Ach, Alfred!

Die Szene wirkte ein wenig wie aus einer besseren Komödie. Herr Meier war gerade von den Freunden der Feuerwehr aus einem Fahrstuhl befreit worden, in dem er und sein Hund Alfred zwei Stunden lang ausgeharrt hatten. Herr Meier und Alfred hatten eine Freundin für ein amouröses Abenteuer besucht (ich hoffte inständig, Alfred möge Augen und Ohren verschlossen auf dem Balkon ausgeharrt haben) und war auf dem Weg in sein trautes Heim gewesen, als der Fahrstuhl streikte. Herr Meier hatte ordentlich einen im Tee (Alfred, ein beigefarbener Pekinese, meiner Einschätzung nach nicht) und musste nun um drei Uhr am Morgen noch die letzten Stufen des Altbaus hinuntersteigen. Vor den Augen der Kollegen der Feuerwehr stolperte Herr Meier und purzelte die Treppe hinunter, nur um mit dem Kopf auf dem Marmorboden aufzuschlagen – was wiederum uns auf den Plan rief. Sieben gestandene Herren der Feuerwehr standen etwas bedröppelt um Herrn Meier, der eine ordentliche Platzwunde am Kopf hatte, ansonsten aber schon wieder ganz fidel zu sein schien.

Ich untersuchte ihn kurz, konnte aber nichts Schlimmeres an ihm finden. Trotzdem wollte ich, dass er in die Klinik fährt, denn die Kopfplatzwunde musste versorgt werden, außerdem sollte durch ein CCT ein subdurales Hämatom ausgeschlossen werden. Hier begann das Drama – was sollte mit Alfred geschehen? Meine Antwort, der Hund sei jetzt sekundär, kam bei dem Hundefreund nicht sonderlich gut an (“Wie können Sie behaupten, Alfred sei SEKUNDÄR?”). Herr Meier bot folgende Optionen an:

  • Er kommt gar nicht mit ins Krankenhaus
  • Alfred kommt auch mit ins Krankenhaus
  • Er bringt Alfred nach Hause (füttert, badet und pflegt ihn) und kommt dann mit in die Klinik

Alle Optionen sind aus offensichtlichen Gründen für Angehörige des Rettungswesens inakzeptabel.
Ich bot daher folgende Optionen an:

  • Alfred wird an einen Laternenpfahl gebunden und wartet (ok, Scherz!)
  • Alfred stattet einen erneuten Besuch im Liebesnest ab
  • Alfred solle allein nach Hause laufen (auch Scherz, aber um 3 Uhr nachts erschien mir der Gedanke gar nicht so abwegig)

Aus irgendwelchen Gründen wollte Herr Meier Alfred aber nicht an seine Bekanntschaft zurückgeben und so ging die Diskussion unweigerlich eine Weile hin und her. Leider war der Kunde so alkoholisiert, dass ich ihn nicht mal “auf eigene Verantwortung” gehen lassen konnte, was ich sonst völlig hemmungslos gemacht hätte.

Die Situation klärte sich dann so, dass zufällig ein Nachbar des Weges kam (Herr Meier lebte tatsächlich nur ein paar Straßen weiter), der Alfred dann zu treuen Händen nehmen durfte. Ich brauche sicherlich nicht zu erwähnen, dass ich diesen Kliniktransport nicht begleitete.

Jetzt würde ich gerne von Euch wissen: wie regelt Ihr das mit Tieren im Rettungsdienst?

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Ein glanzvoller Auftritt

“Tach.” sagt ich und hievte den nicht gerade zarten Hund auf die Liege des Tierarztes. Mein Freundin hatte gerade entbunden und war deshalb offensichtlich außerstande, den Hund selbst zur Nachkontrolle zum Tierarzt zu fahren. Da hilft man doch gern.
“Aha.” sagte der Tierarzt. “Wo ist denn Ivan heute?”
“Beim Friseur.” gab ich zurück.
“Bitte???”
“Beim Friseur.”
“Was tut er denn beim Friseur?” die Stimme des Tierarztes überschlug sich fast.
“Der passt auf ihn auf. Wohnt unter mir.”
“Ich verstehe…” murmelte der Tierarzt, noch nicht ganz überzeugt. Dann wandte er sich dem Hund vor ihm auf der Liege zu.
“Frisst er denn schon wieder?”
Ich zuckte mit den Schultern.
“Hält ihn der Kragen von der Wunde ab?”
Ich zuckte erneut mit den Schultern. Der Tierarzt hob die Augenbrauen.
“Nun…” sagte er jetzt wieder mit weicherer Stimme. “Was hat die Frau xy denn nun bekommen?”
“Ein… Baby?” fragte ich hilflos.
“Ach was!” rief er verärgert. “Das habe ich mir ja schon fast gedacht, so schwanger wie sie das letzte Mal war, als sie hier in die Praxis kam. Was ist es denn nun geworden, ein Junge oder ein Mädchen?”
Wenigstens das konnte ich beantworten. Eine Glanzleistung.

