Der Funk krähte unablässig nach meiner Aufmerksamkeit und so rannte ich keuchend zum Auto (war leider ein längerer Weg). Benjamin hielt mir das Fax entgegen. Da stand nur schlicht: Verkehrsunfall.
“Aha.” sagte ich, gab brav die Adresse in den Navi ein und wir fuhren los. Ich lehnte mich entspannt zurück. Der Einsatz war irgendwo am anderen Ende der Stadt, gar nicht mehr unser Wachgebiet, entsprechend lang war die Anfahrt.
“Hattest du schon mal einen Einsatz bei einem Verkehrsunfall?” fragte Benjamin nach ein paar Minuten, in denen ich gerade geistig den nächsten Tag geplant, über meine Socken nachgedacht und eine mentale Notiz angelegt hatte, die mich daran erinnern sollte, dass ich umbedingt noch Sojajoghurts kaufen musste. Ich sah ihn verstört an. “Wie jetzt? NATÜRLICH hatte ich schon mal einen Verkehrsunfall. Hunderte. Tausende wahrscheinlich. Ich fahr ja nicht erst seit gestern Notarzt!” gab ich entrüstet zurück.
“Also…” sagte Benjamin.  “Ich fahre ja nun auch schon ein paar Jahre, aber immer in der Innenstadt… da sind schwere Unfälle ja selten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen wirklich schwer Verletzten aus dem Auto gefischt habe.”
Nervös rückte ich auf meinem Sitz hin und her. Ich dachte angestrengt nach. Was war die Ausbeute der letzten paar Schichten? Bauchschmerzen hier, Rückenschmerzen da, mal eine Harnleiterkolik… Der letzte Verkehrsunfall als Notarzt? Ich überlegte… “Vor einem halben Jahr haben wir mal einen unter der Leitplanke rausgezogen!” erklärte ich schließlich.
“Und, was hatte der?”
“Arm gebrochen!” sagte ich stolz. Benjamin sah mich spöttisch an.
“Da warste ja schwer gefordert.”
“Hätte ja auch was Schlimmeres sein können!” gab ich beleidigt zurück.
“War es aber nicht.”
“Zählt Schockraumversorgung?” fragte ich hoffnungsvoll.
“Nein.” Ich war enttäuscht.
“Also, du kannst dich auch nicht erinnern, wann du das letzte schwere Polytrauma von der Straße geholt hast.” stellte Benjamin schließlich fest.
“Es könnte schon ein wenig her sein…” nuschelte ich.
“Siehst du, deshalb bin ich immer ein wenig nervös, wenn auf dem Fax was von Verkehrsunfall steht. Du weißt nicht, wie viele daran beteiligt sind, um wen du dich zuerst kümmern sollst…”
Ich fing leise an zu hyperventilieren. Darüber hatte ich nun schon lange nicht mehr nachgedacht.  Was, wenn der Verkehrsunfall ein Unfall mit vier Schwerverletzten war? Crashrettung? Weitere Notärzte bestellen? Triage? Alles gleichzeitig? Mir war schlecht. Ich kramte nochmals das Fax hervor. Hatte ich den Teil mit den vier Schwerverletzten überlesen? Nein, da stand nichts weiter. Die Angaben blieben kryptisch. Benjamin sinnierte derweilen über die Angst des Torwarts beim Elfmeter, während in meinem Kopf sich bereits Horroszenarien breit machten. Die Anzahl der Verletzten war mittlerweile auf sechs angestiegen, mindestens einer hatte eine Amputationsverletzung, einem anderen fehlte der Kopf. Mindestens. Und ich in der Mitte. Als wir uns der Unfallstelle näherten, hatte ich eine Herzfrequenz von 140 und einem Blutdruck, der sicherlich behandlungswürdig war. Von weitem sah ich schon ein Aufgebot an Blaulichtern. Kalter Schweiß stand mir aus der Stirn. Wir parkten und ich stürmte aus dem Auto auf den Pulk von Feuerwehr und Polizei zu.
“Oh mein Gott, oh mein Gott, was ist los? Wo ist der Kopf? Wir müssen den Arm mitnehmen!” rief ich dem Leiter der Einsatztruppe zu. Dieser sah mich etwas verwundert an. Dann zeigte er auf ein zerbeultes Fahrrad und auf einen Herren, der an der Bordsteinkante saß und dem gerade von einem RA ein Zugang gelegt wurde.
“Das ist der Herr Fischer, der mit dem Rad in den Straßenbahnschienen hängengeblieben und vom Fahrrad gefallen. Er scheint sich nur ein paar Prellungen zugezogen zu haben.”
“Hallo!” rief Herr Fischer und winkte mir fröhlich zu. Ich sah mich irritiert um. Der Pulk aus Polizei und Feuerwehr trat gerade den Rückzug an. Benjamin schlenderte gemächlich zu mir herüber.
“Und die anderen?” fragte ich.
“Welche anderen?”
Langsam beruhigte ich mich wieder. Herr Fischer sah erwartungsvoll in meine Richtung. Benjamin grinste breit. “Einmal das Übliche?” fragte er und klopfte auf seinen Medikamentenkoffer.
“Ja ja..”. murmelte ich.
“Was ist denn los mit dir? Bist doch sonst nicht so aufgeregt.”  bemerkte der Leiter. Ich machte eine abwehrende Handbewegung und begab mich mit einem tiefem Seufzer der Erleichterung zum Patienten…

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