Sie werden ihn doch wohl nicht wiederbeleben…?

Die Leitstelle dirigierte uns in ein gepflegtes Reihenhaus. Wir kamen zeitgleich mit dem RTW an.
“Er ist da drinnen!” Die noch rüstige Dame von etwa Mitte 70 Jahren schob mich etwas zögerlich durch die Tür. Bei einem Blick in das angrenzende Wohnzimmer zählte ich noch drei weitere Personen, die ich für Kinder und Enkelkinder der Dame hielt. Gemessen an der Tatsache, dass das Einsatzbild Cardia 4 lautete, war man recht ruhig.

Der Mann lag im Bett, er war weitestgehend zugedeckt. Ein Blick durch das Zimmer sagte mir, dass er wohl schon lange schwer krank war.
“Er hat Lungenkrebs, wissen Sie? Metastasiert… überall hin. Seit einem halben Jahr hat er das Haus nicht mehr verlassen. Es war schrecklich.” Sie fing an zu weinen.
Ich schlug so pietätvoll wie möglich die Decke zurück und sah recht schnell, dass der Mann tot war. Sehr tot.
“Wie lange ist er schon tot?”, fragte ich.
“Zwei Stunden.”, antwortete die Ehefrau schluchzend. Ich runzelte die Stirn. “Sie werden ihn doch wohl nicht wiederbeleben?”, fragte die Frau ängstlich. “Das hätte er nicht gewollt!”

Nein, vielen Dank für das Vertrauen in die ärztliche Kunst, aber eine Wiederbelebung nach zwei Stunden ist wohl nicht mehr sinnvoll. In so einem Fall, in dem mir die Ehefrau gleich noch sämtliche Arztbriefe und eine Patientenverfügung präsentierte, wäre auch ein Wiederbelebungsversuch nach drei Minuten zu unterlassen gewesen. Aber wieso wird dann immer wieder der Notarzt gerufen? In diesem Fall mussten wir eine geschlagene Stunde auf die Polizei warten (was ich den Angehörigen auch lieber erspart hätte), nur um den Herren und Damen in grün ein kurzes: “alt, krank, Krebs, kein Anhalt für einen nicht-natürlichen Tod” zuzunuscheln und dann schleunigst zu verschwinden. Es wird eh nur eine vorläufige Todesbescheinigung ausgefüllt, die Polizei und die Angehörigen dürfen dann trotzdem noch sehen, wo sie einen Arzt auftreiben, der die endgültige Todesbescheinigung ausstellt. In einigen ländlichen Gebieten mögen die Notärzte das anders handhaben, in der Stadtrettung ist die Ausstellung der endgültigen Todesbescheinigung durch den Notarzt eher unüblich. Persönlich habe ich noch NIE eine endgültige Todesbescheinigung im Notarztdienst ausgestellt (auch nicht in der Landrettung), primär, weil ich dann das Gefühl habe, ich würde irgendwas vertuschen. Das ist natürlich Blödsinn, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass, wenn ich einen Fehler gemacht haben sollte, der dann auf ewig ungesühnt bliebe (auch wenn man argumentieren kann, dass man bei einem toten Patienten ja primär auch nicht mehr viel falsch machen kann). Aber das mag auch nur meine eigenwillige Weltsicht sein.

Und was lernen wir daraus? Wenn jemand schon ein paar Stunden tot ist, dann sollte man das beim Anruf in der Leitstelle wenigstens so kommunizieren…

Share Button

Aktenvernichtung mal anders

Folgende Geschichte trug sich heute zu, und eigentlich darf man das gar nicht erzählen. Jedenfalls nicht, wenn man je noch mal ernst genommen werden möchte.

Der erste Patient hatte seine OP gut überstanden. Ich schob ihn in den Aufwachraum. Pfleger Jan und ich kabelten ihn an. Ich nahm das Narkoseprotokoll in die Hand, um die Daten in das Aufnahmebuch einzutragen. Dabei sah ich, dass der Patient noch nicht an den Sauerstoff angeschlossen war, also legte ich das Narkoseprotokoll wieder weg, und weil ich gerade daneben stand, holte ich eine Nasensonde aus der Plastikverpackung, schmiss die Verpackung in den Müll und schob dem Patienten sie Sonde in die Nase. Dann ging ich zum Aufnahmebuch. Wo war jetzt das Narkoseprotokoll? Ich sah mich suchend um. Es lag nicht auf dem Tisch. Es lag nicht auf dem Bett. Es lag auch nicht unter dem Kopfkissen. Jan hatte es auch nicht.
“Vielleicht hast du es ja im OP gelassen?” sagte Jan.
“Nein, ich hatte es schon in der Hand, seitdem wir hier sind. Es muss hier irgendwo sein.” Jan zuckte mit den Achseln und wir machten noch mal die gleiche Runde: Tisch, Bett, Kopfkissen (Patient dabei unsanft geweckt und zur Seite geschoben, um das Bett zu durchsuchen). Nichts. Ich fing schon an, hektisch die Betten der Nachbarpatienten zu durchsuchen und zweifelte langsam an meinem Verstand. Jan umrundete abermals das Bett. Während ich gerade unter ein Patientenbett kroch, um zu gucken, ob das Narkoseprotokoll vielleicht auf wundersame Art und Weise unter dieser Matratze lag, inspizierte Jan noch einmal meinen letzten Wirkungsort, die Bettseite des Patienten mit dem Wandanschluss für den Sauerstoff. Er beugte sich vor und wühlte dann zu meiner großen Überraschung in dem Mülleimer, der hinter jedem Patientenbett angebracht ist. Schließlich förderte er ein zusammengeknülltes Blatt hervor, dessen Farbgebung mir sehr bekannt vorkam. Es war mein Narkoseprotokoll. Er reichte es mir kommentarlos.

Nach einer längeren Aktion des immer wieder Glattstreichens verließ ich dann eiligst den Ort des Geschehens.

Share Button