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Ivan stürzt ab

Ich wollte ja nicht mehr über Ivan berichten. Aber was soll ich machen, er ist ja so präsent. Und jetzt sitzt er hier neben mir und sieht mich mit seinen großen Katzenaugen an, seine Vorderpfoten sind eingegipst, um seinen Kopf trägt er einen weißen Verband.  Laufen kann er jetzt eigentlich gar nicht mehr, ich muss ihn dauernd herumtragen, was ich äußerst lästig finde. Aber wenigstens kann er jetzt nicht mehr an den Möbeln kratzen, ist ja auch mal was. Er maunzt immer zwei Mal für “trag mich aufs Klo” und drei Mal für “hol mich wieder ab”.

Aber wie kam es jetzt denn eigentlich dazu? Nun, Ivan hatte sich hier schnell eigelebt, Mit Vorliebe liegt er auf MEINEM Platz auf der Couch, und wenn ich ins Bett will, liegt er auf MEINEM Kopfkissen (das gewöhne ich ihm gerade ab). Wenn ich ihn dann aus dem Schlafzimmer schmeiße, legt er sich im Bad auf MEINE Klamotten, die ich dort immer schon für den nächsten Tag zurecht lege.

Am Freitag öffnete ich die Tür zur Dachterrasse, wollte mal etwas lüften. Aus dem Augenwinkel sah ich kurze Zeit darauf Ivan auf dem Geländer balancieren. Mit einem lauten Schrei rannte ich nach draußen, was muss ich da sehen? Ivan setzt zum Sprung an und ist verschwunden. Panisch lief zum Geländer und sah ihn vor meinem geistigen Auge schon mit zerschmettertem Schädel auf dem Asphalt liegen, aber so weit war er gar nicht gekommen. Er war genau eine Etage tiefer – auf Rambos Balkon. Auf diesem befand sich auch gerade Rambo und rauchte – neben ihm: sein komischer Hund. Und jetzt kommt’s… also, man könnte postulieren, dass sich Ivan und das Vieh seinerzeit nicht gut verstanden haben, denn Ivan krallte sich aktuell an des Hundes Fell fest und schlug auf ihn ein. Der Hund drehte sich wild im Kreis und Rambo schrie und zerrte an Ivan. Ich schrie auch, aber mehr aus Freude über diesen Anblick. Irgendwann hatte Rambo Ivan am Genick gepackt und von dem Hund losgerissen (ich konnte auch keine größeren Verletzungen an dem Tier ausmachen). Dann blickte er nach oben und sah mich über das Geländer gelehnt.
“Wenn das scheiß-Vieh sich noch ein Mal bei mir blicken lässt, dann…” Ich weiß nicht, was passiert, wenn Ivan sich noch ein Mal bei Rambo blicken lässt, denn Rambo beendete den Satz nicht sondern schleuderte Ivan mit einer ausholenden Handbewegung in meine Richtung. Ivan miaute, der Hund bellte, Rambo fluchte und ich schrie, diesmal vor Überraschung. Glücklicherweise zielte Rambo recht gut, so dass ich Ivan quasi auf mir landete, und mir dabei ein weiteres Desigual-Teil mit seinen Krallen ruinierte. Ich brachte Rambo bei dieser Gelegenheit ein paar neue Worte bei, die dieser sofort in seinen aktiven Wortschatz aufnahm und mit Nachdruck in meine Richtung rezitierte. Ivan nahm meinen Körper als Trittleiter und flüchtete über meinen Kopf – aufs Dach! Das war jetzt ungünstig, da er von da irgendwie nicht mehr runterkam, oder kommen wollte, jedenfalls saß er eine Stunde später noch immer da und miaute ganz kläglich. Irgendwann beschloss ich, dass das jetzt auch nicht so weitergehen kann, und rief Phillip an, um zu fragen, ob er und seine Kumpels mal kurz die Drehleiter ausleihen könnten. Als ich die Worte Ivan und Dach erwähnte, lachte er hämisch und dann war die Leitung tot. In seinem Interesse nehme ich jetzt mal an, dass sein Akku einfach alle war. Allerdings kam auch niemand mit einer Drehleiter, so dass ich selbst handeln musst. Nachdem Ivan zwei Stunden au dem Dach gesessen hatte, und es langsam kalt wurde (zumal wenn man kein Fell hat), entschloss ich mich, zu handeln. Ich nahm einen Stuhl, stellte darauf noch einen Stuhl (ja, sorry, Leiter habe ich keine) und kletterte über diese Konstruktion zu Ivan hoch, wobei ich mich vorsichtig über die Regenrinne nach oben zog. Mit einem Bein hing ich also noch auf der Stuhlkonstruktion, das andere Bein schwebte in der Luft, eine Hand griff Ivan, die andere Hand griff: nichts. Durch diese unerwartete Gewichtsverlagerung gaben beide Stühle nach und ich sah den Betonboden mit atemberaubender Geschwindigkeit näher kommen. Reflexartig riss ich die Arme nach vorne, um meinen Sturz abzufangen. Dabei konnte ich auf Ivan, den ich noch immer mit meiner rechten Hand gegriffen hielt, leider keine Rücksicht nehmen, und so kam er etwas unglücklich unter mir zu liegen. Ich kann berichten, dass ich mir außer ein paar Schürfwunden zum Glück nichts getan habe, aber Ivan sah irgendwie nicht gut aus. Mann, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ivan jaulte. Wirklich, er jaulte. Seine Vorderpfoten sahen deformiert aus, und am Kopf hatte er eine Platzwunde. Ich trug ihn schnell in die Küche und machte ihm eine Wärmflasche, was Besseres fiel mir nicht ein. Traurig, ich weiß, als Anästhesistin und so, aber ich stand völlig unter Schock. Ich rief wieder Phillip an, der seinen Akku anscheinend in der Zwischenzeit wieder geladen hatte. Der riet mir, mit Ivan zum Tierarzt zu fahren (selber vorbeikommen wollte er irgendwie nicht, das Rettungsdienstpersonal ist auch nicht mehr das, was es mal war…). Nun hatte ich aber nichts zum Ivan-Transport, und in seinem Katzenklo wollte ich ihn auch nicht zum Tierarzt tragen. Da fiel mir die Geschichte von Patrick und seiner Katze ein, und ich hatte eine Idee. Ich spritzte ihm mal wieder eine Mischung aus Ketanest und Midazolam, diesmal schlug ich aber vorher die katzenübliche Dosierung nach. Damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe – Ivan war schmerzfrei und er bewegte sich nicht mehr, so dass ich ihn problemlos auf der Wärmflasche liegend transportieren konnte. In die U-Bahn. Gut, meine Mitbürger haben schon etwas seltsam geguckt, aber als ich laut erklärte, dieses Tier leide an einer sehr seltenen und ansteckenden Krankheit hatte ich schnell ein Abteil für mich und war vor lästigen Blicken und Anfeindungen geschützt.

