend, Haare in halb acht Stellung, die Kleidung derangiert, aber man war sehr höflich und kommentierte das nicht. Dr. Ungut versuchte noch, mich mit Fragen in grandios schlechtem Englisch aus dem Konzept zu bringen, aber ich ignorierte ihn einfach und tat so, als sei es mir unmöglich zu verstehen, was er da sagt.

Ich muss mir was einfallen lassen… Irgendeinen Racheplan… Wenn jemand eine Idee hat, so möge er sich bitte melden… ich bin für alle Vorschläge dankbar! Der Kongress geht noch bis Mittwoch.

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Der nackte Ivan (zum letzten Mal!)

Auf vielfachen Wunsch… aber es ist jetzt das letzte Mal, dass ich von Ivan erzähle. Nachher kriegen das noch Blondie und Rambo spitz, und dann? Wer will schon lesen, dass seine Katze auf dem Küchentisch intubiert wurde.

Es klingelte mal wieder an der Tür. Warum war ich zu Hause? Ich weiß es nicht. Es klingelte jedenfalls Sturm, ich konnte also nicht anders, als die Tür zu öffnen. Davor stand Blondie. Auf ihrem Arm – wer wohl. Ivan. Blondie heulte. Mal wieder. Ivan? Also, ich hätte ihn ja erst nicht erkannt. Aber an dem wilden Gefauche, als er mich erblickte, merkte ich dann, dass es wohl Ivan sein musste. Warum habe ich ihn nicht gleich erkannt? Nun, er sah in etwa so aus:

Blondie hatte ihn komplett rasiert.

“Oh…” sagte ich. “Was ist geschehen?”
“Diese Pseudo… diese Erkrankung, sie ist wieder ausgebrochen.” schluchzte sie. “Ich habe gemacht, was du gesagt hast. Ich habe ihn ganz rasiert. Guck!” sie hielt mir das sch… Vieh hin, so dass ich ihn nehmen musste. “Er hat diese Hubbel im Nacken!” Ich tastete Ivans Nacken. Der war jetzt ja schlecht zu übersehen. Da waren tatsächlich zwei Hubbel.
“Mist.” murmelte ich. Ivan schlug nach mir. Ich schlug zurück. Blondie heulte auf.
“Ich muss ihn mal drinnen untersuchen. In Ruhe.” Ich wollte die Tür vor Blondie zuschlagen, aber sie drängte hinein.
“Ich will bei ihm bleiben!” jaulte sie.
“Ok. Aber du setzt dich dort hin.” Ich schob sie auf die Couch. Ivan versuchte, sich aus meinem Arm zu winden. Ich griff ihn am Nacken und ging mit ihm ins Arbeitszimmer und setzte ihn auf den Schreibtisch. Er blickte mich beleidigt an, blieb aber sitzen. Ich rechnete kurz die Wachtage nach… zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass Philipp Dienst haben müsste. Ich rief in der Klinik an, aber keine Antwort. Egal, dachte ich, und rief Philipps auf seinem Handy an. Nach drei Mal Klingeln ging er ran.
“Anna, wir haben gerade einen Einsatz!” Philipp klang nicht gerade begeistert, von mir zu hören.
” Jaja, aber ich habe ein Problem.”
“Wenn es wieder um diese verfickte Katze geht…” wie zur Bestätigung miaute Ivan. “Anna, echt nicht. Ich muss hier Dr. Ungut babysitten. Er will gerade einer Dame mit tachykardem Vorhofflimmern Metoprolol spritzen.”
“Wo ist das Problem?”
“Sie ist auf Isoptin eingestellt, und hat gerade vor unserer Ankunft eine sportliche Dosis eingenommen.”
“Kannste schnell mal einen Schrittmacher einschwemmen?” witzelte ich.
“Anna, das ist nicht lustig!” Ich überlegte kurz.
“Ich werde dir helfen. Sag folgende Worte zu Ungut: AV-Knoten, Überleitung, Frau Kleinschmitt letztes Jahr in seinem Nachtdienst.” Ich hörte, wie im Hintergrund etwas gemurmelt wurde. Dann erfolgte hektisches Rascheln. “Und?” fragte ich.
“Er lässt dir ausrichten, dass er dich hasst.”
“Das weiß ich schon. Lässt er von der armen Frau ab?”
“Ja, wir dürfen jetzt abtransportieren. Ohne Metoprolol.”
“Gut. Und wenn er nach Tracrium fragt, sag einfach nein.”
“Häh?” Philipp war jetzt sichtlich irritiert.
“Hör auf mich. Und jetzt pass auf. Ivan hat so Knubbel am Nacken. Blondie hat ihn jetzt ganz rasiert. Frag nicht. Was kann das sein?” Am anderen Ende der Leitung seufzte etwas.
“Anna, woher soll ich das wissen? Ich hab dir das schon mal gesagt. Ich hab’s nicht so mit Katzen.”
“Google es.”
“Hast du kein Internet zu Hause?”
“Doch schon.” Ivan machte Anstalten, vom Schreibtisch zu springen. Ich griff ihn an irgendeiner Stelle seines rasierten Körpers und hielt ihn fest. “Aber Blondie sitzt neben meinem Laptop, da kann ich jetzt nicht ran. Und mein iPhone hat in meinem Arbeitszimmer keine Verbindung zum Router. Also musst du das machen.” Philipp seufzte.
“Ich ruf dich zurück.”

