Gut, dass wir mal darüber geredet haben

Herr Schubert hatte Pech – und irgendwie auch Glück. Pech war, dass er mit seinen 63 Jahren beim Abendessen kopfüber in seiner Suppe landete und nicht mehr viel sagte. Glück war, dass seine Frau sofort die passende Telefonnummer zur Hand hatte und sich professionelle Hilfe holte. Auch die Tatsache, dass die Schuberts mitten in der Stadt wohnten, entpuppte sich als glücklicher Umstand – Hilfe war sofort zur Stelle und lief routiniert ab. Bei meinem Eintreffen wurde gerade der Lucas vorbereitet (ein Gerät, das man um den Patienten schnallt und das die Herzdruckmassage übernimmt, sieht gruselig aus, ist aber sehr effektiv), ich schob noch den Tubus rein, blökte was von den üblichen Medikamenten und ließ die Grillparty anlaufen. Die Pupillen waren eng, der Kunde kam nur leider nicht so richtig. Aufgrund des jugendlichen Alters und der guten Rahmenbedingungen entschieden wir uns zu einem Transport in die Klinik unter laufender Rea.
“Soll ich einen Schockraum anmelden?”, fragte mich der Kollege vom Rettungsdienst.
Ich sagte ja, denn mit der laufenden Rea wollte ich lieber ein komplettes Team haben. Wir bekamen schnell die Antwort, dass wir in den Schockraum der Klinik UmDieEcke fahren können, als nach der Pflicht noch die Kür kam  - Herr Schuberts Herz schlug wieder. Wir waren allesamt begeistert. Herr Schubert brauchte auch nur ein wenig Kreislaufunterstützung und war sonst eigentlich recht stabil. Der Transport durchs Treppenhaus jedoch glich einer Herausforderung und so war ich doch relativ gestresst, als wir endlich im RTW standen – es gab schließlich noch viel zu tun, um den Kunden in einen präsentablen Zustand zu bringen.
Plötzlich klingelte das Telefon.
“Ja, guten Tag, hier Dr. Nutzlos aus dem Schockraum der Klinik UmDieEcke. Ich hätte da mal eine Frage. Wie geht es dem Kunden denn?”
“Gut. Warten Sie mal.” Ich zerrte an der Jacke des einen Rettungsassistenten. “Mach NOR höher!”
“Ich?”
“Nein, Sie nicht, oder können Sie etwa das Noradrenalin aus dem Schockraum fernsteuern?”
“Nein. Ich wollte nur mal fragen, wie es so läuft.”
“Gut. Er ist wieder gekommen.”
“Ja, also, dann brauchen Sie keinen Schockraum?”
“Noch mal Blutdruck, bitte!”
“Was?”
“Nicht Sie, ich muss hier noch arbeiten!” Ich schüttelte den Kopf. “Und es ist mir egal, wo wir hinfahren, aber wir kommen jetzt.”
“Ja, was meinen Sie denn, was der Grund für den Kreislaufstillstand war?”
“Kardial.” Ich hatte echt keine Zeit für diese Diskussion.
“Myokardinfarkt?”
Ich rüttelte am Perfusor. “Mehr Stoff! Und gib das Midazolam nochmal her!”
“Bitte?”
“Nicht Sie.” Ich seufzte. “Ja, ich denke, er hatte einen Myokardinfarkt und ist deshalb stehengeblieben. Aber jetzt hat er wieder einen Rhythmus, der ganz vernünftig aussieht.”
“Ja, hat er denn ein infarkttypisches EKG?”
Ich sah den Hörer etwas erstaunt an.
“Woher soll ich das wissen? Wir haben bis gerade eben reanimiert! Und anscheinend waren Sie noch nie als Notarzt unterwegs, denn sonst wüssten Sie, dass man mit fünf Ableitungen auf dem kleinen Monitor absolut nichts sieht! Das Herz schlägt, das kann ich Ihnen sagen und er hat Blutdruck, aber glauben Sie im Ernst, dass ich jetzt erstmal ein großes EKG anlege, damit ich Ihnen sagen kann, ob das was für den Schockraum oder doch gleich Chest Pain ist? Mehr Fenta!” Den letzten Teil rief ich dem Rettungsassistenten zu, der sich ob dieses Telefonats doch schon sehr wunderte.
“Also, Sie müssen sich jetzt festlegen, ist das kardinal oder nicht?”
“Ja, verdammt, gleich auf den Kathetertisch, dann leg ich mich halt fest!”, brüllte ich schon fast ins Telefon, während ich verzweifelt versuchte, die Infusion wieder zum Laufen zu kriegen.
“Dann brauchen Sie ja auch keinen Schockraum. Ich melde Sie auf der Intensivstation an.”
Sprach’s und legte auf. Uns blieb es nur noch, irritiert den Hörer anzustarren.
“Ich glaube, der hat gerade unseren Schockraum umgeleitet.”, sagte ich verblüfft zum Rettungsassistenten. Der zuckte nur mit den Schultern. “Aber gut, dass Ihr mal drüber geredet habt.”

