Karriereausblick

Die alte Dame lag perfekt gestylt in ihrem Bett. Ich stand vor ihr in meinen Privatklamotten (dazu ein andermal) und quasi direkt vom Friseur kommend und halte einen Vortrag über irgendwas Patientenrelevantes. Plötzlich unterbricht sie mich mit einer ausladenden Handbewegung.
“Warum sind Sie nicht zum Film gegangen?”, fragte sie mit theatralischer Miene und zeichnete dabei nachdrücklich meine Silhouette nach.
“Ähm… weil mir mir dazu jegliches Talent fehlt.”, sage ich etwas peinlich berührt.
“Ach…” Sie zog die Augenbrauen hoch und konstatierte dann nüchtern: “Darum sind Sie wohl hier gelandet.”

Made my day.

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Der 100-Euro-Wischmop

Die meisten Damen (und sicherlich auch einige Herren) werden mir sicher zustimmen, dass das mit dem Friseur immer so eine heikle Sache ist. Gehe ich zum 10 Euro Friseur (und sehe hinterher auch so aus) oder gehe ich doch lieber gleich zu Vidal Sassoon, zahle 100 Euro dafür, lasse mich dafür eine Stunde lang vollquatschen und hinterher sieht eh keiner, wie teuer mein Haarschnitt war? Lange Zeit war ich davon überzeugt, nur wenn es teuer ist, kann der Haarschnitt überhaupt was taugen. Doch jedes Mal habe ich mich ärgern müssen. Meine Haare lösen bei modisch gestylten und hippen jungen Friseurinnen und Friseuren immer den gleichen Reflex aus: “Das müssen wir unbedingt stufen! Dann fällt das viel besser!”  Ich hasse Stufen. Mit Stufen sehe ich aus wie ein Wischmop, den man in die Steckdose gesteckt hat. Warum versteht das denn keiner? Meistens gebe ich dann nach und denke mir, für 100 Euro werden die schon wissen, was sie tun, schließlich bezahlte ich ja auch dafür, dass die da ein wenig dran rumschneiden – und gehe dann gefrustet als 100-Euro-Wischmop aus dem Laden. Entsprechend ungern gehe ich auch zum Friseur.

Vor ein paar Wochen musste es aber dringend mal wieder sein. Ich sah aus wie ein rausgewachsener Wischmop, mein Anblick erinnerte mich an eine seltsame Promenadenmischung, der Pony so lang, dass ich bequem als Mitglied des Ensembles der Muppet Show durchgehen konnte. Ich hatte allerdings Besuch und nicht viel Zeit, gerade war ich in der Stadt unterwegs. Termin ausmachen? Unmöglich. Ich rannte in das nächste große Kaufhaus und ging dort zu Essanelle. Ob man mich noch schnell drannehmen könnte? Etwas kritisch beäugte ich das sonstige Klientel, eher so ältere Damen mit Dauerwelle. Ja, Maria habe noch Zeit, sagte man mir. Maria entsprach nicht so ganz dem, was ich sonst so an Friseurinnen gewohnt war. Sie war etwa 60 Jahre alt und weder besonders hip gestylt, noch hatte sie sonst irgend etwas gemein mit den Damen vom Pony Club. Ich war etwas besorgt. Maria ging jedoch zügig ans Werk.
“Was machen wir denn?” fragte sie.
“Keine Stufen!” versuchte ich es mal wieder.
“Ok.” sagte sie. Das war aber einfach. Fachmännisch untersuchte sie mein Haupthaar.
“Pony selber geschnitten?” fragte sie kühl. Ich wurde rot, aber wenn der Friseur immer so teuer ist, kann ich ja nicht wegen Pony schneiden jedes Mal da hinrennen, da werde ich ja arm! “Sieht man.” beantwortete sie ihre Frage selbst. Dann machte sie sich an das übliche Programm – Haare waschen (überraschend liebevoll) und los ging’s. Etwa eine halbe Stunde schnitt sie daran herum.
“Und das war zu viel Pony das letzte Mal!” keuchte ich noch.
“Ok.” sagte sie. Und schnitt die Haare genau so, wie ich sie haben wollte. Ohne Stufen, ohne Megapony. “Mit Mittelscheitel sieht das aber besser aus.” sagte sie und zog meinen Scheitel neu. Recht hatte sie. Sie versuchte nicht, mir irgendwelche teuren Kuren oder Stylingprodukte aufzuquatschen oder mir am Ende noch die Haare zu fönen (das kann ich selbst eh besser). Das Ganze für 23 Euro. Ich war perplex. Ich ging raus und konnte mich im Spiegel anschauen. Ich hatte einen vernünftigen Haarschnitt, ohne diese bescheuerten Stufen und fand mich echt annehmbar. Keiner hatte an mir herumexperimentiert und ich musste mir auch nicht zu Hause sofort die Haare waschen. Das Beste – der Schnitt hielt 10 Wochen. Heute dachte ich mir dann, ich sollte vielleicht doch mal wieder etwas Form reinbringen lassen. Ich ging wieder zu Essanelle. Wieder zu Maria.

“Ach, da sind Sie ja wieder.” begrüßte sie mich. “Letztes Mal waren Sie an einem Samstag da. Ich erinnere mich. Mittelscheitel und keine Stufen, nicht wahr?”

Da war ich echt baff.

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