Es vergingen etwa fünf Minuten, in denen ich entspannt mit Ivan an meinem Schreibtisch saß und ihm den rasierten Nacken kraulte.  Ich glaube, wir fangen langsam an, eine freundschaftliche Beziehung zu entwickeln. Dann störte Philipps Rückruf die traute Zweisamkeit.
“Ich finde nichts. Immer wenn ich was mit Katze google, dann finde ich deinen scheiß Blog.”
“Ach, komm schon, da muss doch irgendwas sein.”
“Lymphknoten vielleicht. Mehr fällt mir auch nicht ein. Und ich muss jetzt auch fahren. Bevor der Ungut mir die Gurgel umdreht. Meide ihn am Montag lieber, nur so als Tipp.”
“Ich meide ihn immer, Philipp. Danke noch mal.”

Ich betrachtete Ivan nochmals eingehend. Am Hals sah ich ein paar rote Kratzer. Seufzend erhob ich mich und brachte ihn zurück zu Blondie. Sie hatte mittlerweile aufgehört zu heulen und betrachtete eingehend eines meiner Fotoalben.
“Hier.” ich hielt ihr Ivan hin. “Das sind geschwollene Lymphknoten. Die kommen wahrscheinlich von diesen Kratzern da.” Ich zeigte auf Ivans Hals. “Und die wiederum kommen vom Rasieren. Deshalb rate ich dir, hör auf, ihn zu rasieren. Wenn das in ein paar Tagen nicht weg ist, dann geh zum Tierarzt.” Sie blickte mich dankbar an.
“Er wird also nicht sterben?” ein Flehen lag in ihrer Stimme.
“Doch, wird er. So wie wir alle. Aber wahrscheinlich nicht heute oder morgen.” Außer, ich drehe ihm den Hals um, wollte ich noch hinzufügen, als ich die beiden zur Tür schob, aber ich ließ das mal lieber. Zügig schob ich Blondie in den Flur.
“Bye bye, love.” flötete ich ihr noch hinterher.

Dann malte ich mir aus, was mich wohl am Montag mit Dr. Ungut erwarten würde… mir schwant schon Übles.

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Idiopathische pseudofeline supracorticale Haarausfallitis

