Herr Schubert hatte Pech – und irgendwie auch Glück. Pech war, dass er mit seinen 63 Jahren beim Abendessen kopfüber in seiner Suppe landete und nicht mehr viel sagte. Glück war, dass seine Frau sofort die passende Telefonnummer zur Hand hatte und sich professionelle Hilfe holte. Auch die Tatsache, dass die Schuberts mitten in der Stadt wohnten, entpuppte sich als glücklicher Umstand – Hilfe war sofort zur Stelle und lief routiniert ab. Bei meinem Eintreffen wurde gerade der Lucas vorbereitet (ein Gerät, das man um den Patienten schnallt und das die Herzdruckmassage übernimmt, sieht gruselig aus, ist aber sehr effektiv), ich schob noch den Tubus rein, blökte was von den üblichen Medikamenten und ließ die Grillparty anlaufen. Die Pupillen waren eng, der Kunde kam nur leider nicht so richtig. Aufgrund des jugendlichen Alters und der guten Rahmenbedingungen entschieden wir uns zu einem Transport in die Klinik unter laufender Rea.
“Soll ich einen Schockraum anmelden?”, fragte mich der Kollege vom Rettungsdienst.
Ich sagte ja, denn mit der laufenden Rea wollte ich lieber ein komplettes Team haben. Wir bekamen schnell die Antwort, dass wir in den Schockraum der Klinik UmDieEcke fahren können, als nach der Pflicht noch die Kür kam  – Herr Schuberts Herz schlug wieder. Wir waren allesamt begeistert. Herr Schubert brauchte auch nur ein wenig Kreislaufunterstützung und war sonst eigentlich recht stabil. Der Transport durchs Treppenhaus jedoch glich einer Herausforderung und so war ich doch relativ gestresst, als wir endlich im RTW standen – es gab schließlich noch viel zu tun, um den Kunden in einen präsentablen Zustand zu bringen.
Plötzlich klingelte das Telefon.
“Ja, guten Tag, hier Dr. Nutzlos aus dem Schockraum der Klinik UmDieEcke. Ich hätte da mal eine Frage. Wie geht es dem Kunden denn?”
“Gut. Warten Sie mal.” Ich zerrte an der Jacke des einen Rettungsassistenten. “Mach NOR höher!”
“Ich?”
“Nein, Sie nicht, oder können Sie etwa das Noradrenalin aus dem Schockraum fernsteuern?”
“Nein. Ich wollte nur mal fragen, wie es so läuft.”
“Gut. Er ist wieder gekommen.”
“Ja, also, dann brauchen Sie keinen Schockraum?”
“Noch mal Blutdruck, bitte!”
“Was?”
“Nicht Sie, ich muss hier noch arbeiten!” Ich schüttelte den Kopf. “Und es ist mir egal, wo wir hinfahren, aber wir kommen jetzt.”
“Ja, was meinen Sie denn, was der Grund für den Kreislaufstillstand war?”
“Kardial.” Ich hatte echt keine Zeit für diese Diskussion.
“Myokardinfarkt?”
Ich rüttelte am Perfusor. “Mehr Stoff! Und gib das Midazolam nochmal her!”
“Bitte?”
“Nicht Sie.” Ich seufzte. “Ja, ich denke, er hatte einen Myokardinfarkt und ist deshalb stehengeblieben. Aber jetzt hat er wieder einen Rhythmus, der ganz vernünftig aussieht.”
“Ja, hat er denn ein infarkttypisches EKG?”
Ich sah den Hörer etwas erstaunt an.
“Woher soll ich das wissen? Wir haben bis gerade eben reanimiert! Und anscheinend waren Sie noch nie als Notarzt unterwegs, denn sonst wüssten Sie, dass man mit fünf Ableitungen auf dem kleinen Monitor absolut nichts sieht! Das Herz schlägt, das kann ich Ihnen sagen und er hat Blutdruck, aber glauben Sie im Ernst, dass ich jetzt erstmal ein großes EKG anlege, damit ich Ihnen sagen kann, ob das was für den Schockraum oder doch gleich Chest Pain ist? Mehr Fenta!” Den letzten Teil rief ich dem Rettungsassistenten zu, der sich ob dieses Telefonats doch schon sehr wunderte.
“Also, Sie müssen sich jetzt festlegen, ist das kardinal oder nicht?”
“Ja, verdammt, gleich auf den Kathetertisch, dann leg ich mich halt fest!”, brüllte ich schon fast ins Telefon, während ich verzweifelt versuchte, die Infusion wieder zum Laufen zu kriegen.
“Dann brauchen Sie ja auch keinen Schockraum. Ich melde Sie auf der Intensivstation an.”
Sprach’s und legte auf. Uns blieb es nur noch, irritiert den Hörer anzustarren.
“Ich glaube, der hat gerade unseren Schockraum umgeleitet.”, sagte ich verblüfft zum Rettungsassistenten. Der zuckte nur mit den Schultern. “Aber gut, dass Ihr mal drüber geredet habt.”

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