Share Button

Sonntagsfahrer

Mühsam kommen wir an einem schönen Sonntagnachmittag im Stadtverkehr vorwärts. Das Meldebild drückt schon mal die Stimmung. Nachforderung wegen irgendwas mit Herz. Der Kunde sitzt schon im RTW, die nächste Uniklinik ist gerade fünf Minuten weit weg –  zu Fuß.
“Guten Tach, was los?”, murmele ich begeistert zur Begrüßung, als ich in das Auto steige.
“Jaaa… also der Herr Meyer, der fühlt sich nicht gut.”
“Okay.”
“Dem ist seit Tagen schon so schwindelig. Manchmal.”
Ich warte noch immer auf die Pointe. Ich sehe meinen Kollegen von der Feuerwehr hinter mir nervös auf und ab trippeln.
“Da im EKG. Er hat Vorhofflimmern Das ist neu.” Man reicht mir den Ausdruck.
“Stimmt.”, sage ich. “Und nun?”
“Er hat auch so Schmerzen im Nacken und so.”
“Schon seit drei Tagen, zieht vom Nacken bis in die Fingerspitzen. Ich war schon beim Orthopäden deshalb, der sagt, ich hätte einen Bandscheibenvorfall. Er hat mir Medikamente gegeben und jetzt ist’s schon fast weg!”, wirft der Patient ein.
Ich runzle die Stirn und sehe das Rettungsfachpersonal fragend an.
“Das erzählt er jetzt zum ersten Mal!”, entgegnet man mir mit einer Handbewegung, die das Ganze wohl noch unterstreichen soll.
“Was genau wollt Ihr denn jetzt von mir?”, frage ich zur Sicherheit noch einmal nach.
“Ja… also. Ich… wir dachten…”
“Die Uniklinik ist direkt um die Ecke. Der Patient hat die Beschwerden mutmaßlich schon seit Tagen und ist dabei völlig stabil. Was genau soll ich denn jetzt Eurer Meinung nach tun?”
In den Gesichtern stehen große Fragezeichen. Ich verabschiede mich per Handschlag vom Patienten und steige grußlos wieder ins NEF um.
“Sonntagsfahrer.”, sagt mein Freund von der Feuerwehr.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Share Button

Hm… schwierig!