Ich bin gerade krank. So krank, dass ich das Bett hüten muss. Daher war ich leider auch zu Hause, als es vorhin an der Tür klingelte. Ich hätte nicht aufmachen sollen. Echt nicht. Aber ich bin ein so neugieriger Mensch, dass ich einfach die Tür öffnen musste, als es klingelte. Davor standen Rambo und Blondie. Auf Blondies Arm hing ein noch etwas mitgenommen wirkender Ivan. Er war schon nicht mehr ganz so kahl, ein paar schwarze Stoppeln bedeckten sein Haupt. Als sie mich sah, fing Blondie an zu heulen. Rambo riss ihr Ivan aus der Hand und hielt ihn mir hin: “Kannst Du uns mal erklären was DAS…” hier machte er der Dramatik zuliebe eine kurze Pause. “..was DAS hier soll?” dabei zeigte er nachdrücklich auf Ivans Kopf.
Ich überlegte kurz und ging eine Optionen durch. Dabei dachte ich auch an Hermiones Vorschlag mit der Anti-Falten-Maske. Ich verwarf das aber, da Rambo nicht den Eindruck machte, als hätte er für solche Ideen Verständnis.
“Er leidet an… idiopathischer pseudofeliner supracorticaler  Haarausfallitis.” erklärte ich den beiden schließlich.
“Bitte WAS?” fragte Rambo. Blondie heulte weiter.
“Das ist eine Katzenkrankheit.”  dozierte ich. “Sie befällt vor allem Hauskatzen. Zu meinem… äh… Service gehörte es am Wochenende auch, Ivan… Chichi einmal gründlich zu untersuchen. Dabei stellte ich fest, dass er an idiopathischer pseudofeliner supracoticaler Haarausfallitis leidet. Ich bin ja schließlich Ärztin, wisst Ihr…”
“Für Katzen?” fragte Rambo ungläubig.
“Nicht direkt… aber man lernt sowas auch… im Studium und so. Jedenfalls habe ich bei Chichi eindeutige Anzeichen dieser höchst gefährlichen Erkrankung festgestellt, und da musste ich handeln. Sie kann nämlich auch auf den Menschen übergehen. Seht Ihr…” ich hüstelte ein paar Mal.. “Ich bin auch schon ganz krank!”
“Sollen wir dir dann auch den Kopf rasieren?” fragte Rambo  spöttisch.
“Nein!” entgegnete ich schnell. “Das hilft nur bei Katzen… beim Menschen ruft die  IPSH, wie wir Fachleute das nennen, eher grippeähnliche Symptome hervor.” Um dies zu unterstreichen hüstelte ich noch ein paar Mal.
“Du hast Chichi gerettet!” Blondie fiel mir jetzt, noch immer heulend, um den Hals. Rambo schien noch nicht ganz überzeugt. “Das erklärt auch, warum ich in letzter Zeit so oft krank war!” sagte sie zu Rambo.
“Du warst so oft krank, weil du gerne nachts halbnackt durch die Stadt ziehst!” gab er ungerührt zurück. Blondie wirkte jetzt etwas beleidigt. Schließlich ließ sie mich los. “Was sollen wir denn weiter mit ihm machen? Nochmal rasieren?”
“Äh… nein… einmal rasieren reicht in der Regel… Ihr solltet nur gucken, ob so, äh, Beulen am Nacken auftreten… das sind geschwollene Lymphknoten… ein deutliches Anzeichen für die pseudofeline, äh, dingsda. Dann müsstet ihr ihn nochmals… rasieren… diesmal aber am ganzen Körper!” fügte ich noch mit einem bösen Seitenblick auf Ivan hinzu. Dieser bedachte mich mit einem beleidigten Fauchen.
“Dürfen wir ihn dir wieder vorbeibringen? So, ein Mal in der Woche, damit du ihn untersuchen kannst?” fragte Blondie mit wachsender Begeisterung in der Stimme.
“Klar.” sagte ich mit ähnlichem Enthusiasmus. Rambo packte Blondie am Arm und zog sie und Ivan in Richtung Treppe. “Komm jetzt. ” herrschte er sie an.
“Danke nochmal!” rief Blondie mir zu.
“Keine Ursache!” schrie ich hinterher.

Scheint so, als würde mich Ivan noch eine Weile beschäftigen.

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Die Katzen-Katastrophe oder Ivan, der Schreckliche

Es ist vollbracht. Ich habe das Wochenende mit Ivan überlebt. Nicht so ganz ohne Blessuren, aber lest selbst…

