Feb
21
Ich oute mich. Ich komme ursprünglich aus eher nördlichen Gefilden der Bundesrepublik. Die habe ich vor Jahren mal verlassen. Jetzt lebe ich in einer Region, in der die Menschen tatsächlich Fasching/ Karneval feiern. Ich kann damit nichts anfangen. Heute machen die Läden um 14 Uhr zu. Wieso? Ich wollte einkaufen gehen! Beim Bäcker heute dröhnte mir alberne Musik entgegen und das Personal trug eine noch albernere Kostümierung. Das letzt Mal, als ich ein Kostüm getragen habe, war ich fünf und ging in den Kindergarten. Man muss wohl damit aufwachsen, um das erträglich zu finden.
Habe mich gerade ausführlich bei meinem Vater darüber beschwert. Er hatte Verständnis.
Feb
17
Ich hielt die Karte so in die Luft, dass Willi sie sehen konnte, Prof. Deutschmann aber nicht.
“ASA II, 5 F’s, PONV!!! lap OP, abdomineller Druck, ggf. respiratorische Kompl.”
stand auf meiner Karte zu lesen. Dann schrieb ich noch ein “Ich verabscheue dich, du Idiot.” darunter. Willi grinste nur blöd und ratterte brav die von mir erwähnten Punkte herunter. Er schaffte es sogar, das alles in einen einigermaßen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Prof. Deutschmann nickte erfreut. “Sehr gut, sehr gut.”, sagte er. Ich verabscheute nun auch ihn. “Dann erzählen sie doch mal was zur medikamentösen PONV-Prophylaxe.”, forderte er Willi auf. Dieser guckte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Wahrscheinlich wusste er noch nicht mal, dass es sich bei PONV um postoperative Übelkeit und Erbrechen handelte. Abermals sah ich mich genötigt, etwas auf meine Karte zu schreiben.
“4 mg Dexamethason vorab, kurz vor Ende Ondansetron 4 mg und MCP 10 mg, ggf. TIVA, du minderbemittelter Volltrottel.”
Willi las das Geschriebene brav vor, allerdings ohne den letzten Zusatz. Das hätte ich auch zu schön gefunden, wenn ihm das rausgerutscht wäre, aber den Gefallen tat er mir nicht. Mir war schon klar, dass die Antwort weit über das geforderte Maß eines Staatsexamens hinausging, entsprechend begeistert war Prof. Deutschmann auch von Willis Antwort.
“Ausgezeichnet, Herr Willi, sehr differenziert. Dann wollen wir mal…” Er sah sich suchend um. Dann fand er mich, die ich gerade noch hektisch die Karteikarte wieder einstecken konnte.
“Schwester Anna…? Wollen Sie uns vielleicht mal mit dem Dexamethason aushelfen?”, fragte er ungeduldig. Ach ja, ich hatte irgendwie vergessen, dass das jetzt ja mein Job war. Hektisch suchte ich das gewünschte Medikament und injizierte es der Patientin. Prof. Deutschmann sah etwas unbegeistert aus.
“Nun, Herr Willi, dann sagen Sie uns doch bitte, mit welchen Medikamenten und in welcher Dosierung sie hier die Narkose beginnen würden. Willi sah mich abermals erschrocken an. Stirnrunzelnd griff ich nach meinen Karteikarten und schrieb ihm die Dosierung für Fentanyl, Propofol und Atracurium in Relation zum Körpergewicht auf. Willi trug diese erleichtert vor. Herr Prof. Deutschmann nickte zufrieden. Dann drehte er sich wieder zu mir.
“Anna…”, bemerkte er tadelnd. Mist, schon wieder hatte ich vergessen, dass ich hier auch noch was zu tun hatte. Ich injizierte brav die gewünschten Medikamente, ohne das Muskelrelaxanz, wie es Willi vorher, oh Wunder, richtig dargelegt hatte. Willi versuchte sich an der Maskenbeatmung. Zu meiner Überraschung klappte das sogar, auch wenn er viel zu viel Druck applizierte, was Prof. Deutschmann allerdings nicht zu merken schien. Dabei ließ er Willi etwas zur Präoxygenierung erzählen, was ich schnell durch eine Karte mit:
“Stickstoff auswaschen, funktionelle Residualkapazität, du minderbemittelte Kreatur!”
in die richtigen Bahnen zu lenken wusste. Dabei musste ich mich erneut von Prof. Deutschmann kritisieren lassen, weil ich vergessen hatte, jetzt das Muskelrelaxanz zu spritzen.