Der Einsatz lautete auf Schädel-Hirn-Trauma irgendwo im Wald. Wir fuhren hin und fanden eine einigermaßen skurrile Situation vor. Die Radfahrerin war ohne Helm mit dem Kopf über die Lenkstange vom Rad abgestiegen und lag bei unserer Ankunft im RTW. Das ganze war in einem hochfrequentierten Freizeitgebiet passiert, so dass Hilfe schnell vor Ort vor war. Ich stieg in den RTW und merkte sogleich, dass die Stimmung nicht gut war. Die RTW-Besatzung guckte etwas unglücklich und mittendrin hüpfte ein Mensch in zivil fröhlich umher und gab Anweisungen. Die Patientin selbst hatte eine blutende Platzwunde, war jedoch wach und einigermaßen ansprechbar.
“Ach, gut dass sie kommen!”, rief mir der Mensch in zivil zu. “Ich bin auch Notarzt am Krankenhaus GottesGeschenkAnDieNotfallmedizin und gerade zufällig hier vorbeigekommen. Die Patientin hatte einen Unfall mit dem Rad, sie war wohl kurzzeitig bewusstlos und hat dann auch gekrampft. Ich habe schon mal Midazolam gespritzt.”
“Hat nicht gekrampft.”, murmelte der Rettungsassistent in seinen nicht-vorhandenen Bart. “Ich schlage vor, sie legen jetzt noch einen zweiten Zugang und fahren dann in den Schockraum im Krankenhaus GottesGeschenkAnDieNotfallmedizin, wo ich sie schon angemeldet habe.”
Sprach’s und verschwand aus dem Wagen.
Die Kollegen vom RTW waren völlig ungehalten. “Was soll das?”, fauchte mich Ernie an, den ich schon gut von anderen Einsätzen kannte. Der Typ führt sich auf, meldet die Patientin einfach im Schockraum an, ich kenne den gar nicht! Und gekrampft hat die Frau auch nicht! Die hat ein bisschen mit den Armen gerudert, als wir sie in den RTW getragen haben, sonst nichts!”
Ich untersuchte die Patientin. Sie war ein wenig benommen, aber für einen Krampfanfall fand ich auch keine Anhalte.”
“Das mit der zweiten Nadel lassen wir, aber wir fahren sie über den Schockraum im Krankenhaus GottesGeschenkAnDieNotfallmedizin, denn da ist sie ja jetzt schon mal angemeldet.”, entschied ich, um die Diskussion zu beenden.
“Muss das sein?”, fragte Ernie. “Wir hätten die Patientin einfach normal chirurgisch ohne Notarzt gefahren,wenn der Typ nicht dahergekommen wäre.” Ernie war jetzt maximal bockig.

Schwierig. Ich konnte Ernie ja verstehen. Da springt ihm so ein dahergelaufener Notarzt aufs Auto. Ernie wollte ja nicht unhöflich sein und sich erstmal den Arztausweis zeigen lassen, aber er war mit der Therapie des Notarztes nicht einverstanden. Er wusste nicht, ob er sich wehren kann und darf und auch ich war mehr als irritiert von dieser Situation, denn der Kollege hatte ja nicht nur Hilfe angeboten, sondern war aktiv in die Versorgung eingestiegen (Nadel legen, Medikament spritzen, Schockraum anmelden). Ich fand das auch nicht so prickelnd, denn ich war nun zwischen Baum und Borke gefangen. Einerseits fand ich die Einschätzung des Kollegen auch falsch (Krampfanfall, schweres SHT), andererseits fand ich auch, dass Ernie die Patientin nicht richtig einschätzte (fahren wir ohne Notarzt). In der Diskussion hinterher war ich jedoch ratlos. Hätte Ernie den ersten Notarzt vom Auto werfen dürfen, wenn er ihn nicht als Notarzt erkennt? Da könnte ja schließlich jeder kommen. Oder hat der erste Notarzt an der Unfallstelle nun mal, wie im Rettungswesen üblich, automatisch die Leitung (und war damit auch mir gegenüber weisungsbefugt?).

Ich fand es sehr schwierig und habe da noch lange drüber nachgedacht, ohne zu einer befriedigenden Antwort zu kommen. Habt Ihr so was schon mal erlebt?

Share Button

Das neurologische Nadelkissen

Es begann sich zu einer Zeit, da Dr. Anna noch kleine Assistenzärztin in der Neurologie war und auch nach mehreren Versuchen dem Patienten auf der Stroke Unit partout keine Nadel legen konnte. Es war Sonntag, es war später Abend und Dr. Anna war schier verzweifelt. In dieser Verzweiflung rief sie einen edlen Retter, der aus dem Reich der Anästhesie kam und der sagte: “Kein Problem! Hier lege ich eine grüne Nadel und da drüben eine graue, dann kann auch nichts schiefgehen.” Sprach’s, stach’s, verschwand und war daraufhin nicht mehr gesehen.
Die Aktion hat daraufhin im OP wahrscheinlich für ein paar Lacher gesorgt, aber mir konnte es egal sein, der Kunde war versorgt.