Gestern entschloss ich mich gegen Nachmittag tatsächlich, das Katzenvieh zu besuchen. Mehr aus so einem Verantwortungsgefühl heraus, als dass ich mich ernsthaft dafür interessiert hätte. Ich war vorbereitet. In meiner Notarztjacke fand ich noch eine Spritze mit einem Rest an Ketanest und eine mit etwas Midazolam. Man weiß ja nie. Vorsichtig öffnete ich also die Tür zu Blondie und Rambos Wohnung. Wenigstens hatten sie die Buldogge mit in den Urlaub genommen. Ich steckte vorsichtig den Kopf zur Tür hinein. Alles schien ruhig und friedlich. Behutsam schlich ich in den Flur. Die Wohnung, die ich nun erstmals ganzheitlich betrachten konnte, war erwartungsgemäß geschmacklos eingerichtet. An den Wänden hingen Fotos, die Rambo besoffen und Blondie halbnackt zeigten. Oder umgekehrt. Von Ivan keine Spur. Auf dem Küchentisch stand eine Packung mit Trockenfutter und daneben lagen ein paar handgeschriebene Anweisungen von Blondie, die darauf schließen ließen, dass Deutsch in der Schule nicht ihr Lieblingsfach gewesen war. Lustlos schüttete ich also das Trockenfutter in den dafür vorgesehenen Behälter und gab noch etwas Wasser in den Napf daneben. Von Ivan noch immer keine Spur. Ich fühlte mich allerdings beobachtet. Irgendwie unwohl. So als würde Ivan hinter irgendeiner Ecke lauern und einen Schlachtplan aushecken. Ich verharrte etwa zwei Minuten still neben dem Napf mit Trockenfutter und lauschte. Da war nichts. Das Unwohlsein in mir nahm jedoch weiter zu. Mit leisen Schritten bewegte ich mich wieder in Richtung Wohnungstür. Ich hatte schon fast die Hand am Türgriff, da hörte ich ein leises Maunzen hinter mir. Ich drehte mich reflexartig um. Ivan saß auf dem Garderobenschrank und bedachte mich mit einem eiskalten Blick. Mein Herz krampfte sich dabei zusammen. Dann setzt Ivan zum Sprung an, so schnell, dass ich mich nicht mehr vollständig wegdrehen konnte. Die Attacke kam quasi aus dem Nichts und erwischte mich völlig unvorbereitet. Ivan hing in meinem Genick und fauchte, dabei rammte er mir seine Krallen in alles, was er fassen konnte. Verzweifelt ruderte ich mit den Armen und versuchte, seiner habhaft zu werden, aber es war zwecklos. Immer wieder schlug er auf mich ein. Ich bin von einer Katze vermöbelt worden! Aus lauter Verzweiflung, und weil ich mir anders nicht mehr zu helfen wusste, griff ich in meine Tasche, zog das Ketanest heraus und stach blind hinter mich. Ich erwischte Ivan am Hintern. Er jaulte kurz auf, schlug noch ein paar Mal nach mir, und glitt dann endlich zu Boden. Jetzt weiß ich nicht genau, wie viel Ketanest da noch in der Spritze waren oder was so eine Katze überhaupt verträgt, aber für Ivan schien es genug gewesen zu sein. Er lag da und starrte mich aus leeren Augen an. Ich hob ihn hoch und legte ihn auf den Tisch. Sein schwarzes Fell glänzte. Eigentlich sah er fast friedlich aus. Natürlich übermannte mich sofort ein schlechtes Gewissen. Können Katzen auch Alpträume kriegen? Ich debattierte das eine Weile mit mir, schließlich entschied ich mich, ihm noch etwas Midazolam nachzugeben. Man weiß ja nie. Ich ging dann ins Bad und begutachtete meine Blessuren. Ich sah aus, als hätte ich eine Runde im Stacheldraht geschlafen, meine Haare waren zerzaust und stellenweise abgenagt, ein erbärmliches Bild. Ich fragte mich, ob Ivan wohl Tollwut hat. Ich kämmte mir die Haare mit Blondies Bürste und wischte mir die gröbsten Blutspuren aus dem Gesicht. Dann ging ich wieder zurück ins Wohnzimmer, wo ich Ivan abgelegt hatte. Er lag noch immer genau so da. Kritisch beäugte ich das Heben und Senken seines Brustkorbs. Die Atmung kam mir irgendwie flach vor. Zu flach. Sofort fühlte ich Panik in mir aufsteigen. Ich hatte Ivan auf dem Gewissen. Ich hob ihn hoch und begann ihn zu schütteln: “Ivan… Chichi… ach, scheiße!” rief ich. Ivan reagierte nicht. Ich tat nun das einzig Sinnvolle, was mir in dieser Situation einfiel. Ich holte mein Telefon aus der Tasche und rief in der Klinik an –  im Zimmer der Feuerwehr. Schon nach dem ersten klingeln meldete sich ein Kerl namens Philipp. Den kannte ich glücklicherweise recht gut. “Philipp!” rief ich. “Schnell, ich brauche Hilfe! Du musst vorbeikommen!” Ich schilderte ihm kurz die Misere. “Du hast nen Knall.” war alles, was er sagte. “Jetzt sei nicht so! Ein Leben steht auf dem Spiel!” brüllte ich. “Das einer Katze!” gab