Er und ich liefen die Straße hinunter – Sonntagsbrunch in einem nahegelegenen Lokal. In der Ferne sah ich einen RTW die Straße hinunterwagen und irgendwo vor einem Häuserblock halten. Eine Frau kam über die Straße und wedelte vor unserer Nase herum.
“Hallo, könnt Ihr mal helfen?” Die zeigt etwa fünfzig Meter weiter die Straße hinunter. “Der Mann da, der bei dem Auto, der braucht Hilfe. Irgendwie kann der nicht gehen. Aber ich hab kein Handy dabei. Könnt Ihr helfen?” sprachs und verschwand. Ich grummelte leise vor mich hin. Er auch. Wir hatten eigentlich nicht viel Zeit, und jetzt das. Der Mann war wohl Mitte sechzig und sah ziemlich fertig aus. Ich tippte auf ein Alkoholproblem -nebst diversen anderen Erkrankungen.
Er erbarmte sich schließlich.
“Sie brauchen Hilfe?”
“Ja… ich kann nicht mehr laufen. Ich muss da die Straße runter.” Der Mann zeigte die Straße entlang.
“Und wieso können Sie nicht laufen?”
“Mir geht es nicht gut.”
Ich schaltete mich in die Konversation ein.
“Aber was fehlt Ihnen denn?
Die Konversation und das Drumherum mit Herbert erstreckte sich über etwa zwanzig Minuten. Um es kurz zu machen: Herbert wollte in eine etwa 400 Meter entfernte Kneipe, um dort zu essen. Allerdings konnte er kaum drei Schritte gehen, bis er nach Luft schnappte. Im Krankenhaus sei er schon oft gewesen, das hätte nichts gebracht. In der Kneipe sitzt der Günni, vielleicht kann der ihn nachher zurückbringen. Morgen gehe er auch zum Arzt. Alles in allem war er sehr freundlich und offensichtlich sehr krank, aber in seinem Zustand würde er es kaum bis zur Kneipe schaffen- und war das wirklich eine gute Idee, den offensichtlich schwerkranken Mann jetzt in die Kneipe zu lassen? Selbst wenn er WIRKLICH nur was Essen wollte? Der RTW war etwa auf unserer Höhe, die Besatzung noch nicht zurück. Ich rechnete gute Chancen aus, dass die Besatzung nur zu einem Hausbesuch ausgerückt waren. Nur war Herbert nicht wirklich gewillt, sich mal mit den Herrschaften zu unterhalten, auch wenn er es mittlerweile bis zum RTW geschafft hatte und sich auf der Stufe desselben niedergelassen hatte. Schließlich ging er weiter, drei Schritte, wieder anhalten. Es war ein Trauerspiel. Die Kneipe noch immer etwa dreihundert Meter entfernt, wir konnten den Mann ja auch nicht einfach auf der Straße stehen lassen, aber so?
Während wir Helmut schleppten, auf ihn einredeten und wieder stehenblieben, sah ich hinter uns endlich zwei rot-gelbe Jacken auftauchen – ohne Patient. Beherzt drehte ich mich um und rannte ihnen nach.
“Hey, Jungs… wartet mal…” Ich erzählte ihnen die Geschichte von Helmut und hoffte inständig, sie mögen mich nicht auslachen und mit Helmut stehenlassen. Aber die Jungs waren super. Bereitwillig sprangen sie wieder aus dem RTW und nahmen sich Helmut an, der bei so viel Manpower auch gar nicht anders konnte, als einzuwilligen, wieder zurück zum RTW zu kommen. Das Unangenehmste an der Sache war allerdings, dass ich nicht wusste, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte. Mich gleich als Notärztin outen? Macht es das besser? Oder schlimmer? Oder muss ich dann im Extremfall sogar noch begleiten? Also lieber nichts sagen? Ist das nicht auch falsch? Irgendwie wurde ich dann doch geoutet, ich hatte mich quasi selbst verraten, als ich zu sehr in die medizinische Terminologie eingestiegen war. Irgendwie dachte ich dann, ist vielleicht auch richtig so, warum soll ich denn meiner Forderung, der Mann möge doch besser in einen RTW steigen als in die Kneipe gehen, nicht so ein wenig Nachdruck verleihen? Außerdem hatte ich ja keine Therapietipps gegeben oder mich sonst irgendwie in die Behandlung eingemischt. Aber als arrogante Notarzt-Schnepfe, die sogar am Sonntag auf der Straße noch Patienten rekrutieren muss,wollte ich auch nicht darstellen. Nur Helmut in die Kneipe bringen? Das widersprach ja irgendwie auch meinem Medizinverständnis. Wie man es drehte und wendete, es war nicht leicht.

Und ich wollte ja eigentlich nur zu meinem Sonntags-Brunch.

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