Beim Tierarzt ließ man mich auch recht schnell vor. Der Tierarzt war ein älterer Herr mit grauem Bart, was mir das Gefühl einer gewissen Kompetenz vermittelte.
“Was ist das?” er zeigte auf Ivan, der noch immer auf der Wärmflasche schlief.
“Das ist eine Katze.” er sah mich verärgert an.
“Das sehe ich, ich habe schließlich Tiermedizin studiert und weiß daher, wie Katzen aussehen. In diesem Fall ist es allerdings wohl ein Kater. Und er liegt auf einer Wärmflasche. Und er schläft. Und er hat zwei gebrochene Vorderpfoten. Und eine Kopfplatzwunde.” Ich dachte, toll, wenn er das alles auf einen Blick sieht, dann spar mich mir das Geld für eine Röntgenaufnahme (war aber ein Trugschluss). Ich erklärte Dr. Dolittle, wie Ivan und ich in diese missliche Situation geraten waren. Als ich zu dem Teil mit dem Ketanest kam, runzelte er die Stirn. Er wies mich darauf hin, dass man eine Transportbox für gewöhnlich nicht durch Ketanest und eine Wärmflasche substituiert, wobei ich ihm Recht geben musste. Ich fragte ihn noch, wie alt Ivan wohl sei. Er musterte ihn eine Weile.
“Zwei Jahre, schätze ich.” sagte er.
“Waaaaas? Dann lebt der ja noch ewig!”  Dr. Dolittle sah mich kritisch an. “Ich meine, super. Dann habe ich ja noch richtig lange was von ihm… wenn er jetzt nicht ne Fettembolie kriegt oder so…” Dr. Dolittle seufzte und wies seine Helferin an, eine Reihe von Untersuchungen mit ihm durchzuführen. Röntgen etc. Die Kopfplatzwunde wollte er nähen, impfen wollte er ihn auch noch (gegen WAS denn bitte? Tetanus?) gipsen und was weiß ich noch alles. Ich rechnete im Kopf schon mal zusammen, was das mich eigentlich kosten würde. Am Ende gab er ihm tatsächlich noch eine Antibiose und trug mir auf, ihn in drei Tagen wieder vorzustellen. Ich fragte ihn, ob er das über meine Versicherungskarte abrechnen könnte, was er mit einem heiseren Lachen quittierte. Dann drückte er mir eine Transportbox in die Hand und meinte, die würde er dann auch auf die Rechnung schreiben.