er ungerührt zurück. “Ja, und? Ich brauche HILFE!” ich fing an zu betteln. “Anna, ich habe keine Ahnung von Katzen!” gab er zurück. “Ich doch auch nicht!” rief ich. “Aber du, Philipp, bist doch bei der Feuerwehr, ihr macht doch dauernd so Zeug mit Katzen.” “Ich bin Rettungsassistent, verdammt, ich mache überhaupt nichts mit Katzen!” Ich flehte noch eine Weile, während ich hingebungsvoll Ivan weiter schüttelte. Schließlich gab Philipp nach. “Wo bist du jetzt?” Ich gab ihm die Adresse. “Ok,” sagte er. “das liegt noch im Wachgebiet. Ich komme vorbei. Dr. Ungut ist heute Notarzt, dem wird das nicht gefallen. Aber ich lass mir was einfallen.” Grußlos hing er das Telefon auf. “Aber komm mit Sondersignal!” rief ich noch in die tote Leitung. Mittlerweile war ich zur Mund auf Schnauze-Beatmung übergegangen. Ja, es war widerlich, aber was sollte ich machen. Ivans Atmung war bedenklich langsam geworden. Vielleicht war das Midazolam einfach zu viel. Es dauerte gefühlte drei Stunden, bis es an der Tür klingelte, und Philipp und Dr. Ungut davor standen. “Du bist völlig bescheuert.” waren Philipps Worte, als ich mit der Katze vor meinem Gesicht die Tür öffnete. “Frau Kollegin, ich kann das nicht gutheißen!” dozierte Dr. Ungut. “Woher haben Sie überhaupt das Ketanest?” “Ach, halt die Klappe und setz dich hin.” herrschte ich Dr. Ungut zwischen zwei Atemstößen auf Ivan an. Philipp hatte den Kinder-Notfallkoffer dabei. “Was brauchst du?” fragte er mich. “Gib mir den kleinsten Tubus den Du hast. und den kleinsten Spatel. So eine Katze muss doch auch zu intubieren sein. Philipp sah mich zweifelnd an. “Aber von dir? Vielleicht solltest du einfach einen neuen Ivan kaufen.” Ich stellte mir kurz vor, wie ich mit dem toten Ivan in die Tierhandlung ginge und sowas sagte, wie: “Bitte noch einmal das Gleiche, aber nicht ganz so steif.” Ich schüttelte den Kopf. “Kommt nicht in Frage. Tubus und Laryngoskop bitte.” Philipp seufzte erneut, gab mir aber schließlich das Gewünschte. “Und Lidocain-Gel. Damit er keinen Laryngospasmus kriegt. Ich hab da mal so was gelesen.” Philipp schüttelte nur noch den Kopf, gab mir aber das Gel. Ich drehte Ivan auf den Bauch und machte mich ans Werk. Es war gar nicht so einfach, aber nach ein paar Versuchen hatte ich den Tubus positioniert. “Ambu-Beutel, den für Babies!” Philipp machte sich resignierend an die assistierte Beatmung von Ivan. “Bravo, Frau Kollegin.” applaudierte es von der Couch. “Ach, halt’s Maul.” gab ich ebenso barsch zurück. Während Philipp den armen Ivan bebeutelte, versuchte ich, den Tubus zu fixieren. Es ging nicht, der Kopf war einfach zu glatt, und der Tubus drohte herauszurutschen. “Wie machen die das denn beim Tierarzt?” fragte ich. “Keine Ahnung,” sagte Philipp, aber bestimmt nicht so wie du.” Ich sah mich hilfesuchend um. Dann hatte ich einen Einfall. “Rasieren!” rief ich. “Was?” fragte Philipp. “Wir rasieren ihm den Kopf. Dann können wir den Tubus festkleben.” Philipp widersprach schon gar nicht mehr. Wortlos reichte er mir einen Rasierer. Nach zwei Minuten hatte ich den kompletten Schädel rasiert und konnte so den Tubus festmachen. Sah etwas komisch aus, so der schwarze Fellkörper und der rasierte Kopf, aber wenigstens konnte ich so sehen, dass die Oxygenierung gut war, Ivan war recht rosig. “Meinst du, wir könnten das Pulsoxy…” “Nein!” wies Philipp meine Idee entschieden zurück. “Du hast unsere Nerven schon genug strapaziert. Und unser Equipment. Das Beatmungsgerät bekommst du auch nicht, falls du danach fragen wolltest. Oder die Sauerstoffflasche. Das muss reichen!” Enttäuscht strich ich Ivan über das verbliebene Rest-Fell. Da riss mich ein lautes Beep Beep aus meinen Gedanken. Der Funk der beiden gab Alarm. “Scheiße, wir müssen los.” Philipp packte hastig seine Sachen zusammen. Dr. Ungut rannte schon zur Tür. Schließlich diskonnektierte er Ivan vom Ambu-Beutel. Ich kreischte. “Anna?!” fragte er ungläubig. “Es reicht schon, dass ich hier in einer semilegalen Aktion mit dir eine Katze bearbeite. Du willst jetzt nicht ernsthaft verlangen, dass ich dir auch noch Teil meines Equipments überlasse?” Also hob ich Ivan wieder hoch und machte jetzt Mund-zu-Tubus-Beatmung. So begleitete ich Philipp zur Tür. Einen rasierten, beatmeten Ivan vor mir hertragend. “Viel Glück noch.” sagte Philipp und sprintete Dr. Ungut hinterher.