“Jetzt könne Sie den bislang ausgezeichneten Eindruck noch damit küren, Herr Willi, dass sie die Patientin erfolgreich intubieren!” Prof. Deutschmann lächelte Willi aufmunternd zu. Mir wurde schlecht. Willi konnte nicht mal intubieren, wenn man ihm auf dem Weg zu den Stimmbändern Leuchtsignale aufstellen würde. Fast hätte ich meinen Einsatz verpasst, aber dann reichte ich Willi gerade noch rechtzeitig das Laryngoskop. Er machte sich irgendwie am Mund der Patientin zu schaffen, mit wurde schon übel, als ich sah, wie er an der oberen Zahnreihe herumhebelte. Hier würde ich ihm wohl nicht helfen können – oder doch? In diesem Moment ging die Tür auf und eine junge Schwester betrat aufgeregt den Raum. “Herr Professor Deutschmann, kommen Sie schnell, nebenan gibt es ein Problem!” rief sie ganz außer Atem. Der Professor zögerte, dann gab er jedoch nach. “Bin sofort wieder da!”, rief er und rannte hinaus.
“Aus dem Weg.”, herrschte ich den noch immer wild herumfuchtelnden Willi an und riss ihm unsanft das Laryngoskop aus der Hand, bevor die arme Patientin keine Zähne mehr hatte. Mit einer schnellen Bewegung war die Patientin intubiert.
“Ich hätte das auch gekonnt!”, sagte Willi beleidigt.
“Willi, du kannst gar nichts. Jetzt konnektierst du das mal alles schön und klebst den Tubus da fest, ich stelle das Beatmungsgerät ein, und wenn der Deutschmann wiederkommt, dann erzählst du ihm was von lungenprotektiver Beatmung, Vermeidung von Atelektasen durch PEEP und FiO2-Reduktion und lächelst nett, kapiert?” Willi nickte. Wir waren gerade so mit allem fertig, als Prof. Deutschmann wieder zu Tür herein kam.
“Entschuldigen Sie bitte… nebenan an gab es ein Problem mit dem Atemweg… Ich sehe aber, sie hatten hier keine Probleme. Ausgezeichnet, Herr Willi, das war sicher nicht einfach! Und ich sehe, sie haben bereits das Beatmungsgerät eingestellt, sehr gut, sie haben sich da ja einige Gedanken gemacht, erzählen Sie doch mal!” Dann fiel sein Blick auf die Tubusfixierung. “Aber Anna…” er schüttelte den Kopf. Wie sieht DAS denn aus? Das machen Sie nachher bitte nochmal neu!”
Ich kochte innerlich, während Willi etwas von lungenprotektiver Beatmung, Vermeidung von Atelektasen durch PEEP und FiO2-Reduktion erzählte. Der Professor nickte begeistert. Als Willi geendet hatte, klatschte er in seine Hände. “Ausgezeichnet, Herr Willi, wirklich. Ihre Leistung hier ist wirklich überzeugend! Selten habe ich einen Studenten auf so einem hohen Niveau Fragen beantworten sehen! Ich denke, wir können das dann hier beenden, Sie haben sich eine glatte Eins verdient.” Willi nickte stolz. Ich hätte mich fast übergeben. “Und das bei diesen widrigen Umständen…”, raunte er ihm mit einem Seitenblick auf mich zu. “Sie müssen entschuldigen… diese Schwester… naja… sie hat noch viel zu lernen.”
Willi lachte laut und schlug mir gönnerhaft auf die Schulter. “Ich kann ja mal versuchen, ihr ein bisschen was beizubringen, Herr Professor!”, wieherte er. Ich kollabierte fast vor unterdrücktem Ärger und trat Willi zumindest kräftig gegen das Schienbein, was dieser noch nicht mal zu bemerken schien.
So endete Willis Prüfung für alle Beteiligten außer mich zufriedenstellend. Glücklicherweise hat er sein Examen trotzdem nicht bestanden. Seine anderen mündlichen Prüfungen hat er allesamt vergeigt ;-D, weshalb man ihm nahelegte, einen Teil des PJs nochmals zu wiederholen. Er entschied sich natürlich, dies in der Anästhesie zu tun. Bei uns. Und so wird er wiederkommen, gleich nächsten Monat fängt er wieder als PJler bei uns an…
Nochmals zum allgemeinen Verständnis: diese Geschichte ist – wie alle anderen auch – reine Fiktion.