Einige Jahre später. Es ist ein Sonntag, es ist später Abend und das Telefon von Dr. Anna klingelt. Ein wahrscheinlich noch sehr kleiner Neurologe ist am Telefon und sagt: “Ähm… das ist mir jetzt unglaublich peinlich, aber ich habe gerade bei einem Patienten auf der Stroke Unit eine Nadel zu legen versucht und es geht einfach nicht. Dabei habe ich schon vierzehn Mal gestochen!” Ich fand, das könne man ruhig als “ausgiebig versucht” bezeichnen und fühlte mich deshalb bemüßigt, mir das Nadelkissen einmal anzusehen, zumal ich eh grad nichts zu tun hatte und mir die Story ja auch irgendwie bekannt vorkam. Außerdem lege ich lieber schnell eine Nadel als schnell einen ZVK, zumindest um diese Uhrzeit.
Ich fand das Akupunkturopfer auf der Stroke Unit vor. Der Kunde war tatsächlich “not amused”, hatte aber auch wirklich keine Venen. Ich nahm die – zugegebenermaßen rosa – Nadel, stach beherzt dort hin, wo ich mir noch die besten Chancen ausrechnete und ging dann fröhlich pfeifend meines Weges.

Geschichte wiederholt sich eben…

Share Button

Ach, Alfred!

Die Szene wirkte ein wenig wie aus einer besseren Komödie. Herr Meier war gerade von den Freunden der Feuerwehr aus einem Fahrstuhl befreit worden, in dem er und sein Hund Alfred zwei Stunden lang ausgeharrt hatten. Herr Meier und Alfred hatten eine Freundin für ein amouröses Abenteuer besucht (ich hoffte inständig, Alfred möge Augen und Ohren verschlossen auf dem Balkon ausgeharrt haben) und war auf dem Weg in sein trautes Heim gewesen, als der Fahrstuhl streikte. Herr Meier hatte ordentlich einen im Tee (Alfred, ein beigefarbener Pekinese, meiner Einschätzung nach nicht) und musste nun um drei Uhr am Morgen noch die letzten Stufen des Altbaus hinuntersteigen. Vor den Augen der Kollegen der Feuerwehr stolperte Herr Meier und purzelte die Treppe hinunter, nur um mit dem Kopf auf dem Marmorboden aufzuschlagen – was wiederum uns auf den Plan rief. Sieben gestandene Herren der Feuerwehr standen etwas bedröppelt um Herrn Meier, der eine ordentliche Platzwunde am Kopf hatte, ansonsten aber schon wieder ganz fidel zu sein schien.

Ich untersuchte ihn kurz, konnte aber nichts Schlimmeres an ihm finden. Trotzdem wollte ich, dass er in die Klinik fährt, denn die Kopfplatzwunde musste versorgt werden, außerdem sollte durch ein CCT ein subdurales Hämatom ausgeschlossen werden. Hier begann das Drama – was sollte mit Alfred geschehen? Meine Antwort, der Hund sei jetzt sekundär, kam bei dem Hundefreund nicht sonderlich gut an (“Wie können Sie behaupten, Alfred sei SEKUNDÄR?”). Herr Meier bot folgende Optionen an:

  • Er kommt gar nicht mit ins Krankenhaus
  • Alfred kommt auch mit ins Krankenhaus
  • Er bringt Alfred nach Hause (füttert, badet und pflegt ihn) und kommt dann mit in die Klinik

Alle Optionen sind aus offensichtlichen Gründen für Angehörige des Rettungswesens inakzeptabel.
Ich bot daher folgende Optionen an:

  • Alfred wird an einen Laternenpfahl gebunden und wartet (ok, Scherz!)
  • Alfred stattet einen erneuten Besuch im Liebesnest ab
  • Alfred solle allein nach Hause laufen (auch Scherz, aber um 3 Uhr nachts erschien mir der Gedanke gar nicht so abwegig)

Aus irgendwelchen Gründen wollte Herr Meier Alfred aber nicht an seine Bekanntschaft zurückgeben und so ging die Diskussion unweigerlich eine Weile hin und her. Leider war der Kunde so alkoholisiert, dass ich ihn nicht mal “auf eigene Verantwortung” gehen lassen konnte, was ich sonst völlig hemmungslos gemacht hätte.