Noch eine halbe Stunde lang beatmete ich so das Katzenvieh, bis Ivan endlich so weit war, dass er sich extubieren ließ. Er schien mir die ganze Aktion und vor allem das geschorene Haupthaar übel genommen zu haben, denn sobald er sich halbwegs wieder erheben konnte, verzog er sich beleidigt in eine Ecke und sah mich nicht mehr an.

Weiß noch nicht, wie ich das mit dem rasierten Schädel erkläre.

*Disclaimer: Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, dass die Heimbeatmung und Intubation von Katzen durch den tiermedizinischen Laien keine gute Idee ist, und dass es sich bei dem hier beschriebenen Ereignis um ein Werk der Fiktion handelt, oder? Bevor das jetzt die Tierschützer auf den Plan ruft…*

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Wochenendplanung

Es klingelte an der Tür. Ich öffnete. Vor mir stand die Freundin von meinem Nachbarn, dem Nachbarn, der neulich Bekanntschaft mit mir auf seinem Balkon gemacht hatte. Auf dem Arm der Freundin entdeckte ich – das Katzenvieh. Unwillkürlich griff ich an die noch immer schmerzende Narbe an meinem Nacken.
“Ja?” fragte ich etwas irritiert. Die Katze beäugte mich kritisch und fauchte. Sollte vielleicht erwähnen, dass ich mal wieder meine modischen Juteklamotten trug. Ich sah wohl aus wie ein Kratzbaum.
“Ja, hallo, wir wohnen unter dir…” sagte Blondie. So taufte ich sie aufgrund unübersehbarer Tatsachen. Hätte sie auch “unschlagbare Argumente aus Plastik” nennen können, aber ich will mal nicht so sein. “Ja, also, wir fahren übers Wochenende weg, und, naja, sonst passen immer meine Eltern auf Chichi auf… (Chichi!!!)… aber die sind diese Woche nicht da…” Da ich bereits erahnen konnte, wohin die Reise gehen würde, begann ich leicht zu hyperventilieren. Chichi fauchte wieder. Ich taufte Chichi insgeheim “Ivan”. Gefiel mir besser. “Also… ich wollte fragen… könntest du vielleicht übers Wochenende auf Chichi aufpassen? Ich würde dir den Schlüssel geben. Du müsstest nur am Samstag mal füttern und dich ein bisschen kümmern… streicheln und so… Sonntag kommen wir ja schon wieder, da würde dann Futter hinstellen reichen. Könntest du das machen?” Blondie sah mich gekonntem Augenaufschlag an.
“Äh… was sagt denn da dein Freund dazu?”
“Ach der…” sie machte eine wegwerfende Handbewegung. “Irgendwie ist der komisch. Er meinte, du hättest mal sturzbetrunken auf unserem Balkon gestanden und mit Chichi nach ihm geworfen. Das habe ich ihm natürlich nicht geglaubt! Wahrscheinlich war er derjenige, der betrunken war.” sie lachte kurz auf. “Als würdest du mit Chichi werfen! Also wirklich…”
“Nee, wie kommt er denn auf sowas… außerdem war das ein Versehen, er war derjenige, der absichtlich nach dem Vieh gegriffen hat.” murmelte ich.
“Was???”
“Ach nichts.” sagte ich etwas zu schnell. “Mag Ivan… ich meine Chichi, Aperol?”
“Häh?” Ivan miaute kurz auf.
“Gib mir einfach die Schlüssel.” ich streckte schnell die Hand aus. Etwas irritiert gab sie mir die Schlüssel. Ivan fauchte erneut.
“Samstag, ja?” fragte ich. Das kriegen wir hin! Bis dann. Viel Spaß!” Ich schloss schnell die Tür und lehnte mich mit einer schnellen Drehung dagegen, falls es sich Chichi alias Ivan anders überlegen und Blondie vom Arm springen sollte, um noch mal die Qualität meines Nackens zu testen.  Ich hörte Blondie geräuschvoll die Treppe runtergehen, während sie laut auf das Vieh einredete. Mit einem diabolischen Grinsen ging ich wieder zu meinem Schreibtisch und schmiedete schon mal Pläne für das Wochenende…