Feb
8
Der Tag der Prüfung war gekommen. Ich hatte alles vorbereitet und war eigentlich davon überzeugt, dass es mich mindestens meine Approbation kosten würde, was ich hier vorhatte. Die Prüfung war für 14 Uhr angesetzt und pünktlich um 13.45 Uhr schob mein Bekannter Frederick mich grinsend in die Einleitung von Saal 10 des ortsansässigen Uniklinikums. Dies war Fredericks Saal und zufällig auch der Saal der für Willi angesetzten Examensprüfung.
“Herr Professor Deutschmann, darf ich Ihnen Anna vorstellen, sie ist eine unserer neuen Anästhesieschwestern und fängt heute hier an. Ich fing leicht an zu hyperventilieren, ich als Anästhesie-Pflegekraft, ob das mal gut ging? Ich konnte ja noch nicht mal den Tubus vernünftig fixieren. Aber der Job gab mir Zugriff auf Willi und seine Prüfung, und anders wäre das nicht machbar gewesen. Willi lächelte selbstsicher. Natürlich war er eingeweiht. Oh, welch Demütigung. Am liebsten hätte ich ihm hier und jetzt sein blödes Grinsen aus dem Gesicht geprügelt. Er hatte mir vorher noch breit erklärt, er habe sich auch gar nicht auf die Anästhesie-Prüfung vorbereitet, schließlich habe ihm sein Onkel erklärt, dass das Gelingen in meiner Verantwortung läge. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte, bei Willi ist eh Hopfen und Malz verloren.
“Ah ja.”, sagte Professor Deutschmann. “Willkommen. Wir haben jetzt Prüfung, aber das macht ja nichts.” Damit wandte er sich wieder von mir ab. Frederick klopfte mir auf die Schulter. “Ich geh dann mal.”, sprach er und verschwand in seinem Saal, in dem noch ein Patient lag. Vor mir in der Einleitung lag bereits der nächste Patient. Die Frau kam zur Cholezystektomie, also eine ideale Prüfungspatientin. Ein Blick auf die Unterlagen sagte mir, dass sie 40 Jahre alt und als ASA II klassifiziert war, wahrscheinlich aufgrund ihres moderaten Übergewichts und der Tatsache, dass sie rauchte. Insgesamt waren jedoch keine Komplikation zu erwarten, obwohl ich mit Blick auf die Körperform der Dame erahnen konnte, dass die Intubation für einen Ungeübten schwierig werden könnte. Dankenswerterweise waren die Medikamente für die Einleitung bereits aufgezogen und alles gerichtet, so dass ich mich nicht um diese Dinge kümmern musste. Auch war die Patientin bereits an den Monitor angeschlossen und hatte einen peripheren Zugang. Frederick hatte die eigentlich zuständige Schwester instruiert, mir das Leben so leicht wie möglich zu machen.
Professor Deutschmann sah auf seine Uhr. “Nun, Herr Willi, dann wollen mir mal loslegen. Erzählen Sie mir doch kurz etwas über die Patientin und über die anstehende OP. Wie ist sie klassifiziert, was wird gemacht und welche Komplikationen erwarten Sie?”
Die Patientin sah Willi an. Professor Deutschmann sah Willi an und Willig sah mich an. Ich warf die Augen gen Himmel. Ich griff vorsichtig in die Tasche meines Oberteils und holte eine Karteikarte heraus. Darauf schrieb ich ein paar Stichpunkte…
Wie geht es weiter? Wird Willi die Prüfung bestehen? Kann ich ihm überhaupt helfen? Das alles erfahrt Ihr im nächsten Teil…
Feb
2
“Ach, da sind Sie ja…”, rief der Gashahn verzückt aus, als er meiner im Aufenthaltsraum gewahr wurde, als ich gerade in mein Käsebrötchen beißen wollte. Selbiges blieb mir sofort im Halse stecken, denn der säuselnde Tonfall des Herrn Oberarztes verhieß nichts Gutes. Er setzte sich auch sogleich neben mich und schlug einen verschwörerischen Tonfall an. “Ich hätte da eine Spezialaufgabe für Sie…”
“Nein, danke.”, sagte ich und konzentrierte mich wieder auf mein Käsebrötchen, was plötzlich eine gummiartige Konsistenz bekommen hatte.
