Zu Ehren Medizynicus’ Palliativreihe hier ein paar angelehnte Fallgeschichten…

Herr Weilheimer war einer dieser Patienten, die ich zwar noch nicht kennengelernt, deren bloße Existenz mir aber schon eine ganze Nacht Bachschmerzen bereitet hatte.

“Hier, Herr Weilheimer… Zu dem müsstest du morgen früh mal hin.” Mit diesen Worten drückte mir die Kollegin aus der Schmerzambulanz am Freitagabend die Akte des Patienten in die Hand. Ach ja, richtig. Ich hatte ja das Wochenende gewonnen, würde also auch die Schmerzpatienten visitieren dürfen. “Blöde Geschichte… Klatskin-Tumor. Sie haben ihn heute Mittag operieren wollen, großer Eingriff und so. Naja, aber als der Bauch offen war, hat man schnell gesehen, dass da operativ nichts mehr zu machen ist. Also haben sie ihn wieder zugenäht. Natürlich hat er einen Periduralkatheter bekommen, sollte ja ein größerer Eingriff werden. Den braucht er aber eigentlich jetzt nicht, es ist ja nichts operiert werden. Vielleicht kannst du ihn morgen ziehen?”
Na, bravo. Ich überflog schnell die Krankenakte. Herr Weilheimer war 42 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder, waren die ersten Informationen, die mir ins Auge stachen. Und er hatte einen inoperablen Tumor. Ich schluckte. Das war genau die Sorte Fall, die ich am Wochenende lieber nicht betreute. Ich hoffte, dass die Chirurgen wenigstens schon ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt hatten.

Der Wochenenddienst begann chaotisch. So war es schon 11 Uhr, bis ich endlich dazu kam, die Schmerzpatienten zu visitieren. Herrn Weilheimer sparte ich mir bis zum Schluss auf. Ich wollte nicht gehetzt wirken. Ich klopfte an die Tür und machte mich auf das Schlimmste gefasst – ich wurde nicht enttäuscht. Herr Weilheimer, ein großer und kräftiger Mann mit blonden Locken und einem sympathischen Gesicht, saß auf seinem Bett und weinte. Neben ihm lief die Schmerzpunkte. Er war allein im Zimmer.
“Guten Morgen.”, sagte ich. Dabei war es eigentlich schon Mittag. Herr Weilheimer sah mich mit großen Augen an. Ich stellte mich vor und erklärte ihm, warum ich da war.
“Endlich kommt mal jemand!”, schluchzte er. “Sie können sich das nicht vorstellen. Als ich nach der Operation aufgewacht bin, habe ich gleich im Aufwachraum auf die Uhr geschaut. und da wusste ich schon, dass sie mich nicht operiert hatten, denn es war je gerade mal eine Stunde vergangen! Und trotzdem kam keiner von den Chirurgen, um mit mir zu sprechen! Die haben sich erst am Abend blicken lassen. Und dann… Ich habe doch zwei kleine Kinder! Und das Haus, das haben wir erst letztes Jahr gebaut…” Er weinte wieder. Mir steigen auch fast die Tränen in die Augen. Also hörte ich zu. Viel sagen konnte ich ja eh nicht. Ich hütete mich davor, mich irgendwie zu der Prognose oder dem weiteren Procedere zu äußern – da konnte man nur daneben liegen, auch wenn Herr Weilheimer immer wieder versuchte, mir einen Kommentar zu seiner Situation zu entlocken. Ich versprach lediglich, bei den Chirurgen mal anzufragen, ob nicht noch ein weiteres Gespräch zur Therapieplanung stattfinden könne. Aber ich wusste, dass diese jetzt erstmal im OP feststanden, und ob der Diensthabende sich überhaupt mit dem Fall auskannte, blieb fraglich. Die scheidende Zunft war auch nicht gerade für ihr sensibles Verhalten bei solchen Patienten bekannt. Irgendwie konnte ich das ja auch verstehen. Das Zimmer allein zu betreten, kostete eine große Überwindung. Aber es hilft ja nichts. Und ich musste dem Patienten ja noch nicht mal sagen, wie es um ihn stand. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Der andere Diensthabende war dran.
“Anna, ich brauch dich jetzt.”
“Du, ist grad ungünstig…”, murmelte ich. Schlimm genug, dass ich Herrn Weilheimer unterbrochen hatte, ich wollte jetzt nicht auch noch aufspringen und rausrennen.
“Ungünstig? Ich sag dir, was ungünstig ist: dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und keinen Kaffee getrunken habe, dass ist ungünstig. Dass die Neurochirurgen meinen, an einem Samstag einen Elektiveingriff machen zu müssen, bei dem auch noch alles schief geht, das hat da schon wieder eine andere Dimension. Und dass in der Notaufnahme jetzt ein Patient mit Kopfverletzung aufgeschlagen ist, deren Ausmaß nach allem, was ich so gehört habe, ordentlich unterschätzt wurde, weshalb man sich jetzt zu einem Spontan-Schockraum zusammenfindet, DAS ist eine echte Katastrophe. Und dafür brauche ich dich JETZT. Denn der Patient ist schon DA und SIEHT NICHT GUT AUS!” Damit war das Gespräch beendet. Ich hatte also keine Wahl, als mich bei Herrn Weilheimer zu entschuldigen und schnellstens in die Notaufnahme zu eilen. Dabei hatten wir noch nicht einmal über die Schmerzpumpe gesprochen. Ich versprach zumindest, am Nachmittag noch einmal wiederzukommen, wohlwissend, dass der Begriff Nachmittag hier sehr variabel sein könnte und durchaus auch 22 Uhr noch mit einschloss.

Was ich dann in der Notaufnahme vorfand,  war auch im wahrsten Sinne des Worte eine Katastrophe…

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