Die Situation klärte sich dann so, dass zufällig ein Nachbar des Weges kam (Herr Meier lebte tatsächlich nur ein paar Straßen weiter), der Alfred dann zu treuen Händen nehmen durfte. Ich brauche sicherlich nicht zu erwähnen, dass ich diesen Kliniktransport nicht begleitete.

Jetzt würde ich gerne von Euch wissen: wie regelt Ihr das mit Tieren im Rettungsdienst?

Share Button

Der Busfahrer und ich

Ich habe mich wundern müssen – zumindest ein wenig. Ich habe diesen Artikel bei SPON gelesen, in dem es um die schrecklichen Arbeitsbedingungen für Fernbusfahrer geht, die manchmal sogar Ihren Fahrtenschreiber manipulieren, damit nicht auffällt, dass Sie mehr als neun Stunden am Stück gearbeitet haben. Das sei ja schließlich gefährlich, der Busfahrer hat ja eine so große Verantwortung! Versteht mich nicht falsch, der Fernbusfahrer hat eine große Verantwortung und ich möchte auch nicht von einem übermüdeten Fernbusfahrer über die Autobahn kutschiert werden. Trotzdem ging mir dieser Artikel in meinem letzten Dienst nicht aus den Kopf…

Der Tag begann um 7.45 Uhr in einem Operationssaal mit der üblichen Kundschaft. Nach 8 Stunden und 30 Minuten Arbeit begann mein Bereitschaftsdienst und es änderte sich erstmal nichts. Ich blieb in meinem Saal sitzen, denn der Eingriff dauerte eh länger. Gleichzeitig klingelte dauernd mein Telefon und die armen Kollegen, die nach Hause gehen wollten, aber noch immer in ihrem Saal gefangen waren, forderten Ablöse. Ich verbrachte die nächste Stunde mit (ver)trösten und rumtelefonieren, während ich nebenbei noch die Chirurgen unterhielt und den Patienten schlafend ließ. Gegen 17.30 Uhr war ich mit meinem Patienten fertig, alle Kollegen, die nach Hause durften, waren gegangen und all diejenigen, die das Haus noch nicht verlassen hatten, waren verräumt und arbeiteten die Notfälle und das Restprogramm ab. Ich gönnte mir ein schnelles Joghurt, bis um 17.45h die nächste Fachdisziplin einen Notfall hatte, der aufgeklärt werden musste und dann in den OP gehen sollte. Das Spiel ging also weiter. Bis 21 Uhr gab es immer mal wieder eine Ablöse, weil noch zusätzliche Kräfte im Haus waren. Ab 21 Uhr waren wir zwei Diensthabenden allein und standen parallel in je einem Saal mit Notfällen. Ich war nun seit 13 Stunden im Haus und hatte davon etwa eine Stunde Pause. Den Rest der Zeit habe ich gearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich erstmalig an den armen Fernbusfahrer.