“Doch, doch. Sie kennen doch den Willi…”
“Nein.” Den Willi kenne ich jetzt echt nicht mehr, war schon froh, dass sein PJ-Tertial jetzt endlich rum war und ich ihn nicht mehr sehen musste.
“Oh doch, Anna, Sie kennen den Willi sehr gut. Passen Sie auf, es ist Folgendes: Doktor Ungut hat beim Chef interveniert und dafür gesorgt, dass Willi nach seinem Examen eine Stelle bei uns bekommt.”
“Nein! Das hat er nicht wirklich getan!” Ich spuckte dem Gashahn fast ein halbes Käsebrötchen ins Gesicht, so heftig verschluckte ich mich. Der Gashahn tat, als würde er mein Röcheln nicht bemerken und fuhr seufzend fort: “Oh doch, das hat er getan. Ich weiß auch nicht, wieso er uns das antut, aber es kommt noch schlimmer. Der Ungut hat nämlich Sorge, dass der Willi die praktische Anästhesie-Prüfung nicht schafft.”
“Natürlich schafft er die nicht, aber das würde ich eher als Glücksfall bezeichnen.”, erwiderte ich, nachdem ich wieder Luft bekam.
“Nun…” der Gashahn lehnte sich in den Stuhl zurück. “Der Chef sieht das leider anders. Und der Ungut hat ihm zudem noch vermittelt, dass Sie dafür Sorge tragen könnten, dass er doch noch durch die Prüfung kommt.”
“Lieber nage ich mir das linke Bein ab.”
“Das ist sehr löblich von Ihnen, wird Ihnen aber nichts nützen. Der Chef war sehr deutlich in seinen Anweisungen. Sie haben dafür zu sorgen, dass der Willi die Prüfung besteht, und wenn nicht… nun, sagen wir mal so, er macht Ihre weitere Karriere davon abhängig.”
Jetzt musste ich doch noch einmal husten. “Was bitte? Warum macht das der Ungut nicht selbst?”
“Der fliegt morgen für drei Wochen auf die Kanaren, und die Prüfung ist schon heute in einer Woche. Prüfer ist übrigens Prof. Deutschmann, und der und unser Chef sind sich Spinnefeind, daher brauchen Sie es über diese Schiene gar nicht erst zu probieren.”
“Äh, und wie stellt sich der Chef das jetzt vor, dass ich dem Willi in einer Woche theoretische und praktische Anästhesie beibringe? Das haben wir alle doch in drei Monaten PJ nicht gepackt!”
Der Gashahn stand auf und klopfte mir ermutigende auf die Schulter. “Sie schaffen das schon. Und wenn nicht… naja, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken…” Sprache und verschwand aus dem Aufenthaltsraum. Ich starrte ihm fassungslos hinterher.
Und nun? Irgendwie musste ich wohl oder übel dafür sorgen, dass Willi diese Prüfung bestand. Ich überlegte ernsthaft, ob ich den Ungut noch vor seinem Urlaub ermorden sollte. Der Gedanke schien mir gar nicht mal so abwegig, aber es würde mein akutes Problem nicht lösen. Eine Woche mit Willi zu lernen war zum einen sinnlos und zum anderen würde ich es seelisch nicht durchstehen. Es musste eine andere Lösung geben… Prof. Deutschmann war eine Kapazität am örtlichen Uniklinikum… da fiel mir etwas ein. In seiner Abteilung kannte ich doch einen Anästhesisten… ein Plan reifte in mir heran… Es konnte eigentlich nur in einer absoluten Katastrophe enden, aber es war meine einzige Chance… Seufzend nahm ich mein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer…
Wie geht es weiter? Wird Willi die Prüfung bestehen? Und was muss ich tun, damit Willi den Hauch einer Chance hat? Das erfahrt Ihr bald hier…
Feb
1
Im aktuellen Spiegel (Heft 5.2012) ist ein interessanter Artikel über dramatische Fehler einer Anästhesistin, die mittlerweile zum dritten Mal wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung vor Gericht steht. Drei Patienten – ein vierjähriger Junge, eine 44-jährige und eine 78-jährige Frau – waren zwischen 1994 und 2009 im Rahmen von ambulanten Operationen in einer Bonner Praxis für Orthopädie verstorben. Im Falle des kleines Kindes konnte der Atemweg nicht gesichert werden, wohl auch, weil nicht das notwenige Kinderequipment bereitstand, in einem anderen Fall war die Patientin postoperativ nicht überwacht worden, sondern ohne Monitoring in ein Einzelzimmer verlegt worden (jetzt kann man spekulieren, denkbar ist sowas wie Opiatüberhang, darunter Aussetzen der Atmung, bei fehlender Überwachung ist das schnell tödlich). Der Spiegel verteufelt nun das ambulante Operieren im Allgemeinen, zu gefährlich, zu profitgierig. Ich würde es vielleicht nicht ganz so schauerlich darstellen, obwohl jeder Anästhesist die eine oder andere schaurige Geschichte aus dem ambulanten OP-Zentrum kennt, wo der Patient im Falle einer Komplikation unter Umständen nicht optimal versorgt ist. Natürlich steht ein ambulanter Operateur/ Anästhesist unter einem anderen finanziellen Druck. Wenn das Großkrankenhaus heute Oma Mayer nicht operiert, dann wird sie halt morgen operiert, das geht im ambulanten OP-Zentrum natürlich nicht so ohne weiteres. Damit will ich nicht sagen, dass es deshalb verzeihlich ist, Standards zu vernachlässigen, aber ich kann zumindest sehen, wie solche Katastrophen zustandekommen. Nicht verzeihlich ist es, Narkosen durchzuführen, für die ich nicht ausgerüstet bin (siehe dreijähriges Kind), oder für die es besondere Kompetenzen braucht (siehe dreijähriges Kind).
Normalerweise sind ambulante OPs schon deshalb so wenig komplikationsträchtig, weil vorher gnadenlos gesiebt wird (werden sollte) – das heißt, Oma Mayer kommt mit ihrer hochgradigen Aortenstenose sicher nicht auf den ambulanten OP-Tisch, auch wenn sie sich nur mal schnell etwas Metall aus dem Fuß entfernen lassen will. Es werden in erster Linie gesunde Patienten anästhetisiert, weil hier das Risiko für Komplikationen gering ist. Für alles andere gibt es die Kliniken, die dafür ausgestattet sind. Auch redet sich der Klinik-Anästhesist natürlich leicht, wenn er über die Fehler von niedergelassenen Kollegen urteilt. Wenn ich den Atemweg nicht gesichert kriege, dann hole ich mir jemanden, der das kann. Und was macht der Kollege in der Praxis? Der steht weiterhin alleine da. Der kann dann bestenfalls noch den Notarzt rufen, und wenn das nicht zufällig auch ein Anästhesist ist, dann heißt es back to square one.
Ich glaube, es ist sicherlich auch schwierig, unter finanziellem Druck Patienten abzulehnen, die mir angeboten werden, nur weil ich mir nicht so sicher bin, ob ich hier über die ausreichende Kompetenz verfüge. Meistens geht ja auch alles gut – aber gerade Kinder sind so ein Thema. Der Ausbildungskatalog für Anästhesisten sieht 50 Kindernarkosen vor (bei Kindern unter 5 Jahren). Die meisten Häuser haben keine Kinderanästhesie, daher geht man irgendwo hin und hospitiert. So habe ich es auch gemacht, ich habe insgesamt 53 Kinder unter fünf Jahren anästhesiert. Kann ich deshalb Kindernarkosen? Naja. Ich würde mich zumindest in einem ambulanten Setting nicht trauen, ein dreijähriges Kind zu betreuen. Daher denke ich, man sollte hier differenzieren zwischen der sicherlich indiskutablen Leistung von Einzelpersonen (wie sie hier nach der Beschreibung im Spiegel wohl vorlagen) und dem Verdammen einer ganzen Zunft.
Meine Meinung.
Jan
30
Die Leitstelle dirigierte uns in ein gepflegtes Reihenhaus. Wir kamen zeitgleich mit dem RTW an.
“Er ist da drinnen!” Die noch rüstige Dame von etwa Mitte 70 Jahren schob mich etwas zögerlich durch die Tür. Bei einem Blick in das angrenzende Wohnzimmer zählte ich noch drei weitere Personen, die ich für Kinder und Enkelkinder der Dame hielt. Gemessen an der Tatsache, dass das Einsatzbild Cardia 4 lautete, war man recht ruhig.
Der Mann lag im Bett, er war weitestgehend zugedeckt. Ein Blick durch das Zimmer sagte mir, dass er wohl schon lange schwer krank war.
“Er hat Lungenkrebs, wissen Sie? Metastasiert… überall hin. Seit einem halben Jahr hat er das Haus nicht mehr verlassen. Es war schrecklich.” Sie fing an zu weinen.
