Im aktuellen Spiegel (Heft 5.2012) ist ein interessanter Artikel über dramatische Fehler einer Anästhesistin, die mittlerweile zum dritten Mal wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung vor Gericht steht. Drei Patienten – ein vierjähriger Junge, eine 44-jährige und eine 78-jährige Frau – waren zwischen 1994 und 2009 im Rahmen von ambulanten Operationen in einer Bonner Praxis für Orthopädie verstorben. Im Falle des kleines Kindes konnte der Atemweg nicht gesichert werden, wohl auch, weil nicht das notwenige Kinderequipment bereitstand, in einem anderen Fall war die Patientin postoperativ nicht überwacht worden, sondern ohne Monitoring in ein Einzelzimmer verlegt worden (jetzt kann man spekulieren, denkbar ist sowas wie Opiatüberhang, darunter Aussetzen der Atmung, bei fehlender Überwachung ist das schnell tödlich). Der Spiegel verteufelt nun das ambulante Operieren im Allgemeinen, zu gefährlich, zu profitgierig. Ich würde es vielleicht nicht ganz so schauerlich darstellen, obwohl jeder Anästhesist die eine oder andere schaurige Geschichte aus dem ambulanten OP-Zentrum kennt, wo der Patient im Falle einer Komplikation unter Umständen nicht optimal versorgt ist. Natürlich steht ein ambulanter Operateur/ Anästhesist unter einem anderen finanziellen Druck. Wenn das Großkrankenhaus heute Oma Mayer nicht operiert, dann wird sie halt morgen operiert, das geht im ambulanten OP-Zentrum natürlich nicht so ohne weiteres. Damit will ich nicht sagen, dass es deshalb verzeihlich ist, Standards zu vernachlässigen, aber ich kann zumindest sehen, wie solche Katastrophen zustandekommen. Nicht verzeihlich ist es, Narkosen durchzuführen, für die ich nicht ausgerüstet bin (siehe dreijähriges Kind), oder für die es besondere Kompetenzen braucht (siehe dreijähriges Kind).
Normalerweise sind ambulante OPs schon deshalb so wenig komplikationsträchtig, weil vorher gnadenlos gesiebt wird (werden sollte) – das heißt, Oma Mayer kommt mit ihrer hochgradigen Aortenstenose sicher nicht auf den ambulanten OP-Tisch, auch wenn sie sich nur mal schnell etwas Metall aus dem Fuß entfernen lassen will. Es werden in erster Linie gesunde Patienten anästhetisiert, weil hier das Risiko für Komplikationen gering ist. Für alles andere gibt es die Kliniken, die dafür ausgestattet sind. Auch redet sich der Klinik-Anästhesist natürlich leicht, wenn er über die Fehler von niedergelassenen Kollegen urteilt. Wenn ich den Atemweg nicht gesichert kriege, dann hole ich mir jemanden, der das kann. Und was macht der Kollege in der Praxis? Der steht weiterhin alleine da. Der kann dann bestenfalls noch den Notarzt rufen, und wenn das nicht zufällig auch ein Anästhesist ist, dann heißt es back to square one.
Ich glaube, es ist sicherlich auch schwierig, unter finanziellem Druck Patienten abzulehnen, die mir angeboten werden, nur weil ich mir nicht so sicher bin, ob ich hier über die ausreichende Kompetenz verfüge. Meistens geht ja auch alles gut – aber gerade Kinder sind so ein Thema. Der Ausbildungskatalog für Anästhesisten sieht 50 Kindernarkosen vor (bei Kindern unter 5 Jahren). Die meisten Häuser haben keine Kinderanästhesie, daher geht man irgendwo hin und hospitiert. So habe ich es auch gemacht, ich habe insgesamt 53 Kinder unter fünf Jahren anästhesiert. Kann ich deshalb Kindernarkosen? Naja. Ich würde mich zumindest in einem ambulanten Setting nicht trauen, ein dreijähriges Kind zu betreuen. Daher denke ich, man sollte hier differenzieren zwischen der sicherlich indiskutablen Leistung von Einzelpersonen (wie sie hier nach der Beschreibung im Spiegel wohl vorlagen) und dem Verdammen einer ganzen Zunft.

Meine Meinung.

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