Drei Stunden später machten der gegipste Ivan und ich uns dann wieder auf den Heimweg. Das habe ich jetzt davon. Vielleicht schicke ich Rambo die Rechnung. Ivan darf jetzt sogar im Schlafzimmer schlafen. Auf seinem eigenen Kissen auf dem Boden. Muss wohl sein, denn er kann ja nicht laufen, und ich muss bei jedem Gemaunze springen, ihn füttern, kraulen, unterhalten, rumtragen. Wie ein Baby. Und ganz ehrlich, ich habe den leisen Verdacht, er genießt es, mich so springen zu sehen und das schlechte Gewissen in meinen Augen… Ivan, der Schreckliche.

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Yoga auf Amerikanisch und so

So, ich bin gut in den Staaten angekommen. Natürlich werde ich auch noch ausführlich von den Dingen berichten, die mir Dr. Ungut bislang angetan hat, aber dazu im nächsten Post…

Mein Tag find um 2 Uhr an. Das nennt sich Jet-lag. Ich konnte ums Verrecken nicht mehr schlafen. Also vertrieb ich mir die Zeit damit, ein Yogastudio herauszusuchen. Da bin ich dann in aller Herrgottsfrühe hinmarschiert. Ja, genau. Hinmarschiert. Der Typ an der Rezeption meinte, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, das sind doch mindestens 5 km. Wo ist das Problem? Auf der Straße konnte ich mir die Stadt mal ganz in Ruhe ansehen. Ich war schließlich noch nie an der Westküste. Dabei fielen mir folgende Sachen auf:

  • wie schon getwittert: San Diego sieht aus wie New Orleans, ist nur lange nicht so schön. Ok, in aller Fairness habe ich natürlich noch nicht alles gesehen. Aber es heißt doch immer, California sei so anders als der Rest der USA. Davon habe ich noch nichts gemerkt.
  • der Amerikaner an sich legt bei jedem meiner Besuche mindestens einen BMI-Punkt zu
  • in San Diego hat jeder einen Hund
  • wenn sie keinen Hund haben gehen sie zu zweit joggen
  • Turnschuhe. Ich versteh’s nicht.

Irgendwie habe ich es trotz der in schillerndsten Farben vom Typen an der Rezeption beschriebenen Gefahren, die da auf dem Bürgersteig auf mich lauern könnten, bis zum Yogastudio geschafft. Dort war ich positiv überrascht. Im Studio sahen alle so aus wie in Deutschland oder sonstwo auf der Welt im Yogastudio: weiblich, ca. 25-45 Jahre alt und, jetzt kommt’s, SCHLANK! Man war sehr nett zu mir, aber das sind die Amis ja eigentlich immer. Jedenfalls fühlte ich mich gut aufgenommen. Die Stunde fand bei Laura statt. Ich hatte mich geschickt in der letzten Reihe positioniert, was bei 20 Teilnehmern einen gewissen Sichtschutz bot. Laura hat mich aber trotzdem gefunden. Eigentlich gab sie bei so vielen Teilnehmern nur wenig Assists, aber auf mich hatte sie es abgesehen. Sie drehte mich in die unmöglichsten Positionen, und als ich fast blau anlief sagte sie: “Atmen! Du musst atmen! Atmest du?” Hätte ich noch Luft bekommen, hätte ich gelacht. Als Anästhesistin ist das ja eigentlich mein Satz. Ich presste nur hervor: “Ein bisschen.”, während meine Wirbelsäule sich einmal komplett um sich selbst gedreht hatte. “Du musst atmen.”  Mit einer Lunge, die auf Größe einer Zitrone zurechtgedreht wurde, ist das aber schwer. Als Laura wieder von mir abließ und ich japsend auf dem Boden zu liegen kam, bemerkte sie nur trocken: “Du bist etwas überflexibel. Ich hätte nicht gedacht, dass man einen Menschen überhaupt so weit aufdrehen kann.”

Danke.
Aber ich komme wieder. Bin ja masochistisch veranlagt.

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