Ich schlug so pietätvoll wie möglich die Decke zurück und sah recht schnell, dass der Mann tot war. Sehr tot.
“Wie lange ist er schon tot?”, fragte ich.
“Zwei Stunden.”, antwortete die Ehefrau schluchzend. Ich runzelte die Stirn. “Sie werden ihn doch wohl nicht wiederbeleben?”, fragte die Frau ängstlich. “Das hätte er nicht gewollt!”
Nein, vielen Dank für das Vertrauen in die ärztliche Kunst, aber eine Wiederbelebung nach zwei Stunden ist wohl nicht mehr sinnvoll. In so einem Fall, in dem mir die Ehefrau gleich noch sämtliche Arztbriefe und eine Patientenverfügung präsentierte, wäre auch ein Wiederbelebungsversuch nach drei Minuten zu unterlassen gewesen. Aber wieso wird dann immer wieder der Notarzt gerufen? In diesem Fall mussten wir eine geschlagene Stunde auf die Polizei warten (was ich den Angehörigen auch lieber erspart hätte), nur um den Herren und Damen in grün ein kurzes: “alt, krank, Krebs, kein Anhalt für einen nicht-natürlichen Tod” zuzunuscheln und dann schleunigst zu verschwinden. Es wird eh nur eine vorläufige Todesbescheinigung ausgefüllt, die Polizei und die Angehörigen dürfen dann trotzdem noch sehen, wo sie einen Arzt auftreiben, der die endgültige Todesbescheinigung ausstellt. In einigen ländlichen Gebieten mögen die Notärzte das anders handhaben, in der Stadtrettung ist die Ausstellung der endgültigen Todesbescheinigung durch den Notarzt eher unüblich. Persönlich habe ich noch NIE eine endgültige Todesbescheinigung im Notarztdienst ausgestellt (auch nicht in der Landrettung), primär, weil ich dann das Gefühl habe, ich würde irgendwas vertuschen. Das ist natürlich Blödsinn, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass, wenn ich einen Fehler gemacht haben sollte, der dann auf ewig ungesühnt bliebe (auch wenn man argumentieren kann, dass man bei einem toten Patienten ja primär auch nicht mehr viel falsch machen kann). Aber das mag auch nur meine eigenwillige Weltsicht sein.
Und was lernen wir daraus? Wenn jemand schon ein paar Stunden tot ist, dann sollte man das beim Anruf in der Leitstelle wenigstens so kommunizieren…
Jan
22
Es ergab sich an einem schönen Wochenende, dass ich von einem akuten Anfall von Hypochondrie befallen wurde. Eine Schwellung am Bein, die mit Sicherheit mindestens eine tiefe Beinvenenthrombose darstellte, machte mir das Leben schwer. Da ich mich auch gerade im Frei befand, konnte ich nicht so einfach bei mir in der Klinik diskret Labor abnehmen und einen vertrauensvollen Kollegen mal ganz schnell Dopplern lassen – also fühlte ich mich bemüßigt, in die Notaufnahme eines Großkrankenhauses am anderen Ende der Stadt zu fahren – weit weg, damit mich bloß keiner kennt. Ich entschied mich für die inkognito-Variante, um mich hemmungslos in meinen hypochondrischen Anwandlungen wälzen zu können, ohne, dass ich von den Kollegen dort gefragt würde, ob das jetzt WIRKLICH MEIN ERNST sei – so als Mediziner und so.
Ich schaffte es auch tatsächlich inkognito in den Untersuchungsraum und hatte das erste Gespräch mit einer sehr freundlichen Internistin hinter mich gebracht, in dem ich einfach nur brav bei allem nickte, was sie mir erklärte. Während sie mir gerade Blut abnehmen wollte, öffnete sich die Tür und eine Schwester kam herein. Sie musterte mich eine Weile.
“Ich kenne Sie doch!”, sagte sie schließlich.
“Ausgeschlossen.” erwiderte ich.
“Doch, doch… warten Sie mal… waren Sie schon mal hier?”
“Noch nie!” Mir rannte bereits der Schweiß von der Stirn.
“Warten Sie… ich kenne Sie aus dem Klinikum xyz!” Na toll, xyz ist das Krankenhaus, in dem ich tätig bin, auch das noch. Zum allem Überfluss musste ich mir eingestehen, dass die Dame mir auch verdächtig bekannt vorkam. “Ja! Da war ich bis vor ein paar Wochen noch in der Notaufnahme tätig!”, rief sie aus und überlegte angestrengt weiter. “Arbeiten Sie vielleicht im Klinikum xyz?”