Die Chirurgen hatten auch keinen guten Tag erwischt. Um 21 Uhr zeichnete sich schon ab, dass man noch zwei weitere Fälle nicht aufschieben können würde. Der erste von drei Fällen endete um 1 Uhr. Ich war müde, ich war kaputt und gab die Kundschaft eher unwirsch auf der Intensivstation ab. Der nächste Fall lag schon sorgenvoll dreinblickend und mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Einleitung. Es war 1.15 Uhr als der nächste Kunde geschnorchelt wurde. Ich dachte wieder an den Busfahrer. Ich arbeitete jetzt seit 17 Stunden. Es hat mich noch keiner gefragt, ob ich vielleicht müde sei oder ob das nicht eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit ist, die ich jetzt nach 17 Stunden noch ausführe. Ich fahre das Mindestprogramm für den Patienten, das Ziel heißt “schmerzfrei überleben”, alles, was nicht unbedingt gemacht werden muss, wälze ich auf den Kollegen auf der Intensivstation ab, wo ich den Patienten gegen 2.30 Uhr abgebe – um mich sofort dem nächsten Fall zuzuwenden… Mittlerweile hatte ich über 18 Stunden Narkose gemacht. Ich fragte mich, was wohl der Busfahrer dazu sagen würde. Um 4 Uhr schließlich ging ich endlich ins Bett – nach 20 Stunden mehr oder weniger durchgehendem Dienst am Kunden.

Das nennt sich Bereitschaftsdienst und ist absolut legale Praxis in allen deutschen Krankenhäusern. Das funktioniert, weil das nach acht Stunden ja keine “Arbeitszeit” mehr ist, sondern sich “Bereitschaft” nennt. Hätte ja auch Glück haben können und schlafen. Hatte ich aber nicht. Der Chirurg übrigens auch nicht und der hatte nach 20 Stunden immer noch ein scharfes Messer in der Hand. Das sage ich jetzt ja nur mal so nebenbei, aber vielleicht versteht jetzt der eine oder andere, warum mir ein Bericht in dem sich der Autor über den Fernbusfahrer echauffiert, der länger als neun Stunden im Bus fährt, nur noch ein müdes Lächeln abringt…

Share Button

Der Anwalt des Patienten

Der junge Mann muss sich einem kleineren urologischen Eingriff an – nun ja, privater Stelle unterziehen. Das Aufklärungsgespräch findet erst direkt vor dem Eingriff statt.
“Haben Sie noch Fragen?”, beende ich mein übliches Sprüchlein zu den Risiken und Nebenwirkungen einer Vollnarkose. Der junge Mann sieht mich etwas verlegen an, räuspert sich und guckt wieder wie ein Pudel nach Wolkenguss.
“Ja?”, frage ich mit meiner möglichst emphatischen Stimme.
“Äh… ich schlafe ja während des Eingriffs und bekomme nichts mit, oder?”
“Selbstverständlich, das gehört bei uns zum Service!”, strahle ich ihn mit meinem besten Stewardessen-Lächeln an, froh, sein Problem so einfach lösen zu können.
“Also… dann… ja… dann könnten Sie mir einen Gefallen tun, ja?”
“Äh. Sicher. Worum geht’s?”
“Achten Sie darauf, dass die nicht das Falsche abschneiden!”, platzt es aus ihm heraus, während sein Gesicht die Farbe einer überreifen Tomate annimmt.
Ich grinse breit.
“Ich werde mein Bestes geben!”, verspreche ich und tätschle ihm verständnisvoll die Schulter.

Deshalb nennt man uns Anästhesisten ja auch “Anwalt des Patienten”.

Share Button

Einer geht noch…

Diese Geschichte erzähle ich nicht zum ersten Mal, aber sie tritt auch irgendwie öfter als nur einmal auf. Weil es so schön ist, hier noch ein er aus der Kategorie “das müssen Sie doch nicht wissen, Sie sind doch nur der dusslige Anästhesist”.

