Aufgaben

“Was ist das?”, fragte Schwester Margit entsetzt, als ich mit mehreren Ordnern und Schütten bewaffnet des Aufwachraum betrat, um dort meinen Dienst zu tun.
“Neue Studie… vorbereiten…”, nuschelte ich vor mich hin, während ich umständlich einen Etikettendrucker aus meiner Tasche zog.
“Aha.” Margit wandte sich wieder ihrem Patienten zu, während ich laut lärmend in einem Schrank nach einem Etikett für die Ordner suchte. Demonstrativ leidend machte ich mich daran, einige Etiketten zu drucken und sie auf Ordner und Schütten zu verteilen. Es dauerte nicht lange, da klingelte das Telefon. Margit beantwortete das Klingeln.
“Klapptische?” , hörte ich sie entgeistert fragen. “Ja, ich sag’s ihr.” Sie legte den Hörer auf und drehte sich zu mir um.
“Du sollst doch bitte mal in den Hörsaal gehen und Klapptische aufstellen. Und bitte auch Tischdecken drauflegen. Und bitte ordentlich, soll ich dir sagen. Das war der Gashahn.”
Murrend erhob ich mich von meinem Tisch und dem nicht kleiner werdenden Berg an Ordnern.
“Wieso bist du gerade zum Hausmeister mutiert?”, rief mir Margit noch nach.
“Der Workshop heute Nachmittag… da muss noch was vorbereitet werden…”, grummelte ich zurück.
Nach einer halben Stunde war ich wieder zurück – mit einem Ultraschallgerät.
“Was tust du da?”, fragte Margit entgeistert, als sie sah, dass ich einen USB-Stick in das Gerät steckte, laut fluchte, den Stick wieder rauszog, ein paar Tasten drückte und diesen Vorgang noch etwa fünf weitere Mal wiederholte.
“Neues Gerät… Studie…muss da mal was mit der Datenübertragung probieren.”

Und dann kam der Satz, auf den ich schon den ganzen Tag gewartet hatte: “Und für all das hast du extra studiert?”
Haha.

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Gesprächsbedarf (2)

Im Schockraum herrschte schon ein reges Treiben, allerdings noch ohne Patient.
“Ist in zwei Minuten da! Schädel-Hirn-Trauma unter Marcumar!”, rief mir Lars, der zuständige Arzt der Notaufnahme zu.
“Aber die Neurochirurgen haben doch gerade gar keine OP-Kapazitäten? Wieso kommt der hierher?”, fragte ich irritiert. Lars zuckte mit den Achseln.
“Ich weiß es nicht. Wir sind abgemeldet.”
“Hm.” Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon kam das Rettungsdienst mit dem Patienten.
“62jährige Patientin, Treppensturz, Marcumar bei Vorhofflimmern.”, erklärte der Notarzt monoton, während die Patientin umgelagert wurde.
“Wieso kommt die Patientin zu uns? Wir können sie nicht weiter versorgen!”, fauchte Lars ihn von der Seite an. Dieser sah ihn irritiert an. “Ich habe zwangsbelegt. Krankenhaus x und y sind auch abgemeldet. Irgendwo müssen wir ja hin.” Damit war für ihn das Gespräch beendet.
Die Patientin war nicht intubiert. “Frau Müller?”, fragte ich nach einem Blick auf das Notarztprotokoll und tippte sie leicht an der Schulter an. Sie trug einen Stiffneck zum Schutz der Wirbelsäule und hatte eine grüne Nadel im linken Handrücken. Die Vitalwerte waren stabil.
“Ja?”, antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen.
“Können Sie die Arme anheben?”, fragte ich sie unnötig laut, so als wäre sie taub. Sie reagierte nicht, auch nicht, als ich sie nochmals mit Namen ansprach.
“Intubieren und dann zügig ins CT!”, rief ich in die Runde. So geschah es dann auch. Im CT fand sich erwartungsgemäß eine große Blutung im Gehirn, die durch die Blutverdünnung sicherlich noch weiter zunehmen würde. Das Labor gab auf Nachfrage an, die Blutgerinnung läge bei einer INR von 2,8, also im hochsuffizienten Bereich.
“Und nun?”, fragte ich Lars etwas ratlos, nachdem ich mit dem OP telefoniert und die Auskunft bekommen hatte, dass man Frau Müller erst in einer halben Stunde würde einschleusen können. Lars wirkte auch etwas ratlos.
“Was sollen wir machen? Selbst wenn wir sie jetzt nach x oder y verlegen könnten, würde das mit Sicherheit länger dauern, als wenn wir hier warten, bis der OP frei ist.” Gab er zu bedenken.
“Wohl wahr.” Ich überlegte. “Ich kann sie im Aufwachraum betreuen, bis der OP frei wird. Wir könnten schnell die Blutgerinnung mit PPSB verbessern und dann lege ich ihr einen ZVK und eine Arterie zur arteriellen Blutdruckmessung. Was Besseres fällt mir jetzt auch nicht ein.”
So machten wir es dann auch. Nach einer halben Stunde war der Blutdruck entgleist, das EKG zeigte eine Bradykardie mit Extrasystolen und die Pupillen wurden zunehmend weiter – Zeichen dafür, dass das Gehirn gerade einklemmte. “Na toll.”, sagte ich zur Anästhesieschwester, als die Patientin endlich eingeschleust wurde.  “Das war jetzt wohl nichts.” Sie schüttelte nur den Kopf. Zehn Minuten später sah ich die Patientin in Richtung neurochirurgische Intensivstation geschoben werden. “Was ist los?”, fragte ich den Dienstarzt.
“Oberarzt Wilmann hat ihr nur einmal in die Pupillen gesehen und gleich wieder ausschleusen lassen. Da ist nichts zu retten. Wir fahren sie jetzt zum Sterben auf die Intensivstation.”
Ich war in erster Linie froh, das jetzt nicht den Angehörigen erklären zu müssen. Ich sah auf meine Uhr… Langsam war es wieder Zeit für ein Gespräch mit Herrn Weilheimer…

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Die Lösung…

Vielen Dank für Eure vielen Kommentare!

So vielschichtig, wie Ihr das Problem gesehen habt, hat es sich für mich gar nicht dargestellt, vielleicht bin ich zu einfach gestrickt :-D
Natürlich hat kann ein Patient die Aufklärung ablehnen, das kann man so dokumentieren und der Patient unterschreibt das. Dies war in diesem Fall  allerdings meiner Meinung nach nicht möglich, da ich ja selbst noch nicht einmal wusste, worauf ich aufkläre. Und meine Hauptsorge war, dass wichtige Informationen so verloren gehen könnten. Die Patientin selbst machte es einem ja auch nicht leicht. Aber seht selbst…

“Frau Weilerstein…”, sagte ich nun mit wachsender Ungeduld. “So kommen wir hier nicht weiter. Ich lasse mich nicht von Ihnen beschimpfen.” Ich erhob mich. “Ich gebe Ihre Akte an meine Kollegin. Sie wird Sie aufklären – oder auch nicht. Ich glaube, wir beide haben hier einfach keine Basis mehr.” Damit öffnete ich die Tür und wies ihr den Weg nach draußen. Unter lautem Gezeter verließ sie schließlich den Raum. Draußen stand zufällig Mareike am Tresen. Während Frau Weilerstein sich ausgiebigst bei der Sprechstundenhilfe über mich beschwerte, zog ich Mareike unauffällig zur Seite und erklärte ihr die Situation. Dann ging ich, ohne mich weiter um die Patientin zu kümmern zurück in den Aufwachraum, wo ich meine eigentliche Arbeit verrichtete. Wie Mareike das Problem gelöst hat, weiß ich nicht. Ich habe nur noch erfahren, dass ich Recht hatte mit meiner Annahme, dass die Diagnose der von-Willbrand-Erkrankung bereits stand und die weggeschickten Proben sich auf die Grunderkrankung bezogen. Ansonsten habe ich lediglich versucht, mich nicht allzu sehr darüber zu ärgern, auch wenn mir von mehreren Seiten zugetragen wurde, dass die Patientin sich an jeder erdenklichen Stelle über mich beschwert hatte. Konsequenzen hatte das übrigens keine, und ich wurde auch nie von den Oberen darauf angesprochen – ich denke mal, dass ich generell nicht in dem Ruf stehe, besonders unhöflich zu sein, so dass diese Beschwerde einfach unter “unglückliche Umstände mit offensichtlich schwieriger Patientin” abgelegt wurde. Ein Umstand, für den ich sehr dankbar war, denn natürlich fragt man sich trotzdem, welchen Anteil man selbst an der völligen Eskalation der Situation hatte. Persönlich habe ich daraus mitgenommen, dass ich wahrscheinlich den Superchirurgen hätte anrufen sollen und somit klare Verhältnisse schaffen – weniger für mich, als viel mehr für die Patientin, die ja offensichtlich auf den Superchirurgen fixiert war und mich einfach nicht ernst nahm. Es gehören schließlich immer zwei dazu…