“Äh…”, sagte ich und überlegte krampfhaft, wie man am besten NEIN sagt, ohne NEIN zu sagen.
“Na klar! Jetzt weiß ich’s! Sie arbeiten auch als Notärztin, richtig? Daher kenne ich Sie!” Ich wurde puterrot.
“Möglicherweise habe ich das ein oder andere Mal…”
“Ach, Sie sind Kollegin?” mischte sich die Internistin in die Debatte ein. “Welche Fachrichtung denn?”
“Anästhesie…”, nuschelte ich so leise, dass ich hoffte, sie würde es vielleicht nicht hören.
“Sie sind Anästhesistin? Und dann ist dieser Mückenstich hier WIRKLICH IHR ERNST?”
Ja… das war wohl nichts.
Jan
20
“Was’n los, Dackel gestorben?”, fragte ich in meiner üblich charmanten Art, als ich Claudius in der Stationsküche sitzen sah. Der Student sah aus wie ein begossener Pudel.
“Fast.”, erwiderte er. Dabei schluchzte er herzzerreißend. Ich brachte es nicht über mich, einfach weiterzugehen, denn Claudius war einer der netten Studenten. Also setzte ich mich.
“Sprich.”, forderte ich ihn auf. Er seufzte lang und spielte dabei mit seiner Kaffeetasse.
“Es geht um mein Examen.” Ach so. Ich dachte schon, es sei vielleicht etwas Spannendes.
“Was ist damit? Hast du Angst, du könntest durchfallen? Brauchst du nicht, du machst das alles super!”
Er lächelte mich dankbar an. “Danke, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist meine Examenszulassung. In drei Tagen ist Anmeldeschluss und ich habe meine Unterlagen schon vor Wochen eingereicht. Jetzt habe ich ja bis letztes Jahr in einem anderen Bundesland studiert. Ich habe mir vom dortigen Landesprüfungsamt alle Unterlagen besorgt und jeden einzelnen Schein hier eingereicht. Ich habe es genau nach Vorschrift gemacht. Mehrfach musste ich in meine alte Heimat fahren, um noch Scheine umschreiben zu lassen, weil irgendwas nicht passte, aber jetzt dachte ich, ich hab alles.”
“Und dem ist nicht so?”, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. Es gibt wohl keinen Studenten oder jungen Assistenzarzt, der noch keine Kämpfe mit den Bürokraten von Landesprüfungsamt oder Ärztekammer hat ausstehen müssen.
Claudius schüttelte betrübt den Kopf. “Jetzt gefällt ihnen mein Pädiatrie-Schein nicht.”
“Was gibt es denn daran auszusetzen?” Ich konnte mir zwar einiges vorstellen, was es daran auszusetzen geben könnte, aber auf das, was kam, war ich echt nicht gefasst.
“Nun, auf meinem Schein steht drauf, dass ich den Kurs und die Prüfung im Fach Pädiatrie bestanden habe.” So weit, so gut. “Das Landesprüfungsamt will den Schein aber so nicht anerkennen. Da darf hier nämlich nicht ‘Pädiatrie’ draufstehen, das muss ‘Kinderheilkunde’ heißen.” Er schluchzte wieder.
“Aber das ist doch das gleiche!”, rief ich aus. Er zuckte mit den Schultern.
“Klar ist es das, aber das Landesprüfungsamt wird das so nicht anerkennen. Und ich bekomme innerhalb von drei Tagen keinen neuen Schein aus der Heimat. Das geht einfach nicht. Dann kann ich erst in einem halben Jahr Examen machen. Und das nur, weil dem Landesprüfungsamt ein Wort nicht gefällt!”
Was soll man dazu sagen? Der Amtsschimmel wiehert mal wieder.
Claudius rief am nächsten Tag nochmals beim LPA an, erwischte einen anderen Sachbearbeiter, der anscheinend einen besseren Tag hatte. Dieser nahm sich der Sache an und winkte den Pädiatrie-Schein durch. Claudius machte daraufhin ein exzellentes Examen und arbeitet jetzt als Assistenzarzt in der Pädiatrie. Oder Kinderheilkunde.
