“Ja, und nu?”, fragte ich verärgert, während ich im ersten Stock auf einem wackligen Baugerüst stand und versuchte, die Klappe zum zweiten Stock zu öffnen. Dies wurde ungleich dadurch erschwert, dass der Patient auf derselbigen zu liegen gekommen war. Ein dezent bläulicher Arm zuckte mir bei den hoffnungslosen Versuchen, die Klappe zu öffnen, vor der Nase herum.
“Hm. Weiß auch nicht.” Elias war eine große Hilfe.
“Also, ich klettere nicht außen rum.”,  sagte ich bestimmt, während ich mich wieder zu Elias drehte. Das Gerüste schwankte schon verdächtig. “Ich auch nicht.” Gut, dann hätten wir das ja mal geklärt.
Über unseren Köpfen tauchte plötzlich Andreas auf, der Rettungsassistent vom RTW. “Kommt Ihr jetzt rauf, oder was?”
“Häh?”, erwiderten wir unisono. “Wie biste denn da raufgekommen?” Andreas rollte mit den Augen. Durch das Haus und über das Fenster, ihr minderbemittelten Kreaturen.” Das war mir jetzt schon ein wenig peinlich.
“Ja, dann kommen wir mal…” Ich schob Elias vor mir her, so dass der fast vom Gerüst fiel. “Währenddessen könnt Ihr ja schon mal was machen. So, was Medizinisches, meine ich…”
Bis Elias und ich vom Gerüst runter und durch das Haus in den zweiten Stock gelaufen waren, hatte das RTW-Team den Patienten schon auf eine Schaufeltrage bugsiert und zerrten ihn gerade durch das Fenster auf den staubigen Dachboden. Ich sah mich um. Der Raum war fast leer und sicher jahrelang schon nicht in Gebrauch gewesen. Ein Weihnachtsbaum aus Plastik gab der Szene Mitten im Hochsommer einen interessanten Touch. Unter demselben kam der Patient auch zu liegen. Er war etwa Mitte 50, trug einen Rauschebart, der mich beatmungstechnisch nichts Gutes ahnen ließ und krampfte noch immer.
“Maske, Sauerstoff, Pulsoxy und Zugang bitte.” Mit wurde ein Teil des Equipment in die Hand gedrückt. Ich legte den Zugang, während ich nervös auf die Pulsoxymetrie sah. “Frequenz 38 und fallend, Sättigung weit unter vierzig Prozent.”, sagte Elias nüchtern. Mist, dachte ich, der Patient war so hypoxisch (wenig Sauerstoff), dass die Herzfrequenz schon langsam wurde. Als nächstes würden wir reanimieren dürfen. Die umständliche Rettungsaktion hatte sicherlich auch nicht zur Verbesserung der Kreislaufsituation beigetragen, aber so war das nun mal. Nicht jeder fällt direkt neben der Rettungswache um. “SAUERSTOFF!!!”, keuchte ich.
“Bin doch schon dabei…” Elias setzte dem Patienten eine Maske auf und fing an, ihn zu beatmen. Ich versuchte, medikamentös den Krampfanfall zu durchbrechen, was überhaupt gar nicht gelang. Keiner kannte den Patienten, keiner wusste etwas über Vorerkrankungen, nichts war bekannt. Unter Elias Bemühungen wurde der Patient zumindest wieder etwas rosiger und die Herzfrequenz stabilisierte sich.
“Hubschrauber?”, fragte Andreas schließlich.
“Bitte. Neuro, Intensiv und CT.  Mir völlig egal, wo das hingeht.” Hauptsache, mit Hubschrauber. Nach dieser Entscheidung war allerdings auch klar, dass das nicht ohne Intubation abgehen würde. Elias richtete hektisch alles für die Intubation. Wenigstens hörte unter suffizienter Narkose der Krampfanfall auf. Ein Blick in die Augen des Mannes ließen nichts Gutes vermuten – eine Pupille war weiter als die andere. Ich warf mich auf den staubigen Boden, nahm das Laryngoskop, setzte an und sah: nichts. Keine Stimmbänder, nur eine Mischung aus rosa, Bart und Erbrochenem. Laut fluchend fuchtelte ich abwechselnd mit Absaugung und Tubus in absteigenden Größen und Führungsstäben herum – erfolglos. Zwischendurch musste der Patient immer wieder bebeutelt werden, da er ja jetzt gar nicht mehr atmete.
“Larynxtubus?” fragte Elias. Falsche Frage. Ich hasse Larynxtubus. Ich habe schon Menschen gesehen, die in der Notaufnahme am Larynxtubus verstorben sind. Weil er eben doch nicht idiotensicher ist, und weil man damit eben doch einfach nur den Magen aufpumpen kann. Daher ist Larynxtubus für mich ein rotes Tuch, was ich Elias auch gleich kundtat.
“Bei mir kommt kein Larynxtubus in den Patienten, verstehst du?”, zeterte ich.
“Ja, was soll ich sagen, Anna, mit der konventionellen Intubation bist du ja auch nicht sonderlich erfolgreich.”, erdreistete er sich zu sagen. Ich schlug ihn mit dem Laryngoskop. Nicht wirklich, aber ich dachte zumindest daran.
“GIB DAS HER!” Ich riss ihm den nächstkleineren Tubus aus der Hand. In der Ferne hörte ich schon den Hubschrauber. Ich stellte mir vor, wie der Hubschraubernotarzt diese Aktion wohl finden würde. Elias und ich streiten wie die Kesselflicker und am Patienten ist noch nichts geschehen, außer, dass er hektisch bebeutelt wird. Mit einem beherzten Tritt schob ich den Weihnachtsbaum zur Seite, der mich die ganze Zeit mit seinem Lametta im Nacken kitzelte. Dieser fiel um und landete auf einem alten Strohballen, welcher sich in seiner Gänze und mit viel Staub auf Elias verteilte. Sein Fluchen nahm ich nur am Rande zur Kenntnis. Konzentriert setzte ich wieder das Laryngoskop an – und endlich sah ich etwas mehr als nur den harten Gaumen. Zügig war der Tubus in der Luftröhre versenkt. In diesem Moment hörte ich auch schon Schritte auf der Treppe. Das Team des Hubschraubers war im Anmarsch. Elias, Andreas und ich schafften es gerade noch, den Tubus zu fixieren und das Beatmungsgerät einzustellen.
“Was ist denn hier los?”, fragte der Kollege vom Hubschrauber beim Anblick vom staubigen Elias und meiner Wenigkeit, die ich mir hektisch etwas Lametta aus den Haaren zupfte. Ich überging den Kommentar und übergab den Patienten, der jetzt glücklicherweise so versorgt war, wie man es von uns erwartet hatte.

Zwei Stunden später rief ich in der Klinik an. Unsere Bemühungen waren von Anfang an vergebens gewesen. Der Patient hatte eine große Blutung im Hirn. Er war nicht mehr zu retten. Ich musste Elias versprechen, bei der Anfahrt nie wieder den Satz zu sagen: “Hier willste aber auch nicht tot überm Zaun hängen.” Wir sind eben abergläubisch.

Share Button