Dieser Fall hat sich nicht so abgespielt, wie ich ihn hier geschildert habe, sonder ist vielmehr eine Melange aus verschiedenen Fällen, die man im Laufe der Zeit so erlebt oder von denen man hört. Man möge mir diese literarische Freiheit der Dramaturgie wegen verzeihen.

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Aktenvernichtung mal anders

Folgende Geschichte trug sich heute zu, und eigentlich darf man das gar nicht erzählen. Jedenfalls nicht, wenn man je noch mal ernst genommen werden möchte.

Der erste Patient hatte seine OP gut überstanden. Ich schob ihn in den Aufwachraum. Pfleger Jan und ich kabelten ihn an. Ich nahm das Narkoseprotokoll in die Hand, um die Daten in das Aufnahmebuch einzutragen. Dabei sah ich, dass der Patient noch nicht an den Sauerstoff angeschlossen war, also legte ich das Narkoseprotokoll wieder weg, und weil ich gerade daneben stand, holte ich eine Nasensonde aus der Plastikverpackung, schmiss die Verpackung in den Müll und schob dem Patienten sie Sonde in die Nase. Dann ging ich zum Aufnahmebuch. Wo war jetzt das Narkoseprotokoll? Ich sah mich suchend um. Es lag nicht auf dem Tisch. Es lag nicht auf dem Bett. Es lag auch nicht unter dem Kopfkissen. Jan hatte es auch nicht.
“Vielleicht hast du es ja im OP gelassen?” sagte Jan.
“Nein, ich hatte es schon in der Hand, seitdem wir hier sind. Es muss hier irgendwo sein.” Jan zuckte mit den Achseln und wir machten noch mal die gleiche Runde: Tisch, Bett, Kopfkissen (Patient dabei unsanft geweckt und zur Seite geschoben, um das Bett zu durchsuchen). Nichts. Ich fing schon an, hektisch die Betten der Nachbarpatienten zu durchsuchen und zweifelte langsam an meinem Verstand. Jan umrundete abermals das Bett. Während ich gerade unter ein Patientenbett kroch, um zu gucken, ob das Narkoseprotokoll vielleicht auf wundersame Art und Weise unter dieser Matratze lag, inspizierte Jan noch einmal meinen letzten Wirkungsort, die Bettseite des Patienten mit dem Wandanschluss für den Sauerstoff. Er beugte sich vor und wühlte dann zu meiner großen Überraschung in dem Mülleimer, der hinter jedem Patientenbett angebracht ist. Schließlich förderte er ein zusammengeknülltes Blatt hervor, dessen Farbgebung mir sehr bekannt vorkam. Es war mein Narkoseprotokoll. Er reichte es mir kommentarlos.

Nach einer längeren Aktion des immer wieder Glattstreichens verließ ich dann eiligst den Ort des Geschehens.

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