Jan
15
Mal nur so am Rande… ich bin ja auch ein bequemer Mensch und habe nichts dagegen, mir das Leben einfach zu machen. Gleichzeitig habe ich eine Vorliebe für korrekte Orthographie und Interpunktion. Daher macht es mich ganz kirre, wenn meine Mitmenschen auf diese nicht ausgereifte Diktierfunktion zurückgreifen, wenn sie mit mir kommunizieren wollen. Es macht mich wahnsinnig, wenn ich eine Nachricht auch noch dahingehend interpretieren muss, was sie heißen könnte. Aktuelles Beispiel, gerade kam eine Nachricht rein, die da lautet:
Hat er schon gemacht er ist trotzdem Fuchs sich
Hmm… was ist er? Ein Fuchs? Er verwandelt sich in einen Fuchs?
oder das hier, auch schön:
Wozu brauchen werben
Aus dem Kontext kann ich entnehmen, dass es wahrscheinlich heißen soll: Wozu brauche ich Verben? Aber sicher bin ich mir da nicht…
Oder vielleicht möchte mir bei diesem Satz jemand helfen?
Der Diesel Papa Deiniges nix hab ich gemacht
Aus dem Kontext kann ich hier nicht entnehmen, was mein Vater oder Diesel mit der Diskussion zu tun haben könnten.
Ich werde mich wohl weiterhin auf das Tippen verlegen.
Jan
12
Bevor wieder jemand fragt, nächster geschilderter Fall ist nur zur ANSCHAUUNG dargelegt und reine Fiktion…
Die Studentin stand neben mir in der Einleitung und sah mir interessiert bei Legen eines zentralvenösen Katheters zu. Frau Müller war dement und 90 Jahre alt, trotzdem musste sie sich noch einem größeren intraabdominellen Eingriff unterziehen. Die Liste ihrer Vorerkrankungen war so lang wie mein Arm. Herzinsuffizienz, Diabetes, Vorhofflimmern… um nur einige zu nennen. Geduldig erklärte ich der Studentin, wie ich beim Legen des Katheters vorging.
“Du stichst mit der Nadel hier neben der Arteria carotis ein und hoffst, dass du daneben die Vena jugularis intern findest.” Ich stach der guten Frau in den Hals und hatte das seltene Glück, das Gefäß nicht wie sonst erst nach längeren Manipulationen zu treffen. “… dann aspirierst du, und wenn es so aussieht, als könne es venös sein, also nicht hellrot ist und beim Abnehmen der spritze pulsatil heraussprudelt, dann legst du den Draht ein.” Ich nahm den Seldinger Draht vom Tablett und schob ihn vor. Ich hatte einen guten Tag, er verfing sich nicht irgendwo, sondern ging gerade durch. “Wo soll der Draht denn hingehen?”, fragte ich die Studentin. Sie überlegte kurz. “Also, idealerweise geht er in Richtung des rechten Vorhofs und schlägt nicht vorher in irgendein anderes Gefäß um.” Ich nickte begeistert hinter meinem Mundschutz. “Und wie bekomme ich einen starken Hinweis, dass ich mit meinem Draht richtig liege?”, schob ich enthusiastisch nach. Sie überlegte erneut.
“Das weiß ich leider nicht.”
“Macht nichts!” Mein Lehreifer war ungebrochen. “Pass auf, was liegt denn im rechten Vorhof für eine wichtige Struktur?”
“Der Sinusknoten?” Die Studentin hatte vor Aufregung schon ganz rote Wangen.
“Richtig! Wenn ich also meinen Draht ein wenig hin und her bewege…” Ich vollführte eben diese Bewegung mit dem Draht. “…dann sehe ich kurzzeitig im EKG Extrasystolen.” Das ist der Moment, in dem wahrscheinlich jeder medizinisch gebildete Mensch entsetzt die Luft anhält. Tatsächlich, auf dem Monitor zeigten sich nicht nur kurz Extrasystolen, sondern etwas, das man mit viel gutem Willen als Vorhofaktionen ohne Überleitung bezeichnen könnte. Was heißt das? Nun, das Herz schlägt gerade nicht… eine halbe Monitorlänge und ein entsetzter Schrei der Studentin später setzt glücklicherweise wieder eine normale Herzaktion ein.
Und ich durfte der Studentin erklären, dass man bei Patienten mit Vorhofflimmern solche Aktionen doch tunlichst unterlassen sollte. Aus den eben dargelegten Gründen. Und wieder einer für die Kategorie: Satz mit X…
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