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Was gestern noch geschah…

Nun, was sich nach angeregter Twitter-Konversation gestern noch abspielte, möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten. Das Ganze spielte sich so oder so ähnlich ab: nachdem Paul mir aufgeschwatzt hatte, auch noch die zweite Flasche Aperol zu trinken, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, die von Chefarzt vorgeschlagene Maßnahme zur Unterhaltung meiner Nachbarn mittels E-Gitarre durchzuführen. Da fiel mir aber auf, dass ich gar keine E-Gitarre hab. Da mir sowieso recht gefühlsduselig zumute war, kramte ich meine Jutesachen zum zweiten Mal heraus, und besann mich auf shortends Vorschlag, meinen Namen zu tanzen. Zu “In the ghetto” von Elvis. Auf der Dachterrasse. Ich kam aber nur bis A. Dann fühlte sich der freundliche Nachbar von nebenan bemüßigt, seine Balkontür zu öffnen, und mir ein paar neue Worte beizubringen, welche ich sofort in meinen aktiven Wortschatz aufnahm und lauthals rezitierte. Um den Gegenständen auszuweichen, die dann von nebenan herüberflogen (ich hab heute noch mal nachgesehen, war nichts brauchbares dabei, Schuhgröße 44 passt mir einfach nicht), beugte ich mich etwas zu weit über meine Blumenkästen und fand mich, noch immer von Elvis und dem lieben Nachbarn musikalisch untermalt, einen Balkon tiefer wieder. Ich erinnerte mich daran, dass ich ja unbedingt noch einen Baum umarmen wollte, und sah mich suchend um. In Ermangelung eines passendes Objektes wich ich auf die Bepflanzung des nun von mir okkupierten Balkons aus. Es fand sich ein Rosenbusch. Liebevoll umarmte ich jedes dieser welkenden Geschöpfe und sang dazu laut: “Für mich sollt’s rote Rosen regnen!”. Dies rief den Besitzer des Rosenbusches auf den Plan, welcher auch leicht genervt zu sein schien, als er mich im Jutesack des Nachts um 1 in seinen Rosen wiederfand. Er machte eine paar Bemerkungen, welche ich hier nicht wiederholen möchte. Nur so viel: ich war so aufgebracht, dass ich mit dem nächsten Objekt nach ihm warf, das ich greifen konnte. Das war, wie sich im Nachhinein herausstellte, seine Katze. Wie Ihr Euch vorstellen könnt, war diese unglücklich Verwechslung dem freundschaftlichen Nachbarschaftsverhältnis nicht gerade zuträglich. Als er Anstalten machte, seine ausgewachsene Bulldogge auf mich zu hetzen, entschied ich mich zur Flucht nach vorn. Hektisch den Jutesack zusammenhaltend rannte ich an ihm vorbei durch die Wohnung und steuerte auf seine Wohnungstür zu. Dabei traf mich etwas am Hinterkopf. Ich weiß nicht, was es war, aber es miaute beim Aufprall. Ich musste dann noch einen kleinen Umweg über das Erdgeschoss machen, wo die alte Frau Meier wohnt, die sich freundlicherweise mal bereit erklärt hat, meinen Ersatzschlüssel bei sich aufzubewahren. Nachdem ich eine halbe Stunde geklingelt hatte, machte sie auch endlich die Tür auf. Sie meinte dann, den Schlüssel bräuchte ich ihr nicht mehr wiederzubringen.

Ich hab schon komische Nachbarn.

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