Lieber Herr Müller-Meyer-Huber,

vielen Dank, dass Sie unseren Dienst kürzlich in Anspruch genommen haben. Ich hoffe, Ihrer Frau geht es mittlerweile schon ein wenig besser, obwohl das ja nicht sehr wahrscheinlich ist.
Ich hätte da nur eine Frage, die ich mich nicht zu stellen traute, als wir neulich bei Ihnen in JWD, wo ich nicht tot überm Zaun hängen möchte,  im Wohnzimmer standen.
WAS UM ALLES IN DER WELT STIMMT BITTE MIT IHREM KOPF NICHT???
Ja, ich meine Ihren Kopf und nicht den Ihrer bemitleidenswerten Frau, deren erster Fehler schon mal war, dass sie SIE geheiratet hat (entschuldigen Sie bitte meine Wortwahl. Es geht mich ja wirklich nichts an, ob Ihre Frau Sie oder jemand anderes geheiratet hat, aber ich bin mir sicher, wäre ihre Wahl nicht auf Sie gefallen, so hätte sie gute Chancen gehabt, ihrem weiteren Schicksal zu entgehen).
Wissen Sie, ich bin ja eigentlich in der Stadtrettung tätig und es daher gewohnt, dass man wegen banaler Befindlichkeitsstörungen den Notarzt (oder in meinem Fall: die Notärztin) ruft. Ich weiß auch, dass die Landbevölkerung etwas tougher ist und man für gewöhnlich nicht wegen eines eingewachsenen Zehennagels gerufen wird. Aber Sie haben echt den Vogel abgeschossen.
Um 20 Uhr fanden Sie Ihre Frau bewusstlos auf dem Sofa vor. Sie haben mehrfach versucht, sie zu wecken, aber sie hat nicht reagiert. Daraufhin haben Sie entspannt den Tatort oder was auch immer geguckt und sind schließlich ins Bett gegangen. Am nächsten Tag fehlte Ihnen Ihre Frau bei der Arbeit im Stall. Das war sehr ärgerlich, denn jetzt mussten Sie die Kühe und Hühner (oder was da so bei Ihnen rumrennt) ja selbst versorgen und Frühstück hat Ihnen auch keiner gemacht. Wirklich ärgerlich. Ihre Frau hat noch immer nicht großartig auf Ihre Frage nach Frühstück reagiert (ich unterstelle jetzt mal, das Sie sie nach Ihrem Frühstück gefragt haben. Vielleicht wollten Sie auch nur wissen, warum sie nicht im Kuhstall steht, das kann ich jetzt nicht beurteilen, vielleicht klären Sie mich auf). Da ging Ihnen dann – etwa zwölf Stunden später – ein Licht auf. Nur ein sehr kleines, augenscheinlich, denn Sie riefen jetzt erstmal den Hausarzt. Diesem kam die Sache schon mal recht komisch vor, so dass er umgehend seine Sprechstunde verließ, um zu Ihnen zu kommen. Das würde ich ihm an Ihrer Stelle mal hoch anrechnen, obwohl es wahrscheinlich auch schon egal war. Als er Ihre Frau sah, bekam er fast einen Herzinfarkt. Jedenfalls sah er so aus, als ich mit ihm sprach, und ich denke, dass er nicht so leicht zu erschüttern ist. Nachdem er Ihre Frau untersucht hatte, ließ er umgehend meine Wenigkeit holen, damit ich mich um den Weitertransport Ihrer Frau kümmere. Mittlerweile hatte sich Ihre Frau mehrfach übergeben, zudem konnte man wieder ein wenig mit ihr in Kontakt treten, wenn auch nur mit viel Mühe und gutem Zureden. So gab sie an, dass sie nichts mehr sehen könne, was bei den meisten Menschen doch einige Alarmglocken läuten lässt. Wir brachten Ihre Frau umgehend in die nächste Klinik mit CT und entgegen meiner üblichen Gepflogenheiten wartete ich sogar noch die Bildgebung ab. Daher weiß ich auch, dass der Radiologe völlig entsetzt war, als er dieses CT in Augenschein nahm. Der Neurologe war genauso begeistert. Ihre Frau hatte eine Basilaristhrombose. Das wird Ihnen nicht viel sagen, ich erkläre es Ihnen mal mit einfachen Worten: ein RIESIGER Schlaganfall. Mit DEMARKIERTEN INFARKTAREALEN. Das heißt, das Gefäß ist schon so lange zu, dass man im CT sieht, dass das Hirngewebe kaputt ist. Ist dieser Ausprägung sicher seit mehr als sechs Stunden. Als wir anboten, die Patientin zur Rekanalisation in ein anderes Zentrum zu fahren (pure Verzweiflung!) lachte man uns aus. Denn dafür war es VIEL ZU SPÄT.

Herr Müller-Meyer-Huber, was genau war denn jetzt das Problem? Gucken Sie nicht genügend Arztserien? Sind all die Aufklärungskampagnen zum Schlaganfall und das Stichwort “Time is Brain” komplett an Ihnen vorbeigegangen? Mögen Sie Ihre Frau nicht besonders? Kam es Ihnen nicht irgendwie komisch vor, dass Ihre Frau stundenlang komatös auf dem Sofa lag? Ich erwarte ja nicht, dass Sie die Diagnose einer Basilaristhrombose selbst stellen, aber wäre es nicht möglich gewesen, etwa 12 Stunden früher den Rettungsdienst zu rufen? Oder meinetwegen auch den Tierarzt, den Metzger oder den Elektriker – irgendwen, der Ihnen sagt, Du, Frau und Koma ist eigentlich nicht normal?

Ihr Frühstück werden Sie jetzt sicherlich immer selbst machen dürfen. Und das Ihrer Frau gleich mit. Füttern inklusive.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Genesungswünschen an Ihre Gattin,

Dr. Anna

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