Im Prädmedikationsgespräch, Dr. Anna gibt sich die Ehre.
“Herr Mayer, haben Sie irgendwelche Vorerkrankungen?”
“Ja. Ich hatte einen Tumor der Bauchspeicheldrüse. Der ist letztes Jahr operiert worden.”
“Okay. Weitere Erkrankungen?” Ich blicke auf den Anamnesebogen, da steht was von Bauchspeicheldrüse und sonst nichts, nada, niente, was mir schon komisch vorkommt.
“Nein, sonst bin ich gesund. Also, Leistenbruch hatte ich noch. Ist aber schon vorbei.”
“Narkosen immer gut vertragen?”
“Ja, da war nichts.”
“Medikamente?”
“Nö.”
Ich blättere einem mit den Jahren geschärften Instinkt folgend in der Akte – da finde ich ihn, einen alten Arztbrief vom letzten Jahr. Ich lese und es steht mir der Schweiß auf der Stirn.
“Herr Mayer…”
“Ja?”
“Hier steht, sie hatten eine Chemo…”
“Ja.”
“Erschien Ihnen das nicht erwähnenswert?”
Schulterzucken. “Ist doch schon vorbei.”
“Und Herr Mayer…”
“Ja?”
“Hier steht, dass sie während der letzten OP Torsaden entwickelt haben, ins Kammerflimmern gerutscht sind und reanimiert werden mussten.”
“Ach ja. Richtig.”
“Und sie denken nicht, dass ich das wissen sollte? So als Anästhesisten? Dass sie gelegentlich mal reanimiert werden, wenn sie auf dem OP-Tisch liegen?”
Schulterzucken. “Ist doch schon…”
“Nein, sagen Sie es nicht!”, unterbreche ich ihn.

Mehr ertrage ich nicht.

 

Share Button

Si tacuisses… oder “Ich bin nicht süß!”

Ein Notarzteinsatz der üblichen Sorte (irgendwas mit Herz) in der üblichen Altbauwohnung (mindestens sieben Zimmer) um die übliche Uhrzeit (irgendwann am sehr späten Abend) an einem üblichen Tag (Wochenende) bei den üblichen Kunden (Mitte siebzig, sehr privat, nur mäßig krank). Nachdem ich dem Herren erklärt hatte, dass er jetzt bitte mal aus seinem Himmelbett steigen und sich in unseren bequemen Rettungwagen setzen solle, wollte dieser natürlich noch die Örtlichkeiten aufsuchen. Da er nicht selbst die heiligen Hallen aufsuchen konnte, reichte man ihm eine Flasche.
Bin ja gut erzogen, also drehte ich mich diskret weg und vergrub mich in der Dokumentation. Die Ehefrau des Kunden (teurer Bademantel, lange, graue, auf Lockenwickler gedrehte Haare und trotz der fortgeschrittenen Stunde noch perfektes Make-up) bemerkte das und kommentierte es mit einem verzückten Ausdruck auf dem Gesicht: “Ach, sind Sie SÜßßßß!”

Junge Frau, ich bin viel. Ich bin auch schon viel genannt worden. Sicherlich auch schon mal “süß”. Aber man hat mich das noch NIE auf der Arbeit genannt und das hat auch einen Grund. Ich komme als Notärztin in ihr Haus und kümmere mich um ihren nicht sonderlich kranken aber dennoch behandlungsbedürftigen Gatten. Sie können mich kompetent, inkompetent, freundlich, unhöflich, geschickt, gradlinig, unsicher oder unglaublich intelligent finden. Meinetwegen auch süß. Aber ganz im Ernst, dann behalten Sie es doch bitte für sich. Ich fand ihren Bademantel unmodisch, ihre Frisur daneben und ihren Auftritt gänzlich inakzeptabel, aber auch das habe ich für mich behalten. Aus Gründen!

Das musste jetzt einfach mal gesagt werden.

Share Button

Das Beste kommt zum Schluss!

Ich lass die folgende Geschichte mal unkommentiert – oder besser, ich kommentiere sie mit einem Comic der Freunde von Rippenspreizer.

10154322_10152696618970968_1616853552186934654_n

 

Es begab sich kurz vor Ende der Spätschicht, als plötzlich der hausinterne Reanimationsalarm losging. Auf der befreundeten internistischen Station bot sich mir und Luisa, der zuverlässigen Anästhesiepflegekraft, ein Bild des Grauens. Drei Pflegekräfte standen kopfschüttelnd um einen Mann Ende sechzig, der japsend und tiefblau in seinem Bett lag.
“Guten Abend, das Rea-Team, wie können wir helfen?”, fragte ich, obwohl die Frage ja eigentlich überflüssig war, denn sie hatten uns bestimmt nicht zum Staubsaugen auf die Station bestellt.
“Ja, irgendwie geht es dem Herrn Mayer nicht so gut…”
No shit, Sherlock.
Ich betrachtete den Sättigungsclip, den man notdürftig am kleinen Finger des Patienten angebracht hatte. Er zeigte eine Zahl, die zumindest noch zweistellig war. Freundlicherweise hatte man dem Herren auch eine Nasenbrille aufgesetzt, was angesichts der katastrophalen Sauerstoffversorgung jetzt auch nicht so der Bringer war.
“Maske, Sauerstoff, pronto.” Mit etwas Mühe konnten wir die Sauerstoffsättigung auf etwa 60% anheben.
“Was könnt Ihr mir über den Patienten sagen?”, fragte ich so in die Runde. Da wir uns auf einer onkologischen Station befanden, hatte ich die Befürchtung, dass der Patient mindestens präfinal war und die ganze Aktion daher mehr als unnötig für alle Beteiligten.
“Also, der Herr Mayer… der hat einen Lungentumor. Er wollte eigentlich noch eine Chemo haben, aber eigentlich ist er komplett durchmetastasiert und… naja…”
“Super. Gibt’s hier auch nen zuständigen Kollegen?”
“Ja, der telefoniert gerade.”
“Der – was?” Luisa und ich sahen uns überrascht an. Der Kunde kriegt kaum Luft und Dr. Dolittle telefoniert?
“Kollege – jetzt – SOFORT!”, japste ich mit ähnlich viel Luft wie der Kunde unter mir.

Eine Schwester rannte schnell aus dem Zimmer und kam umgehend mit Dr. Dolittle im Schlepptau wieder zurück.
“Ach ja…”, sagte dieser zur Begrüßung. “Der arme Herr Mayer…”
Mittlerweile hatte Herr Mayer ordentlich Morphin intus, damit er das Elend nicht noch live miterleben musste. Man ist ja schließlich noch ein Mindestmaß emphatisch.
“Hat der arme Herr Mayer eine Patientenverfügung?”, fragte ich ungeduldig.
“Nein, das macht die Dinge ja kompliziert… Also, ich habe gerade mit meinem Hintergrund telefoniert…”
“Herr Kollege, was wünschen Sie sich denn von mir? Tubus rein und Intensivtherapie oder Maske runter? Herr Mayer hat nicht ewig Zeit!”, unterbrach ich ihn rüde.
“Nun, mein Hintergrund konnte sich auch nicht entscheiden… Eigentlich wäre es ja besser, aufzuhören, aber andererseits… Herr Mayer wollte noch eine Chemo, trotz der ausweglosen Situation… und wir wissen ja auch nicht, was jetzt das Problem… also, eigentlich doch eher aufhören… aber die Angehörigen… ach, warten Sie, ich rufe mal schnell die Tochter an!”
Sprach’s und verließ den Raum.
“Der geht jetzt nicht raus um mit den Angehörigen zu telefonieren, oder?”, fragte ich Luisa ungläubig. Herr Müller war mittlerweile so ausgiebig hypoxisch, dass es wahrscheinlich eh schon Latte war. Nach etwa fünf Minuten kam Dr.Dolittle wieder.
“Also… die Tochter wusste jetzt auch nicht… sie ruft noch mal die Mutter, also die Ehefrau von Herrn Mayer, an und dann ruft sie…”
“Herr Kollege!” Meine Stimme überschlug sich. “Tubus rein oder Maske runter?! In letzterem Fall ist der Patient sofort tot. Ich sag’s ja nur. Sie müssen sich jetzt entscheiden!”
“Also… wir sollten wahrscheinlich aufhören… denke ich. Vielleicht. Andererseits…”
“So, 8er Tubus, bitte.” Mir reichte es jetzt endgültig.

Es folgte noch eine bizarre Diskussion darüber, wo der beatmete Patient denn jetzt hingehen sollte, die suggerierte, der Kollege dachte, ich hätte unbegrenzt Zeit und nichts Besseres zu tun, als Patienten mit Schnorchel zu bewachen, aber den Part erspare ich Euch jetzt.

Share Button